Ausgabe 4/2016: Interview mit Dogmatik-Professorin Gerda Riedl über den Jubiläumsablass im Heiligen Jahr

Durch das Jahr der Barmherzigkeit rückt ein Begriff in den Mittelpunkt, den heute viele Menschen nicht mehr verstehen: der Ablass. Papst Franziskus hat jedem, der eine Reihe von Bedingungen erfüllt (siehe „Bedingungen für den Jubiläumsablass“), einen vollkommenen Ablass in Aussicht gestellt. Was bedeutet dies – jetzt, mitten im Leben, und später in der Ewigkeit? Dogmatik-Professorin Gerda Riedl geht für unsere Zeitung dem Thema nach. Sie leitet die Hauptabteilung VI der Diö­zese Augsburg, Grundsatzfragen: Glaube und Lehre – Hochschule – Gottesdienst und Liturgie.

Frau Professor, wenn jemand heute das Wort Ablass hört, denkt er womöglich an den Ablasshandel zur Zeit Martin Luthers und den Satz: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Hat der Ablass zu Recht einen zweifelhaften Ruf?

Seit nunmehr beinahe 500 Jahren bringt der leidige Streit um den Ablasshandel die Kirche in Misskredit. Zuvorderst: Martin Luther hatte nichts Unrechtes getan, als er seine Thesen zum Ablass 1517 publik machte; eine Diskussion über die damalige Ablasspraxis wollte er vor allem anstoßen. Anschließend nahm das Unheil freilich seinen Lauf; die Reaktionen beider Seiten schaukelten einander hoch. Jede Seite meinte je neu ihr Gesicht nicht verlieren zu dürfen; die Folgen sind bekannt: Politisierung des Themas, Konfessionalisierung der Religion bis hin zu mörderischen Religionskriegen. Das hatte der Ablass nicht verdient, – und die eine Kirche Jesu Christi schon gar nicht, da zu keinem Zeitpunkt der Kirchengeschichte das Seelenheil einfach käuflich war.

Gemeinhin lernt man ja vor der Erstkommunion, dass das Sakrament der Beichte die Vergebung der Sünden bewirkt. Wie reiht sich hier der Ablass ein?

Das ist eine gute Frage! Also: Das Sakrament der Versöhnung bewirkt zweifelsohne für alle Sünden eine vollständige Vergebung und die Wieder-Versöhnung mit Gott. Unbeschadet dessen verbleiben jedoch Folgen unserer Sünden oder, wie Papst Franziskus es ausgedrückt hat, „negative Spuren, die diese in unserem Verhalten und in unserem Denken hinterlassen haben“ (Misericordiae Vultus 22). Diese sogenannten ,zeitlichen Sündenfolgen‘ können durch den Ablass beseitigt werden; ihn schenkt uns Gott durch die Kirche. Eigene innere Einkehr und göttliches Geschenk bilden dabei zwei Seiten einer Medaille: Damit Gottes Geschenk überhaupt seine Wirkung entfalten kann, muss man sich selbst darauf einlassen. In Einzelnen: Machen Sie eine Pilgerreise nach Rom, treten Sie durch die Heilige Pforte in unseren Dom oder besuchen Sie eine der Ablasskirchen. Auch das Verrichten eines oder mehrerer Werke der Barmherzigkeit (vgl. Gotteslob 29,3) ist ersatzweise denkbar. Ein zweiter Schritt dient geistlicher Annäherung: Besinnen Sie sich auf Gottes Barmherzigkeit, beten Sie für den Heiligen Vater sowie seine Anliegen und meditieren Sie die Aussagen des Glaubensbekenntnisses (vgl. Gotteslob 3,4). Denn das Glaubensbekenntnis benennt die wesentlichen Stationen der Heilsgeschichte des dreieinen Gottes mit uns, erinnert uns an Gottes unendliche Liebe zu den Menschen und lädt uns ein, diese geschenkte Liebe weiter zu schenken. Daher hat Papst Benedikt XVI. über den Ablass geschrieben: Der Ablass „lädt uns ein, am weißen Gewand der neuen Menschheit mitzuweben, das gerade in seiner Einfachheit die wahre Schönheit ist“ (Portiunkula. Was Ablass bedeutet, 1997). Bin ich diesen Weg bewusst gegangen, werde ich seinen sakramentalen Höhepunkt – den Empfang des Sakraments der Versöhnung, die Mitfeier der heiligen Messe und das Einswerden mit Jesus Christus im Kommunionempfang – als tiefe innere Bereicherung erfahren.


Welche positiven Folgen hat es für den Gläubigen, wenn er einen Ablass erwirbt – auf Erden und später nach dem Tod?

