Ausgabe 41/2016: Interview mit Generalvikar Harald Heinrich über die Pastoralvisitation im Dekanat Benediktbeuern und zur Pastoralen Raumplanung

Eine Chance für die Verkündigung – Generalvikar nimmt aus dem Dekanat Benediktbeuern viele positive Anregungen mit

Pfarrer Willi Milz in der Jache­nau fährt einen Allrad, damit er zu den Leuten kommen kann. Die südöstlichste Pfarrei der Diözese Augsburg umfasst 753 Katholiken, ist 129 Quadratkilometer groß und besteht zu 80 Prozent aus Wald. In Penzberg hingegen leben Menschen aus 80 verschiedenen Nationen. Am Ort gibt es auch eine Moschee: Eindrücke aus dem Dekanat Benediktbeuern, das Generalvikar Harald Heinrich bei den Pastoralvisitationen besucht hat. Im Interview mit unserer Zeitung schildert er wichtige Erkenntnisse für die Pastorale Raumplanung, auch über das Dekanat hinaus.

Herr Generalvikar, in der Jache­nau herrschte ja eine gewisse Angst, Sie könnten den Leuten „den Pfarrer wegnehmen“. Wie haben Sie die Visitation erlebt?

In diesem Fall konnte ich die Leute beruhigen. Die Jachenau ist etwas ganz Spezielles in der Diö­zese. Man kommt ja normalerweise nur über Münchner Gebiet dorthin. Die Pastorale Raumplanung sieht zwar die Zuordnung zur Pfarreiengemeinschaft Benediktbeuern vor, aber wir werden darauf schauen, dass ein Seelsorger vor Ort ist. Die geografische Ausdehnung – das Tal erstreckt sich über 17 Kilometer – ist wirklich sehr besonders.
Ansonsten sind die Menschen, im guten Sinn gesprochen, mitten in Oberbayern. Sie pflegen die Tradition und bewahren auch die religiösen Traditionen. Es gibt eine gute Verbindung von der politischen Gemeinde zur Kirche. Es ist sehr viel an Rückhalt da. Interessant ist auch, dass ein Rheinländer dort Pfarrer ist, sich sehr wohl fühlt und sehr gut mit den Menschen auskommt. Das hat man auch bei der Visitation gemerkt: Die Jachenauer schätzen ihren Pfarrer und Seelsorger!

Sie haben mit der Visitation im Dekanat Benediktbeuern im April in Murnau begonnen. Dann ging es weiter mit den Pfarreiengemeinschaften Benediktbeuern, Habach, Seeshaupt, Staffelsee und dann mit den Pfarreien Jachenau, Walchensee und Bad Heilbrunn. Gibt es da Gemeinsamkeiten – vielleicht auch in Bezug auf das Kloster?

Ich stellte in jeder Visitation innerhalb des Dekanats die Frage: Welche Bedeutung hat das Kloster Benediktbeuern für Sie als geistliches Zentrum? Hier habe ich sehr bestärkende und positive Antworten bekommen, dass das Kloster ein besonderer Ort für diese Region ist. Im Rahmen der Ulrichswoche kam ja in diesem Jahr auch der heilige Ulrich nach Benediktbeuern. Mir war außerdem klar, dass das Dekanat ein Teil der Diözese ist, der geografisch sehr nahe bei München liegt. Umso interessanter, als ein Mesner einer Pfarrei, die direkt an der Diözesangrenze liegt, zu mir sagte: „Wir weisen die Leute immer wieder darauf hin, dass wir zu Augsburg gehören und einen heiligen Ulrich in der Kirche haben!“ Das Bewusstsein hierfür ist also schon vorhanden: Wir gehören zur Diözese Augsburg.
Umgekehrt war es mir wichtig, dass die Menschen mit einem anonymen Begriff wie „Diözesanleitung“ ein Gesicht verbinden können. Und noch etwas fiel mir auf: Ich stamme aus dem Allgäu und bin dadurch vertraut mit Brauchtum und Traditio-nen. Doch dieser Sinn ist in Oberbayern noch stärker ausgeprägt. Es gibt in jeder Pfarrei Trachtenvereine, teilweise noch Gebirgsschützen. Die Sonntagskleidung bei vielen ist die Tracht, in den Städten vielleicht nicht ganz so stark, aber doch präsent, in der Jachenau natürlich ganz stark.
Überall wurde mir immer wieder gesagt, wie wichtig und gut die Verbindung zu den Vereinen ist. Dass dort ein gutes Miteinander herrscht, ist für mich eine erste positive Einschätzung. Selbst wenn zum Beispiel nicht mehr alle wissen, was an Fronleichnam passiert: Die Menschen sind da, und das stellt dann auch eine Chance für die Verkündigung dar, die man nutzen sollte. Tradition und Brauchtum sind noch sehr lebendig, da ist auch ein guter Anknüpfungspunkt für die Neuevangelisierung.

