SonntagsZeitung 3/2012: Prälat Bertram Meier: Ökologie - Ökonomie - Ökumene. Impulse von Papst Benedikt XVI. für eine neue „Hausordnung“ von Kirche und Gesellschaft in Deutschland

Papst Benedikt XVI. lebt das Kirchenbild, das die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils gezeichnet haben. Einer seiner Vorgänger, Papst Paul VI., hat es in seiner Antrittsenzyklika Ecclesiam Suam  (6. August 1964) so ausgedrückt: „Wir wollen für alle immer deutlicher herauszustellen suchen, wie sehr es einerseits für die Rettung der menschlichen Gesellschaft wichtig ist und wie sehr es andererseits der Kirche am Herzen liegt, dass beide sich kennenlernen und lieben“. Kirche und Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen und diesem Gespräch aus der Unverbindlichkeit in verbindliche Kanäle zu helfen, war auch ein Ziel des Staatsbesuches, den der Papst seinem Heimatland vom 22. bis 25. September 2011 abgestattet hat.

Im dichten Terminkalender vielfältiger Begegnungen schlägt sich das nieder. Unermüdlich hat Papst Benedikt das Gespräch gesucht. Vier Tage lang hat er die Kirche in Deutschland erlebt und in ihr mitgelebt. Der oberste Hirte war mitten in einer Dialoggemeinschaft, die sich in konzentrischen Kreisen entfaltet und mit verschiedenen Partnern das Gespräch sucht: nach innen mit den unterschiedlichen Ständen, Gemeinschaften und Gremien, nach außen zu den Orthodoxen und Protestanten, zu Vertretern der großen monotheistischen Weltreligionen wie Judentum und Islam und schließlich auch zu den heterogenen und mitunter diffusen Kräften einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft, wie sie sich etwa in den Fraktionen des Bundestages widerspiegeln. Allen gegenüber gilt die katholische Weite, die schon in Ecclesiam Suam  niedergelegt ist: „Niemand ist dem Herzen der Kirche fremd. Niemand ist ihr gleichgültig. Niemand ist ihr feind, der es nicht selbst sein will.“

Drei Stichworte sind es, die für eine Auswertung der päpstlichen Botschaft dienen sollen: Ökologie – Ökonomie – Ökumene. Alle drei entstammen etymologisch einer gemeinsamen Wurzel: Sie leiten sich ab vom griechischen „oikos“, was übersetzt bedeutet: Haus, Familie, Wirtschaft. Der Heilige Vater macht seinem Namen alle Ehre: Als „Hausvater“ skizziert er die „Hausordnung“, die er sich in Zukunft für die Kirche und die Gesellschaft in Deutschland und Europa wünscht.

Ökologie des Menschen

Mit der Rede im Deutschen Bundestag (22. September 2011) hat Papst Benedikt einen Ton getroffen, der manchen Skeptikern den Wind aus den Segeln nahm. Sein Ton war weder missionierend noch kritisierend; er war integrierend, indem er das Anliegen einer Gruppierung aufgriff, der nicht unbedingt eine besondere Nähe zur katholischen Kirche nachgesagt wird: „Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. (…) Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70ger Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. (…) Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.“

Doch der Papst bleibt dabei nicht stehen. Er steigt eine Stufe tiefer und leuchtet den Begriff der Natur weiter aus: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sie annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Worin soll Freiheit gründen, woran soll Freiheit sich binden, wenn nicht alles unverbindlich werden soll? Gerade in einer zunehmend multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft stellen sich solche Fragen. Papst Benedikt greift auf das Naturrecht zurück, das kein katholisches Sondergut ist, sondern Brücken schlagen kann zu allen Menschen guten Willens. Selbst Immanuel Kant kam um der Redlichkeit seines Denkens willen nicht umhin, in der „Kritik der praktischen Vernunft“ beim Anblick „des gestirnten Himmels über mir und des moralischen Gesetzes in mir“ Gott zu postulieren. Ohne Kant ausdrücklich zu nennen, baut der Papst den (post-)modernen Aufklärern eine Brücke, indem er nicht vom Evangelium der Erlösung her argumentiert, sondern vom Gedanken der Schöpfung: „Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur. (…) Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen - eines jeden Menschen – Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.“