Es ist schlicht und einfach ein Grund zu spiritueller Freude. Oder lassen Sie es mich anders sagen: Wer den Weg des Ablasses beschreitet, der durchschreitet drei Stadien. Zunächst tritt man ein und wird von Gott geheiligt, danach öffnet man sich und wird mit Gott versöhnt, schließlich darf man sich freuen und von Gott beschenken lassen. Glauben Sie mir, es kann ein echtes Erlebnis sein: Man übt Gemeinschaft ein, – man spürt, dass einen nichts mehr von Gott trennt, – man traut sich, dieses Geschenk an Andere weiterzugeben.

In Deutschland ist der Ablass besonders durch die Auseinandersetzungen zur Zeit Luthers in Schieflage geraten. Kann es sein, dass der Reformator gar nichts gegen den Ablass hätte, wie er heute erklärt wird?

Ganz ehrlich: Das weiß ich nicht zu sagen. Allerdings habe ich im Laufe meines Glaubenslebens gelernt, nicht vorschnell Vereinnahmungen zu pflegen. Mag ja sein, dass Martin Luther heutzutage bei weitem weniger an der jetzt römisch-katholischen Kirche und ihrer Ablasspraxis zu kritisieren fände. Ich hoffe es zumindest! Aber Gegenfrage: Können wir wirklich sicher sein, dass er sich mit der theologischen Begründung des Ablasses anfreunden würde? Ich fürchte nicht: Er nähme wahrscheinlich nach wie vor Anstoß an dem, was er und andere Reformatoren ,Werkgerechtigkeit‘ nannten. Wir hätten gute Antworten darauf; also kämen wir wohl ins Gespräch. Und ich glaube zuversichtlich: Wir fänden andere Lösungen für unsere Differenzen als vor 500 Jahren.

Zu den Heiligen Jahren gehört seit jeher der Ablass. Neu ist hingegen der Aspekt der Barmherzigkeit, den Papst Franziskus in diesem Heiligen Jahr besonders betont. Spielt hier der Ablass überhaupt eine wichtige Rolle, oder gehört er mehr zu den Nebenschauplätzen?

Nichts macht im Letzten den Ablass so wertvoll wie der Hinweis auf die Barmherzigkeit, – wohlgemerkt: die Barmherzigkeit Gottes. Er, Gott, vergibt uns, er, Gott, gibt sich. Seinem Beispiel folgen wir Menschen, wenn wir den Ablass für Andere erwirken oder im Zusammenhang mit dem Ablass die Werke der Barmherzigkeit pflegen.

Interview: Johannes Müller, Nathalie Zapf

 

Bedingungen für den Jubiläumsablass

Den Jubiläumsablass im Heiligen Jahr zu gewinnen, bedeutet auch, sich anzustrengen. Gefordert wird die Pilgerreise zu den vier Heiigen Pforten in Rom (Petersdom, Lateranbasilika, St. Paul vor den Mauern, Santa Maria Maggiore) beziehungsweise zu den von den Bistümern bestimmten Ablasskirchen. Ersatzweise können auch eines oder mehrere Werke der Barmherzigkeit an einem dafür als passend erscheinendem Ort verrichtet werden.
Im Gebet soll sich der Gläubige auf die Barmherzigkeit Gottes besinnen, zum Wohl der Kirche und der ganzen Welt für den Papst und seine Anliegen beten und zudem das Glaubensbekenntnis sprechen. Sakramentaler Höhepunkt ist der Empfang des Sakraments der Versöhnung sowie die Mitfeier der Heiligen Messe mit Kommunionempfang.
Einen Jubiläumsablass können auch jene erwerben, denen keine Pilgerreise möglich ist. Kranke gewinnen den Ablass, „indem sie“ – so Papst Franziskus – „Krankheit und Leid als Erfahrung der Nähe zum Herrn leben, der im Geheimnis seines Leidens, seines Todes und seiner Auferstehung den Königsweg aufzeigt, um dem Schmerz und der Einsamkeit einen Sinn zu verleihen. Mit Glauben und freudiger Hoffnung diesen Moment der Prüfung zu leben, indem sie die Kommunion empfangen oder an der heiligen Messe und am gemeinschaftlichen Gebet – auch über die verschiedenen Medien – teilnehmen, wird für sie die Weise sein, den Jubiläumsablass zu erlangen“.
Auch an die Gefangenen hat der Heilige Vater gedacht: Sie gewinnen den Ablass „in den Gefängniskapellen und jedes Mal, wenn sie durch die Tür ihrer Zelle gehen und dabei ihre Gedanken und ihr Gebet an Gottvater richten“.

Weitere Informationen zum Ablass im Jahr der Barmherzigkeit finden Sie auf www.barmherzigkeitsjahr.de