Das Wochenende an Kirchweih verbringen Sie in Penzberg, in jeder Hinsicht eine besondere Stadt. Auch wegen des Arbeitgebers Roche, durch den Menschen aus 80 Nationen dort leben. Pfarrer Bernhard Holz hat uns mitgeteilt, dass das ökumenische und interreligiöse Miteinander sehr gut funktioniert. Werden Sie auch die Moschee besuchen?

Es trifft sich sehr gut, dass Penzberg den Abschluss der Visitationen bildet. Die Stadt stellt innerhalb des Dekanats sicher noch einmal eine ganz andere Situation dar. Der Name Roche fiel schon im bisherigen Verlauf der Visitationen im Dekanat oft, weil es ein ganz wichtiger Arbeitgeber ist. Ich bin jetzt gespannt auf die Pfarrei, wo Pfarrer Holz vor etwa einem Jahr als Nachfolger von Pfarrer Josef Kirchensteiner gut begonnen hat.
Im Programm der Visitation ist  die Begegnung mit dem Imam auf jeden Fall vorgesehen. Es geht ja bei jeder Visitation darum, nicht nur den Kindergarten zu besuchen, sondern die Eigenart einer Pfarrei oder Pfarreiengemeinschaft kennenzulernen. Penzberg ist ein sehr positives Beispiel, dass man miteinander reden kann.
Soweit ich weiß, war früher zudem der Bergbau sehr stark, so dass Penzberg wohl früher den Ruf hatte, eine „rote“ Stadt zu sein. Und doch liegt es eben auch mitten in Oberbayern. Ich bin sehr gespannt, wie präsent in dieser Stadt die Pfarrei ist und wie sie dort wahrgenommen wird. Wichtig im Blick auf die Umsetzung der Pastoralen Raumplanung ist mir auch, dass wir dort tatsächlich die einzigartige Situation hatten, dass zwei Pfarreien zusammengelegt werden wollten. Diesen Prozess hatte Pfarrer Kirchensteiner gut vorbereitet und begleitet. Und es scheint gut zu funktionieren. Da möchte ich genau hinhören, welchen Weg die Menschen dort gegangen sind – vielleicht kann man manches mitnehmen im Hinblick auf andere Pfarreien gerade im städtischen Bereich, die sich auf einen solchem Weg machen wollen oder auch sollten.

Dekan Robert Walter erzählte unserer Zeitung, die Visitation habe sehr gut getan. Offensichtlich war es höchste Zeit, dass im Vorjahr nach einer längeren Pause wieder damit begonnen wurde. Kommen nun alle Dekanate an die Reihe?

Im Falle des Dekanates Benediktbeuern lag die letzte Visitation tatsächlich 15 Jahre zurück: Damals war Prälat Dietmar Bernt der Visitator. Der Bischof hat einschließlich seiner Person und der beiden Weihbischöfe sechs Visitatoren bestellt, wobei Weihbischof Anton Losinger nächstes Jahr nicht visitieren wird. Im Normalfall übernimmt jeder Visitator ein Dekanat. Es gibt natürlich ganz unterschiedlich große Dekanate. Manche kann man nur auf zwei Jahre visitieren.
Wir sind eine große Diözese mit 23 Dekanaten. Es ist schon sehr anspruchsvoll, zehn oder zwölf Wochenenden neben all den anderen Verpflichtungen nur für Visitationen freizuhalten. Da wird man Schritt für Schritt vorgehen und es wird einige Jahre dauern, bis wir durch sind. Wir wählen bewusst das Wochenende, bei größeren Pfarreiengemeinschaften beginnen wir bereits am Freitag und dann wenigstens bis Samstagabend, bei den meisten Visitationen sogar bis Sonntag, wo dann der Abschlussgottesdienst stattfindet. Wir haben bei der Planung genau hingeschaut, wo die Visitationen besonders lange zurückliegen.

Im vorigen Jahr haben Sie das Dekanat Augsburg I visitiert, wozu auch die Stadtmitte gehört. War das ein Kontrastprogramm zu Benediktbeuern?