Daraus zieht der Papst einen Schluss, der gerade in einer Zeit, in der scheinbar alles demokratisch zu regeln ist, zu denken gibt: „Dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. (…) Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben.“ Gerade in einer Zeit, in der der Kreis des technisch Machbaren und des sittlich Erlaubten nicht mehr deckungsgleich ist, wird es darauf ankommen, gerade den Schwächsten zu ihrem Recht zu verhelfen. Im Rückgriff auf Augustinus wählt der Papst drastische Worte im Hinblick auf politisches Handeln: „Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit: ‚Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande’, hat der heilige Augustinus einmal gesagt.“

Ökonomie des Heils

Nachhaltige Wirkung wird sicherlich die Ansprache zeitigen, die Papst Benedikt am 25. September 2011 im Konzerthaus Freiburg gehalten hat. So wird man in Zukunft wohl nicht nur an die „Regensburger Rede“ denken, die nach dem 12. September 2006 zu einem wichtigen Bezugspunkt für den Gang des interreligiösen Dialogs werden sollte. Auch in der „Freiburger Rede“ könnte eine Dynamik stecken, die das weitere Nachdenken sowohl über das Selbstverständnis der Kirche in Deutschland als auch über ihre Rolle in der Gesellschaft antreiben könnte. Vor engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft entwickelt der Papst die Mission der Kirche vom Geheimnis des dreifaltigen Gottes her, der Liebe ist, die sich verströmen will. Daraus ergibt sich eine besondere Art von „Ökonomie“, die „Heilsökonomie“: Benedikt greift die Kirchenväter auf, wenn er ein „commercium“, einen „Kommerz“, einen „Tausch zwischen Gott und den Menschen“ beschreibt. Darin sind beide Gebende und Nehmende, Schenkende und Empfangende. Gleichzeitig sei daran erinnert, dass es sich bei diesem „Kommerz“ zwischen Gott und Mensch um einen ungleichen Tausch handelt: möglich „nur dank der Großmut Gottes, der die Armut des Bettlers als Reichtum annimmt, um das göttliche Geschenk erträglich zu machen, dem der Mensch nichts Gleichwertiges zu bieten vermag.“ Dieser ungleiche Tausch hat Auswirkungen auf das Verständnis der Kirche: „Sie hat nichts Eigenständiges gegenüber dem, der sie gestiftet hat. Sie findet ihren Sinn ausschließlich darin, Werkzeug der Erlösung zu sein“. Daraus folgt: Die Kirche muss sich immer wieder neu den Sorgen der Welt öffnen und sich ihnen ausliefern, um den heiligen Tausch, der mit der Menschwerdung begonnen hat, weiterzuführen und gegenwärtig zu machen. In diesem Gedanken findet die Dogmatische Konstitution Lumen gentium  des Zweiten Vatikanischen Konzils ihr Echo: die Kirche als Quasi-Sakrament, d.h. als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Nr. 1).

Das Gehen in die Welt birgt jedoch auch die Versuchung, in der Welt aufzugehen, sich im Weltlichen zu verlieren: Es lauert die Gefahr der Anpassung, dass „die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht. (…) Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von der Weltlichkeit der Welt lösen“. Dem Papst geht es also darum, nicht das Evangelium der Welt anzupassen, sondern die Welt am Kompass des Evangeliums auszurichten. In diesem Zusammenhang kommt das Schlüsselwort der „Freiburger Rede“ ins Spiel: Entweltlichung der Kirche. Siebenmal kommt der Begriff als Substantiv oder Verb vor, dem Inhalt nach noch viel öfter: Dabei spricht der Papst auch die verschiedenenen Epochen der Säkularisierung an, die er durchaus geistlich positiv für die Kirche bewertet: als „Hilfe, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben“. Enteignung von Kirchengütern, Streichung von Privilegien und ähnliches dienten einer „tiefgreifenden Entweltlichung der Kirche, die sich dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößte und wieder ganz ihre weltliche Armut annahm“. Drei Erwartungen sind es, die der Papst mit der Entweltlichung der Kirche verknüpft:

