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40-stündiges Gebet

Die stille Anbetung in der Hochphase des Faschings hat eine lange Tradition

AUGSBURG – Der Fasching geht auch in Bayern in seine heiße Phase, doch im Augsburger Dom lassen sich die feierfreudigen Gemüter abkühlen: beim 40-stündigen Gebet.

In der ehrwürdigen Kathedrale findet von Faschingssonntag bis Dienstag ein 40-stündiges Gebet statt. Dabei haben die Gläubigen Gelegenheit, sich durch stille Anbetung schon einmal auf das vorzubereiten, was ihnen in der Zeit bis Ostern bevorsteht: Einkehr, Fasten, Buße.

Eröffnet wird das Alternativprogramm zum närrischen Treiben am Sonntag, 12. Februar, um 17 Uhr mit einer feierlichen Andacht, die von Domdekan Bertram Meier geleitet wird. Domchor und Domorchester bieten mit Joseph Haydns „Te Deum“ und Wolfgang Amadeus Mozarts „Litaniae de venerabili altaris sacramento“ ein Kontrastangebot zu Karnevalsschlagern. Die abschließende Andacht am Fasnachtsdienstag, 13. Februar um 16 Uhr begeht Weihbischof Anton Losinger, Prälat Meier hält die Predigt. Domsingknaben und Domorchester stimmen mit Mozarts „Ave Verum“ und dem „Dixit Dominus“ von Vivaldi auf die Passionszeit ein.

Das 40-stündige Gebet geht in der katholischen Kirche auf eine alte Tradition zurück. Der Überlieferung nach lag Jesus 40 Stunden im Grab. In Erinnerung daran brachten die Gläubigen schon in der Urkirche 40 Stunden fastend, wachend und betend am Heiligen Grab in Jerusalem zu. „Dieser Brauch lebt in der Christenheit bis in die Neuzeit fort“, heißt es in einer Mitteilung des Bistum Augsburg. 

Und so hat die stille Anbetung mitten in der Hochphase des Faschings auch in der Diözese Augsburg, die zu den ältesten in Deutschland gehört, eine lange Geschichte. „Das gibt es schon seit Jahrhunderten“, erläutert Meier, der das Seelsorgeamt des Bistums leitet. Traditionell wird dabei zu den Öffnungszeiten des Doms das Allerheiligste in der Marienkapelle ausgesetzt. Vor ihm sollen die Gläubigen zur Ruhe kommen, sich besinnen, zur Einkehr finden und Kraft schöpfen. Andächtige Ausdauer findet sich in Augsburg übrigens auch an anderer Stelle: Im „Gebetshaus“ wird seit mehr als sechs Jahren ununterbrochen gebetet. Dies ist allerdings eine neuere, katholisch-charismatisch geprägte Erscheinung. Historisch verbürgt ist, dass im 16. Jahrhundert neben dem Gebet am Heiligen Grab eine weitere Form der Anbetung entstand: In Mailand wurden die Katholiken erstmals 1527 in Fastenpredigten ermahnt, 40 Stunden vor dem Allerheiligsten zu verharren, um die Hilfe Gottes gegen Krieg anzurufen. Dies fand rasche Verbreitung; der Papst erkannte die Gebetsform bereits im Jahr 1539 an.

Dass das Dauergebet dann ausgerechnet in die Faschingszeit verlegt wurde, geht auf zwei Ordensgemeinschaften zurück. Seit 1556 verbreiteten die Jesuiten, später auch die Kapuziner die Idee einer eucharistischen Sühneandacht an den letzten drei Faschingstagen. Schließlich erinnert schon das Wort „Karneval“, wie der Fasching in Bayern nicht heißt, an den Abschied von fleischlichen Gelüsten jeglicher Art. In der italienischen Volkssprache heißt es so viel wie „Abschied vom Fleisch“, während der Begriff Fasching schon das Fasten in sich trägt. 

Was die Ordensleute im Sinn hatten, war also nicht mehr so sehr das Gebet um den Frieden, sondern die Vorstellung, dass die Gläubigen Sühne leisten sollten für die Sittenlosigkeit, die gerade das närrische Treiben allerorten zu prägen pflegt. Dass die Bezirkshauptstadt besonders sittenlos sei, weist Meier von sich: „Das war vielleicht im 16. Jahrhundert so.“ Dennoch gehen die Augsburger noch heute lieber auf Nummer sicher: Zwischen Eröffnung und Schluss des 40-stündigen Gebets liegen genau 47 Stunden. Bernd Buchner