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Ihr Kinderlein kommet

Ein Weihnachtslied wird globalisiert

AUGSBURG – Was haben die Wiener Sängerknaben, Heintje, Nena, der Dresdner Kreuzchor und Roger Whittaker gemeinsam? Sie alle – und noch viele andere – haben ein Lied eingespielt, das neben „Stille Nacht, Heilige Nacht“ gewiss den größten Erfolg unter den ursprünglich deutschsprachigen Weihnachtsgesängen darstellt: „Ihr Kinderlein kommet“.

Der Name des Textes lautete zunächst: „Die Kinder bey der Krippe“. Der Geschichte des Liedes und seiner weltweiten Verbreitung spürt eine sehenswerte Ausstellung in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg nach.

Einen „ökumenischen Welterfolg“ nannte Karl-Georg Pfändtner, Leiter der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, das Lied „Ihr Kinderlein kommet“. Der Text stammt vom Geistlichen und späteren Augsburger Domherrn Christoph von Schmid. Die Musik geht auf den evangelischen, in Gütersloh wirkenden Volksschullehrer Friedrich Heinrich Eickhoff zurück. Dieser unterlegte die Verse mit der einfach-innigen Melodie eines Lüneburger Komponisten. 

Gesungen wird die fromme Weihnachtsweise nicht nur in deutschsprachigen Christmetten, sondern auf allen Kontinenten der Erde. Es gibt unter anderem Fassungen auf Russisch, Französisch oder Italienisch, auf Tschechisch und Polnisch. Christoph Schmid oder von Schmid, wie er seit seiner Erhebung in den Adelsstand 1837 hieß, war einer der erfolgreichsten Autoren seiner Zeit. Er schrieb kurze Erzählungen, längere Romane, tiefdurchdrungen vom pädagogischen Anliegen, dadurch den christlichen Glauben und seine Werte an die Jugend weiterzuvermitteln. Und er schrieb zahlreiche Gedichte. 

Bei seinem heute bekanntesten Gedicht, „Ihr Kinderlein kommet“, hielt sich lange Zeit die Vorstellung, Schmid habe die acht Strophen während seiner Zeit in Nassenbeuren verfasst. Doch konnte, so gab Pfändtner Einblick in die Forschung, in der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek das Autograf der Verse gefunden werden, dessen Wasserzeichen und weitere Indizien auf eine Entstehungszeit um 1810 verweisen, als der Geistliche in Thannhausen wirkte. 

Veröffentlicht wurde der Text erstmals 1811 – für den Pfarreigebrauch. Die große Stunde von „Ihr Kinderlein kommet“ schlug dann 1834, als das Weihnachtslied im Heft „Sechszig deutsche Lieder für dreiszig Pfennige“ mit der bekannten Melodie erschien. Dieses wurde in mehreren Auflagen nachgedruckt. Nun eroberte es die ganze Welt. Es gibt noch zahlreiche andere Melodiefassungen, wie die Musikbibliothekarin Ursula Korber, Kuratorin der Ausstellung, zusammenfasste: kunstvolle wie vom Augsburger Domkapellmeister Franz Bühler, volkstümlich-innige wie aus dem Banat oder kantilenenreiche wie einen Krumbacher Chorsatz, der heute noch im Mittelschwäbischen gesungen wird.

Die verschiedenen Melodien von „Ihr Kinderlein kommet“ kann man sich entweder in der noch bis zum 21. Dezember jeweils montags bis freitags von 11 bis 16 Uhr geöffneten Ausstellung in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg sowie auf deren Internetseite unter www.sustb-augsburg.de anhören oder auch via QR-Code im inhaltlich vorzüglichen und prächtig bebilderten Katalog herunterladen, den die Dr.-Eugen-Liedl-Stiftung gesponsert hat. 

Der Katalog ist die erste wissenschaftliche Publikation zu einem Lied, das man durchaus „als Stück interkonfessioneller Globalisierung“ begreifen könne, merkte der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, Klaus Ceynowa, an. Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, die über die größte Sammlung von Büchern Schmids weltweit verfügt, hat mit der Ausstellung einen weiteren Schritt zur Tiefenerschließung ihrer großartigen Schätze gemacht. Ingrid Paulus