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Bartholomäuskapelle beherbergt Ikonen

Fenster zum Himmel

AUGSBURG – Vor rund 420 Jahren hatte Philipp Eduard aus der berühmten Augsburger Familie Fugger für sich und seine Gemahlin Magdalena die Bartholomäuskapelle in der Basilika St. Ulrich und Afra zu einer Grablege umgestalten lassen. Seit 2007 beherbergt die Kapelle einen Schatz, der für viele Menschen von tiefer Bedeutung ist: 30 kostbare russische Ikonen von hoher künstlerischer Qualität. 

Eine großzügige Stifterin hat sie der Kirche und ihrer Gemeinde übergeben. Die Augsburgerin, die namentlich nicht genannt werden will, ist im Schatten der Türme von St. Ulrich und Afra aufgewachsen. Sie führt ihr Interesse an Russland auf die Erzählungen ihres Vaters zurück – von den Weiten dieses Lands, von seinen Menschen, deren Gefühlen, deren Gläubigkeit und ihrer Kultur. 

Vor einigen Jahrzehnten entdeckte die Dame im Schaufenster eines Antiquitätenladens eine zentralrussische Ikone – die Gottesmutter Vladimirskaja –, fein gemalt und verziert mit einem vergoldeten Silberüberfang, dem sogenannten Oklad. Mit dieser Ikone war die Leidenschaft der Augsburgerin geweckt. Ihre über die Jahre gewachsene Sammlung besteht hauptsächlich aus Ikonen des 17. bis 19. Jahrhunderts. Alle sind hervorragend erhalten und wahre Meisterstücke. 

Die Spenderin bewundert vor allem die Feinmalikonen aus dem Malerdorf Palech. Diese sind vornehmlich auf Holz und oftmals mit Einhaarpinsel und unter der Lupe ausgeführt, in leuchtstarker und farb-
intensiver Ei-Tempera-Technik. 

Die einzigartige Auswahl der Bilder, die in der Bartholomäuskapelle zu sehen ist, umfasst die Festtage des gesamten Kirchenjahrs – von der Geburt Christi über die Kreuzigung und Auferstehung bis zur Herabkunft des Heiligen Geistes. Es sind Festtags- und Wochenikonen.Verschiedene Christus- und Marien­darstellungen finden sich ebenso wie solche von verehrten Heiligen. Als „Fenster zur himmlischen Wirklichkeit“ soll man durch ihre Betrachtung die Gegenwart Gottes erfahren.

„Feuer und Flamme“

Mesner Anton Holzmüller war von Anfang an „Feuer und Flamme“. Engagiert setzte er sich dafür ein, dass die Ikonensammlung der Augsburgerin eine schöne, würdevolle Heimat fand. Dafür waren allerdings einige Umbauten in der Bartholomäuskapelle nötig. Holzmüller betrachtet oft einzelne Ikonen im Detail, wie die mit dem seltenen Motiv des Vaterunsers. Dort ist in der Bildmitte die Heilige Dreifaltigkeit zu sehen, um sie herum sind die einzelnen Bitten des Gebets dargestellt, das der Herr die Christen gelehrt hat. 

„In der Ulrichswoche und oftmals auch unter dem Jahr feiert Pater Nikolaj Dorner für die Gläubigen eine Andacht mit Gesängen im orthodoxen Ritus, und jedes Mal ist die Kapelle voller Menschen. Es ist sehr ergreifend“, erklärt Holzmüller. „Wie es der Brauch bei orthodoxen Christen ist, kommen sie mit brennenden Kerzen vor die Kapelle, schnell ist der Kerzenständer gefüllt.“ 

Aber auch sonst finden sich immer Gläubige, einzeln oder mit ihren Familien, an diesem Augsburger Ort der Ikonen ein, um vor den Tafeln zu beten. Nach den Bestimmungen des 2. Konzils von Nizäa im Jahr 787 geht „die Ehre, die der Ikone erwiesen wird, auf das Urbild über, und wer die Ikone verehrt, verehrt die Person des in ihr Dargestellten“.

Während Mesner Holzmüller erzählt, betritt eine Frau nach einer Verbeugung die Kapelle und geht zielstrebig auf die Ikone des heiligen Nikolaus zu. Der Blick des Bischofs von Myra ist gütig auf sie gerichtet, die rechte Hand hat er segnend erhoben, die Linke hält das Evangelien­buch.

Andächtig verweilt die Frau vor dem Bild. Sie sei Russin, erzählt sie. Ikonen erinnerten sie an ihre Heimat und bedeuteten ihr sehr viel. Seit einiger Zeit komme sie täglich hierher und bete zum heiligen Nikolaus, er möge bei Gott bitten für einen lieben, schwer erkrankten Bekannten. Denn, so fährt die Dame fort: „Der Heilige ist in Russland der Fürsprecher für kranke Menschen und Patron der Reisenden. Und diese Ikone des Nikolaus liebe ich besonders, sie ist sehr schön.“ 

Spiritueller Ort

16 Jahre lang war Monsignore Franz Wolf Pfarrer in St. Ulrich und Afra. In dieser Zeit nahm er die reiche Sammlung altrussischer Ikonen von der Stifterin in Empfang. Noch heute sei er überwältigt von der Großartigkeit und Schönheit der Stücke. 

Doch nicht nur das kunsthistorische Interesse werde von den Bildern angesprochen, sondern ein Raum des Gebets, des äußeren und inneren Schauens soll durch die Ikonen eröffnet werden. „Die Kapelle soll kein Museum sein, sondern stets als spiritueller Ort wahrgenommen werden“, sagt Monsignore Wolf.

Ingrid Paulus