Ja und nein. Zunächst einmal war es auch hier eine sehr positive Erfahrung. Ich war sehr angetan, dass es zu so offenen, freundlichen und wertschätzenden Begegnungen kommt. Ich habe bis jetzt noch nirgends in irgendeiner Form ein kühles oder aggressives Klima festgestellt. Das heißt nicht, dass es nicht ein kritisches Nachfragen gibt. Aber da liegt kein Unterschied zwischen Stadt und Land. Diesbezüglich waren die Visitationen in Augsburg nicht „schwieriger“ als im Dekanat Benediktbeuern.
Unterschiedlich, teilweise dramatisch, war die Situation in Augsburg beim Rückgang der Katholiken: Ich habe von einer Pfarreiengemeinschaft mitbekommen, die innerhalb von zehn Jahren fast 4000 Katholiken verloren hat. In einer Pfarrei sind in zehn Jahren 1000 Leute aus der Kirche ausgetreten. Das sind noch einmal ganz andere Dimensionen als auf dem Dorf! Und trotzdem gibt es unterschiedslos in der Stadt wie im ländlichen Gebiet immer noch oft zahlreiche ehrenamtlich Engagierte. Der Altersdurchschnitt auf dem Land ist hier noch etwas jünger. In den Stadtpfarreien sind manche Ehrenamtliche mit ihrem Pfarrer alt geworden. Aber das Engagement ist sehr intensiv.
Augsburg zu visitieren war für mich auch insofern interessant, weil ich hier einmal Kaplan war. Und ich habe Pfarreien kennengelernt, von denen ich bisher nicht viel wusste: Mit der Firnhaberau oder auch der Hammerschmiede haben wir beispielsweise sehr lebendige Pfarreien. Das war in beiden Fällen sehr beeindruckend. In beiden Pfarreien sind die Pfarrer schon sehr lange dort. Beide jeweils über 40 Jahre. Da herrscht dann schon eine besondere Kontinuität, die sich sehr positiv bemerkbar macht.

Bereits im Vorfeld wird in den Pfarreien ein Fragebogen ausgefüllt. Die Visitatoren führen Protokoll. Wie groß ist der Arbeitsaufwand im Nachhinein?

Es ist das Verdienst von Domvikar Martin Riß, der eine Datenbank für die Visitatonen aufgebaut hat, die es ermöglicht, alle Inhalte und Daten abzurufen und auszuwerten. Er hat hier viel Vorbereitungsarbeit geleistet und steht auch immer für Nachfragen zum Thema Visitationen zur Verfügung. Jede Pfarreiengemeinschaft muss im Vorfeld einen Erhebungsbogen ausfüllen, der sicher für die Pfarreien relativ umfänglich ist, aber auch als Quelle für uns sehr wichtig ist. Aufgegliedert in die Bereiche Liturgie, Verkündigung, Diakonie und Einrichtungen kommt man hier auf einen aktuellen Stand. Im Nachgang wird ein sogenannter Visitationsbericht erstellt. Das nimmt schon eine gewisse Zeit in Anspruch. Ich schaue, dass es nicht länger als drei Monate bei mir dauert – wobei mir auch wichtig ist, nicht einfach nur ein paar Zeilen hinzuschreiben. Das ist mir die Sache wert.
Visitationsberichte werden von allen Visitatoren verfasst. In den Berichten stehen unter anderem dann auch Empfehlungen und Hinweise. Insgesamt sollen sie den Charakter einer Bestärkung haben. Es geht ja in erster Linie nicht um Kontrolle, auch wenn man bisweilen Defizite sieht und im Gespräch darauf hinweisen kann. Es geht darum, den Pfarrer zu unterstützen; wie auch um ein klares Zeichen der Wertschätzung gegenüber den hauptamtlichen und auch den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern in den Pfarreien. Ich komme ja auch nicht mit einem „pastoralen Rezept“. Aber man kann manches anregen, den Blick neu darauf lenken. Das ist der Sinn des Ganzen.

Die Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften nehmen Ihren Besuch sehr ernst. In Bad Heilbrunn will sich Professor Pater Karl Bopp beispielsweise als Folge der Visitation um eine größere Vielfalt bei den Gottesdienstformen bemühen.

