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Interview zum Synodalen Weg

Bischof Bertram Meier warnt vor Schnellschüssen

Vom 8. bis 10. September tagt in Frankfurt am Main die mit Spannung erwartete vierte Versammlung des Synodalen Wegs. Im Juli hatte ein Schreiben des vatikanischen Staatssekretariats für Aufregung gesorgt: Es wies entschieden darauf hin, dass der Synodale Weg keinerlei Weisungsrecht in Bezug auf Lehre, Leitung und Moral in der Kirche habe. Mehr weltkirchliche Geschlossenheit und ein vernünftiges Tempo mahnt auch der deutsche Weltkirche­bischof Bertram Meier an. Im Exklusivinterview unserer Zeitung nimmt der Bischof von Augsburg Stellung.

Herr Bischof, Sie haben einige Tage des August in der Schweiz und in Polen verbracht. Welche Eindrücke und Erlebnisse aus diesen nahen, aber vielleicht doch auch andersartigen weltkirchlichen Zielen haben sich bei Ihnen besonders eingeprägt?

In der Schweiz habe ich besonders erfahren, wie vielfältig katholische Kirche sein kann. Was wir politisch von den Kantonen kennen, spiegelt sich auch im kirchlichen Leben der Bistümer wider. Die Mentalitäten, Sprachen, Kulturen und Bräuche sind innerhalb der Schweiz sehr unterschiedlich. Im Hinblick auf die synodalen Prozesse, die der Papst wünscht, nehme ich den Gedanken mit, dass die Kirche in der Schweiz weniger mit „Forderungen“ arbeiten will als vielmehr mit „Wünschen und Anregungen“, die in Rom eingebracht werden sollen. Diese ehrliche, höfliche und auch noble Tonalität empfinde ich als nachahmenswert. 

In Polen traf ich auf eine Kirche, die durch ihre Geschichte „sturm­erprobt“ ist: eine Kirche, die auf Leiden und Bekenntnis gründet. ­Au­schwitz und Tschenstochau sind für mich zwei elliptische Brennpunkte der Kirche in Polen. Und dann habe ich Krakau genossen: Die Gestalt des heiligen Papstes Johannes Paul II. ist dort weiterhin sehr präsent. Sehr viele junge Menschen nehmen Maß am Evangelium. Freilich gibt es auch in Polen Probleme: Die Berufungen gehen zurück; Familienbande bröckeln. Zu bewundern ist die große Solidarität, die Polen den ukrainischen Flüchtlingen selbstverständlich entgegenbringen. Alle Achtung!

Wurden Sie bei Ihren Besuchen auch einmal auf den Synodalen Weg angesprochen? Was denkt man außerhalb Deutschlands von dieser spezifisch deutschen Angelegenheit?

Obwohl der Synodale Weg in Deutschland nicht auf der Tagesordnung meiner Reisen stand, war das Thema doch immer wieder präsent. Einerseits werte ich das Interesse positiv, denn was sich an kirchlichem Leben bei uns tut, findet Beachtung. Andererseits hörte ich – besonders in Polen – die Sorge heraus, dass unser Synodaler Weg in Deutschland Ziele anstreben könnte, die den katholischen Rahmen sprengen. Da hilft nur, miteinander ehrlich im Gespräch zu bleiben, sich gegenseitig aufmerksam zuzuhören, die jeweiligen Gedanken geduldig zu erklären und offene Fragen auch einmal stehen lassen zu können. Synodalität ist kein Tauziehen, sondern ein gemeinsames Rudern im großen Schiff der Kirche, dem „Boot Petri“.

Von daher ist der Synodale Weg auch kein speziell deutsches Projekt. Kein geringerer als Papst Franziskus wünscht sich eine synodale Kirche. Für den Papst ist Synodalität die Lebensform der Kirche auf allen Ebenen. Das ist insofern spannend, als wir in einer Zeit leben, die vielen Umbrüchen ausgesetzt ist. Eine große Herausforderung liegt darin, den Spagat zu schaffen: Wie können wir in dieser Zeit des Wandels bleibende Werte gemeinsam erhalten, formulieren und leben – nicht nur als einzelne, sondern als Kirche und Gesellschaft?

Im Interview mit katholisch.de haben Sie sich kürzlich kritisch zum Synodalen Weg geäußert. Dabei fanden Sie dieses Forum ursprünglich „alternativlos“. Heißt das, dass Sie vor allem wegen der Entwicklung besorgt sind, die sich hier abzeichnet?

Wenn Sie meinen, dass die Kirche eine geistliche Erneuerung braucht, sehe ich den Synodalen Weg als „alternativlos“ an. Doch der Weg wächst bekanntlich im Gehen. Meine Kritik ist keine generelle Ablehnung, sondern eher ein „ceterum censeo“ im Sinne eines regelmäßigen Innehaltens mit dem Einwurf: Vergesst die Spiritualität nicht! Und eine geistliche Erneuerung der Kirche betrifft „mehr als Strukturen“, wie es die Deutsche Bischofskonferenz ja selbst bereits 2007 gefordert hat. Ich bleibe dabei: Der Synodale Weg ist ein spannendes „geistliches Experiment“. Wir werden sehen, wie es ausgeht – und der Heilige Geist hat ja auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Der Brief aus dem Vatikan zum Synodalen Weg hat hohe Wellen geschlagen. Glauben Sie, dass das Schreiben beim Treffen vom 8. bis 10. September ein zentrales Diskussionsthema sein wird – oder lässt man sich in der bisherigen Agenda nicht beirren?

