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Barmherzige Brüder wollen Kneippianum schließen

Eiskalter Guss für die Mitarbeiter

BAD WÖRISHOFEN – Groß war die Bestürzung bei den Mitarbeitern der Kneipp’schen Stiftungen in Bad Wörishofen, als Anfang August 68 von ihnen ihre Kündigung erhielten: Eines der Häuser, das Kneippianum, soll bis 1. November geschlossen werden. Die spärlichen Informationen, die an die Öffentlichkeit gelangt sind, und ein anonymer Klagebrief an die Barmherzigen Brüder, der der Mindelheimer Zeitung zugespielt worden ist, geben reichlich Stoff für Spekulationen und emotionsgeladene Diskussionen.

„Er ist arm geboren“, schrieb Alfred Baumgarten, einstiger Chefarzt im  Kurhaus Kneippianum und engster Mitarbeiter des „Wasserdoktors“, über Sebastian Kneipp. „Er hat arm gelebt, ist nahezu Millionär geworden, hat alles an die Armen gegeben, und an Vermögen arm, aber an Verdiensten reich ist er gestorben.“ Unter anderem ließ Pfarrer Kneipp von 1890 bis 1896 drei Häuser bauen: das Sebastianeum, die Kneipp’sche Kinderheilstätte und das Kneippia­num. Sie prägten Bad Wörishofen nachhaltig. Während im Sebastianeum die Barmherzigen Brüder tätig waren, führten die Mallersdorfer Schwestern die beiden anderen Einrichtungen.

Gut 100 Jahre lang wurden in allen drei Häusern Kranke und Erholungssuchende im Sinne des Stifters behandelt. Die Mitarbeiter setzten sich stets mit viel Enthusiasmus für ihre Gäste und Patienten ein.

Weniger Kurgäste

Mitte der 1990er Jahre zeichneten sich erste Probleme ab, als durch die Gesundheitsreform die Anzahl der Kurgäste rückläufig war. Im Dezember 2001 übergaben die Mallersdorfer Schwestern aus Altersgründen die Kneipp’sche Kinderheilstätte und das Kneippia­num den Barmherzigen Brüdern, die die drei Häuser zum Gemeinschaftsbetrieb der Kneipp’schen Stiftungen zusammenfassten. Die Kinderheilstätte musste aufgegeben werden, um wenigstens das Kneippianum und das Sebastianeum halten zu können.

In den Folgejahren wurden der Ost- und Westflügel des Kneippianums mit dem Spa- und Behandlungsbereich aufwendig umgebaut und modernisiert. Gleichzeitig wurden die Reha-Maßnahmen auf das Sebastianeum konzentriert, da an eine Reha-Klinik sowohl das medizinische Personal als auch die Ausstattung betreffend hohe und deshalb kostspielige Anforderungen gestellt werden. Aus dem Kneippianum wurde somit ein Hotel, in dem auch kassenbezuschusste ambulante Badekuren und medizinische Behandlungen durchgeführt werden.

Für die Mitarbeiter war es jetzt ein Schock, so plötzlich die Arbeit zu verlieren und vor einer ungewissen Zukunft zu stehen. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Aus den veröffentlichten Zitaten aus ihrem Brief an die Barmherzigen Brüder, den keiner mit seinem Namen zu unterzeichnen wagte, spricht die Hilflosigkeit, mit der viele der Situation gegenüberstehen. 

Sie beklagen, der Orden, der doch die Barmherzigkeit im Namen trägt, sei hartherzig.  Öffentlich will sich keiner der Beschäftigten äußern, denn es bleibe zu befürchten, dass in den Kneipp’schen Stiftungen noch weitere Kündigungen folgen werden. 

Verunsichert sind auch die Gäste, die Zimmer reserviert haben und aus der Zeitung von der Schließung des Hauses erfuhren. Um diesen Gästen besonders zu den Feiertagen doch noch einen Aufenthalt in Bad Wörishofen zu ermöglichen, hat der Kur- und Tourismusbetrieb in allen Hotels der Stadt nach freien Kapazitäten angefragt und diese an die Kneipp’schen Stiftungen weitergeleitet, damit die Gäste aus den Angeboten wählen können.

Große Sorge um die Zukunft des Kneippianums macht sich auch die Pfarreiengemeinschaft Bad Wörishofen. Pfarrer Andreas Hartmann und der Vorsitzende des Pastoralrats,  Bernhard Ledermann, wandten sich in einem offenen Brief an die Verantwortlichen der Kneipp’schen Stiftungen. Auch sie äußern das Gefühl einer gewissen Ohnmacht „sowohl bei den politisch Verantwortlichen, als auch bei den Verantwortlichen der Kirche, die sich in die Angelegenheiten eines unabhängigen Ordens nicht einmischen können. Uns steht es nicht zu und uns ist es nicht möglich, wirtschaftliche Entscheidungen infrage zu stellen oder sie gar zu kritisieren.“ 

Gemeinsame Lösung

Eindringlich appellieren sie „an die Barmherzigen Brüder, aber auch an alle betroffenen Politikerinnen und Politiker, gemeinsam eine verantwortliche Lösung für die Zukunft des Kneippianums zu erarbeiten“. Dabei solle die Gesundheitslehre Pfarrer Sebastian Kneipps und deren Anwendung der Maßstab für alles weitere Handeln sein.

Daniela Hölzle