Das missionarische Zeugnis der Kirche tritt klarer zutage: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Hier greift der Papst – ohne es ausdrücklich zu benennen – ein Anliegen auf, das er bereits in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der langen Debatte um den Verbleib der katholischen Beratungsstellen im staatlichen System wiederholt entfaltet hat: Es geht ihm um die Klarheit und Eindeutigkeit des Zeugnisses, das nicht verdunkelt werden darf. Letztlich steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Auch der sozial-karitative Bereich könnte in einer entweltlichten Kirche wieder mehr Strahlkraft gewinnen. Denn die Caritas ist weder „Wohlfahrtsaktivität“ (Enzyklika Deus caritas est , Nr. 25) noch „technischer Service“ (Predigt bei der Eucharistiefeier am 25. September 2011), sondern Wesensausdruck der Kirche selbst: „Die karitativen Werke der Kirche haben sich immer neu dem Anspruch einer angemessenen Entweltlichung zu stellen, sollen ihr nicht angesichts der zunehmenden Entkirchlichung ihre Wurzeln vertrocknen.“

Ein besonderes Augenmerk bittet der Papst auf die Angemessenheit der kirchlichen Strukturen zu legen: Während er der Kirche in Deutschland bescheinigt, „bestens organisiert“ zu sein, legt er den Finger in eine blutende Wunde, indem er beim Zusammentreffen mit dem Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 24. September 2011 kritisch fragt: „Steht hinter den Strukturen auch die entsprechende geistige Kraft – Kraft des Glaubens an einen lebendigen Gott?“ Und der Papst gibt auch die Antwort: „Ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt. Ich füge hinzu: Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben.“

Mit diesen Gedanken gibt der Papst der Kirche in Deutschland Hausaufgaben auf: Mit Entweltlichung ist durchaus die grundsätzliche Frage nach einer weiteren Entflechtung von Staat und Kirche in einer pluralistischen Gesellschaft gestellt. Säkularisierung ist für Benedikt kein Schaden, sondern für die Kirche eine Chance, um dem Evangelium mehr Strahlkraft zu geben. Außerdem ist eine ehrliche Bestandsaufnahme dahingehend angezeigt, ob und inwiefern unsere Gremien und Verbände den Bedürfnissen unserer Zeit noch entsprechen. Die Kirchenkrise ist ja in der Wurzel eine Glaubenskrise. Damit der „Glanz der Wahrheit“ neu zum Strahlen kommt, braucht es weniger Problematisierung von kirchlichen Kompetenz- und Strukturfragen als vielmehr eine Elementarisierung des Glaubens für das Gelingen der Neuevangelisierung. Schließlich ist indirekt auch die Frage gestellt nach dem weiteren Weg, den der Gesprächsprozess in Deutschland gehen soll: Er macht nur dann Sinn, wenn er die geistliche Erneuerung zum Ziel hat, wenn er tatsächlich Heilsdialog ist.

Vielleicht hilft ein Bild, um die grundsätzliche Anfrage des Papstes zu illustrieren: Wenn die Kirche Gefährt zum Himmel ist, dann sollten die Katholiken in Deutschland weniger auf die Karosserie achten, die ohne Zweifel groß ist, teuer und schwer; wichtiger als die Karosserie ist der Motor, der Sprit braucht: Spiritus Sanctus . Der Heilige Geist, das geistliche Gespräch um der inneren Erneuerung der Kirche willen, nicht eine Art Parlament wird der Kirche neue Horizonte für die Zukunft öffnen.