Das liegt in der Hand des ­Synodalpräsidiums, das die Tagesordnung verantwortet.

Was halten Sie von dem Vorschlag des Vatikan, den Synodalen Weg in die Weltsynode einfließen zu lassen?

Das ist immer meine Rede: Wir können hier in Deutschland unsere Themen benennen, beraten und mit Voten versehen. Doch bevor wir die Dinge in unserem Land praktisch umsetzen, sollten wir eine Atempause einlegen, die dem Gebet und dem Abwägen dienen könnte, um dann entsprechende Wünsche in die Weltkirche einzuspeisen. Bei der Weltsynode 2023 werden die Themen gesichtet, geweitet und entsprechend gewürdigt. Ich gehe davon aus, dass dann klarer wird, welche Fragen in Deutschland eigenständig behandelt werden können und welche Materien unserer Kompetenz entzogen sind. 

Die ursprüngliche Intention des Synodalen Wegs war es ja, die Kirche in Deutschland bei der Aufarbeitung des furchtbaren Missbrauchsskandals zu unterstützen. Mittlerweile könnte aber auch leicht der Eindruck entstehen, dass es vor allem um eine andere Kirche geht. Oder täuscht dieser Eindruck?

Dass der Synodale Weg auch eine Reaktion auf den Missbrauchsskandal ist, steht außer Zweifel. Dass es in der Kirche systemische Schwächen gibt, ist unbestritten. Aber es scheint mir zu monokausal, wenn unsere einzige Antwort auf den Missbrauch in seinen verschiedenen Formen der Synodale Weg sein sollte. Ich kenne darüber hinaus viele Initiativen, die der geistlichen Erneuerung der Kirche dienen wollen: ehrliche Umkehr und Buße; Evangelisierung; Anbetung, die mit gelebter Caritas verbunden ist; das Mühen um Glaubwürdigkeit, die in eine neue Vertrauenswürdigkeit der Kirche münden kann. In alten und neuen Gemeinschaften liegt ein großes Potential, aber auch in bewährten Formen der Volksfrömmigkeit, die nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz anspricht. Natürlich müssen wir auch Gewissenserforschung halten und uns fragen: Wo haben wir unsere Macht missbraucht? Wo haben wir uns sogar versündigt, indem wir die uns anvertraute geistliche Vollmacht missbraucht haben? 

Das betrifft Kleriker, aber auch Laien in Leitungsaufgaben. Wir müssen Leitung weniger in Machtkategorien denken und dafür mehr als Dienst sehen. Da kommt die Verantwortung ins Spiel. Leiten wollen viele, aber wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, lichten sich schnell die Reihen. 

Ein solches Umdenken geht nicht von heute auf morgen. Es erfordert viel Geduld und den langen Atem der Leidenschaft. Nicht die Änderung des „Systems“ Kirche ist angezeigt, sondern das Anliegen: Wie können wir Jesus Christus und sein Evangelium den Menschen von heute anbieten? Viele durch Krisen verunsicherte Leute wünschen keine neue, ganz andere Kirche, sondern eine geistlich erneuerte Kirche. Es ist schade, dass wir in dieser Hinsicht in der Pandemie manches schuldig geblieben sind. Das sollte uns angesichts der Krisen um Energie und Inflation, die sich am Horizont abzeichnen, nicht noch einmal passieren.  

Sie selbst verweisen immer auf die Notwendigkeit, dass kirchliche Reformen an die Weltkirche gebunden sein müssen. Haben Sie mit dieser Position innerhalb des Synodalen Wegs einen schweren Stand?

Meine Position wird gehört und auch kontrovers diskutiert. Darüber freue ich mich. Diese „Wetzsteinfunktion“ nehme ich auch deshalb wahr, weil sie für mich zum bischöflichen Dienst gehört. Schon aufgrund meiner Biographie möchte ich klarstellen, dass Weltkirche für mich mehr ist als der Vatikan. Weltkirche ist ein Netz von Ortskirchen, das den ganzen Globus umspannt. In Rom und auch in meinem Heimatbistum darf ich bis heute Weltkirche lernen. Mein Wunsch ist, dass wir immer mehr in diese internationale Schule gehen und den Reichtum der verschiedenen Kulturen wertschätzen. Weltkirche ist keine Einbahnstraße, Bistümer sind auch keine Filialen der Kirche von Rom. Wer Weltkirche lebt, freut sich am wechselseitigen Geben und Nehmen. Wenn wir uns synodal, das heißt gemeinsam, auf den Weg machen, können wir nur voneinander profitieren. Lassen wir uns bereichern!

Fast zeitgleich zum Mahnschreiben aus Rom hat ein anderes Thema die Katholiken in Deutschland sehr bewegt: die Forderung der ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp nach flächendeckenden Abtreibungsmöglichkeiten. Sollte dieses zentrale katholische Thema – der Schutz des Lebens – nicht auch beim Synodalen Weg eine zentrale Rolle spielen?

Der Schutz des menschlichen Lebens von der Zeugung bis zum natürlichen Tod steht für mich auf der Prioritätenliste der katholischen Kirche ganz oben. Wenn es um Leben und Tod geht, gibt es meines Erachtens keinen Kompromiss. Es wäre schade, wenn das Thema zur Verhandlungsmasse des Synodalen Weges würde. Wie sagte schon Jesus, der Herr der Kirche: „Ihr seid in der Welt, aber nicht von der Welt“ (vgl. Joh 17, 16-18).

Interview: Johannes Müller, Ulrich Schwab

02.09.2022 - Bistum Augsburg