In diese Richtung ging meine Wahrnehmung schon beim Erhebungsbogen. Meistens ist es so, dass Domvikar Riß sich das schon einmal anschaut und auch manches anmerkt. Wir gehen den Bogen dann noch einmal durch, und man bekommt so einen gewissen Blick. Mich interessieren zum Beispiel auch die Kindergärten sehr, ein wichtiges Feld. Wir haben Kindergärten ja nicht, um sie zu verwalten. Eine andere zentrale Frage lautet: Wie ist das pastorale oder liturgisches Leben, über die Heilige Messe hinaus? Gibt es noch Gläubige, die gemeinsam den Rosenkranz beten oder sich zum Stundengebet treffen? Manchmal ist es hier ziemlich mau. Deshalb spreche ich eine Ermutigung aus. Auch wenn nicht viele Leute kommen, gerade hier gilt Christi Wort: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind! Das gemeinsame Gebet hat einen großen Wert und ist wichtig für die Pfarrei!
Ich kann mich auch an eine Stadtpfarrei erinnern, wo es hieß, jemand würde gerne eucharistische Anbetung machen, traut sich aber nicht so recht. Ich habe geantwortet: „Fangen Sie doch einfach an, sie können nichts falsch machen! Haben Sie einen langen Atem, Sie werden da nicht gleich Erfolge sehen.“ Ich frage die Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften auch immer nach dem Wesentlichen: Wo kommt ihr im Gebet zusammen? Was geschieht an Spirituellem? Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es schlimm ist, wenn es keinen Bibelkreis mehr gibt – wenn es nicht einmal mehr fünf Leute gibt, die zusammenkommen, um im Wort Gottes zu lesen und es zu teilen.

Gibt es durch die Visitationen vielleicht auch Änderungen bei der Pastoralen Raumplanung?

Ganz wichtig: Wir gehen hier weiterhin sukzessive vor, das heißt, nicht mit irgendwelchen Stichtagen. Das wird weiterhin der Weg sein, den wir konsequent gehen müssen. Bei den Visitationen richten wir den Blick darauf, ob Planung und konkrete Situation vor Ort übereinstimmen. Schon so manches Mal habe ich hier wichtige, auch neue Erkenntnisse gewonnen!
Ein Beispiel im Dekanat Benediktbeuern ist die geplante Erweiterung der Pfarreiengemeinschaft Staffelsee durch die Pfarreiengemeinschaft Habach. Wir sind einmal bewusst die ganze Strecke abgefahren, auch wenn uns das Navi anders geleitet hätte, und dann sahen wir ganz konkret und nicht bloß auf der Karte, um welche Entfernungen es sich handelt. Wenn wir eines Tages wirklich nicht mehr anders können und keine Priester mehr haben, dann mag es so kommen. Aber ich hoffe zum Beispiel in diesem Fall, dass wir diese Zusammenlegung möglichst lange hinauszögern können.
Wenn mehrere Dörfer über 30 Kilometer hinweg gleich groß sind, wie soll da etwas zusammenwachsen? Das kann ein Pfarrer schwer leisten, auch wenn er einen Kaplan und einen pastoralen Mitarbeiter hat, wenn er acht oder neun Dörfer bespielen soll, die letztlich alle die gleichen Erwartungen haben. Das funktioniert schon von der geografischen Ausdehnung her nur sehr schwer. Auch im Dekanat Augsburg I ist mir klar geworden, dass wir bei der Raumplanung gegebenenfalls noch etwas korrigieren müssen. Von daher sehe ich die Visitationen als sehr wichtig an. Ich sage das auch den anderen Visitatoren: Meldet neue Erkenntnisse, damit wir mit den Pfarreien noch einmal darüber sprechen können!

Wie wichtig ist, auch im Lichte der Visitationen, der Beitrag ausländischer Geistlicher?

Wenn wir die Pastorale Raumplanung so umsetzen wollen, wie vorgesehen ist, dann sind die ausländischen Priester unverzichtbar! Sonst würde das schon jetzt nicht mehr funktionieren. Dass wir viele Pfarreiengemeinschaften mit einem zweiten Priester ausstatten können, verdanken wir den ausländischen Priestern.
Dem Bischof war und ist es bei der Pastoralen Raumplanung sehr wichtig, dass die Feier der Eucharistie im Zentrum steht. Wir versuchen zu gewährleisten, dass jeder die Eucharistie am Sonntag ohne allzu weite Fahrt mitfeiern kann. Wir sind immer noch ein Bistum, wo im Normalfall drei, vier Kilometer weiter dann ja eine Heilige Messe stattfindet. Meistens muss man nicht weit schauen, um den nächsten Kirchturm zu sehen! Wir dürfen allerdings auch nicht die Augen davor verschließen, dass in der Stadt und in den Dörfern die Zahl der Gottesdienstbesucher weiter rückläufig ist. Auch deshalb ist ein stärkeres Zusammenwachsen zu einer größeren Einheit unbedingt sinnvoll. In diesem Zusammenhang möchte ich auch sagen: Die ausländischen Mitbrüder sind für uns sehr wertvoll und wichtig! Da geht es nicht um die angebliche Aufrechterhaltung eines „Systems“, sondern um das Wesen der Kirche: Sie ist sakramental und eucharistisch. Deshalb bin ich sehr froh über die ausländischen Mitbrüder und ihren Dienst in unserer Diö­zese.

Interview: Victoria Fels, Johannes Müller