Ökumene des Zeugnisses

Damit ist die Brücke geschlagen zum dritten Stichwort der Ökumene. Viele Erwartungen, zu hoch geschraubt, von den Medien genährt und im Vorfeld lautstark artikuliert – nicht zuletzt durch die Autorität führender Politiker, wurden nicht erfüllt. Doch waren diese Erwartungen realistisch? Der Papst sprach die Problematik am 23. September 2011 in Erfurt ohne Umschweife an: „Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im Allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluss eines oder mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiss, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, sodass dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann. Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.“

Zwar brachte der Papst kein ökumenisches Gastgeschenk in dem Sinn mit, dass er sich zu konfessionsverschiedenen Ehen oder zum gemeinsamen Abendmahl geäußert hätte. Doch was er anbot, ist eine geistliche Gabe als Ansporn für den Fortgang des ökumenischen Weges: der gemeinsame Dank für das Erreichte. Wir sollten „nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt. (…) Die grundlegende Einheit besteht darin, dass wir an Gott, den Allmächtigen, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben. Dass wir ihn als den Dreifaltigen bekennen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. (…) Wir glauben an Gott – den konkreten Gott. Wir glauben daran, dass Gott zu uns gesprochen hat und einer von uns geworden ist. Diesen lebendigen Gott zu bezeugen ist unsere gemeinsame Aufgabe in der gegenwärtigen Stunde.“ Der Papst schreibt uns also die Ökumene des gemeinsamen Zeugnisses ins Stammbuch.

Das gemeinsame Zeugnis betrifft nicht nur den Indikativ des Glaubens, sondern auch dessen Imperativ. In einer Zeit, in der die bindenden Maßstäbe des Menschseins fraglich sind, werde Ethik durch das Kalkül der Folgen ersetzt: „Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod, in den Fragen von PID bis zur Sterbehilfe.“ In einer Welt, in der immer mehr Menschen ohne Gott leben, sind die Christen in ökumenischer Verbundenheit aufgerufen, den Einen und dreifaltigen Gott zu bezeugen und sein Wort in der Welt gleichsam „darzuleben“, d.h. mitzubauen an einer Kultur des Lebens. Auch Martin Luther wurde vom Papst gewürdigt als Gottsucher: „Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens gewesen ist.“ Bei aller Wertschätzung für den Reformator verschweigt der Papst nicht, wer der katholischen Kirche am nächsten steht: die Orthodoxie. „Unter den christlichen Kirchen und Gemeinschaften steht uns die Orthodoxie am nächsten; Katholiken und Orthodoxe haben beide altkirchliche Strukturen“ (24. September 2011 beim Treffen in Freiburg).

Ökologie – Ökonomie – Ökumene: Diese Stichworte sind mehr als ein Wortspiel. Sie bilden einen Dreiklang, der die Botschaft des Papstes für eine geistliche Erneuerung der Kirche in Deutschland ausdrückt: „Nicht Taktiken retten uns, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube (Ökumene, Erfurt). „Es geht nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen“ (Konzerthaus, Freiburg). Noch pointierter bringt es die Episode auf den Punkt, die der Papst vor engagierten Katholiken in Freiburg erzählt: „Muss die Kirche sich ändern? Muss sie sich nicht in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen, um die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen? Die selige Mutter Teresa wurde einmal gefragt, was sich ihrer Meinung nach als erstes in der Kirche ändern müsse. Ihre Antwort war: Sie und ich!“

Mit dieser Begebenheit möchte der Heilige Vater uns einladen, eine neue „Hausordnung“ für die Kirche und die Gesellschaft in Deutschland zu entwerfen. Dafür ist Umkehr nötig. Dies sagt der Papst den deutschen Katholiken, die in der Weltkirche nur zwei Prozent ausmachen; von denen manche aber hundertprozentig zu wissen meinen, wie es mit der Kirche weitergehen soll. Vielleicht hat der Nachfolger Petri in seiner Verantwortung für das „Haus Gottes“ in seiner Heimat auch an die Schelte gedacht, die Petrus von Jesus erteilt bekam: „Geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mk 8,33).

Domkapitular Prälat Dr. Bertram Meier, Augsburg
Geistlicher Beauftragter für das Landeskomitee der Katholiken in Bayern

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