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Bertram Meier wird zum Oberhirten geweiht  (Dienstag, 09. Juni 2020 09:31:00)

Bertram Meier wird zum Oberhirten geweiht

„Er ist ein Bischof der Nähe“

AUGSBURG – Anita Breitsprecher aus Gundelfingen ist enttäuscht. Sie ist eigens nach Augsburg gefahren, um bei der Weihe des neuen Bischofs Bertram Meier im Dom dabeizusein. Doch sie kann keine Platzkarte vorweisen und muss deshalb leider draußen bleiben. Nur 180 Menschen dürfen wegen der Corona-Pandemie in die Kathedrale. 

„Schade, dass es keine Leinwand gibt, auf der die Weihe nach draußen übertragen wird“, bedauert Anita Breitsprecher. „Aber ich werde mir ein ruhiges Plätzchen suchen und den Festgottesdienst am Handy-Bildschirm verfolgen.“

Mehr Glück hat eine Frau aus Würzburg, die ihren Namen nicht verraten möchte. Sie hat eine Einladung zur Bischofsweihe bekommen. „Ich kenne Bertram Meier seit vielen Jahren. Ich habe zur gleichen Zeit wie er ein Studienjahr in Rom verbracht“, erklärt sie. Seither sei der Kontakt nie abgebrochen und punktuell immer wieder gepflegt worden. So sei sie auch bei Meiers Diakon- und Priesterweihe dabeigewesen: „Er schafft es, Verbindungen immer aufrecht zu erhalten.“

Zu den wenigen Zaungästen, die sich am Domplatz eingefunden haben, zählen Norbert Wohlfahrt aus der Dompfarrei und sein Enkel Quirin. „Schade, dass Bertram Meier nicht mit der Diözese feiern kann und das Fest erst nächstes Jahr nachgeholt werden kann“, bedauert Wohlfahrt. „Er ist ein Bischof der Nähe.“ Enkel Quirin hat sich schnell damit abgefunden, dass er zum Weihegottesdienst nicht in den Dom darf: „Ich will dort nicht zwei Stunden sitzen“, sagt er. 

Auch Michael Thiel aus Augsburg ist gekommen, um sich ein paar Eindrücke von dem Ereignis zu verschaffen. „Der künftige Bischof ist ein großer Versöhner. Er setzt ermutigende Zeichen. Schön, dass er so volksnah ist und auf die Gläubigen zugeht“, freut er sich. 

Der Himmel ist bedeckt und grau an diesem Samstagvormittag. Der Wind wirbelt durch die Fahnen am Domvorplatz und über dem Portal des Bischofshauses am Hohen Weg. Über dem Eingangstor prunkt jetzt das Wappen des neuen Bischofs in kräftigem Rot, Gold und Schwarz – und der Leitspruch des neuen Oberhirten: „Vox verbi – vas gra­tiae“ (Stimme des Wortes, Schale der Gnade).

Mit schwarzer Limousine

Ausgerechnet als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in einer schwarzen Limousine am Ostchor des Doms eintrifft, beginnt es zu regnen, und der Wind frischt weiter auf. Söder wird von Augsburgs neuer Oberbürgermeisterin Eva Weber begrüßt und geht dann die Treppe hinab zum Ulrichsbrunnen, um dort den neuen Bischof zu erwarten.

Am Portal des Bischofshauses versammeln sich der Altardienst und die Geistlichen zum Kirchenzug. Dem Kreuzträger folgen die Ministranten und Geistlichen. In ihrer Mitte ist Bertram Meier. Der Zug bewegt sich zum Ulrichsbrunnen, wo sich Ministerpräsident Söder und Meier in dem von Corona gebotenen Abstand begrüßen. Dann ziehen der Altardienst und die Geistlichen vor das große Bronzeportal am Dom, das nur zu ganz besonderen Anlässen wie dieser Bischofsweihe geöffnet wird. Minutenlang verharren sie dort.

Im spärlich besetzten Dom herrscht gespannte Stille. Fünf Minuten vor 10 Uhr wird das Bronzeportal geöffnet. Ein Kameramann postiert sich in der Nähe des Portals. Die Orgel braust auf, und hinter dem Vortragekreuz ziehen der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, Nuntius Nikola Eterović, der Limburger Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx und der Weihekandidat über den Mittelgang zum Altarraum. 

Bertram Meier wird zudem von zwei Weggefährten begleitet: von Pfarrer Hubert Ratzinger aus Großaitingen und dem Speyrer Dom­kapitular Matthias Bender. Im Chor haben zuvor schon die Bischöfe der bayerischen Diözesen und die Gäste aus der Ökumene, darunter der evangelisch-lutherische Regional­bischof Axel Piper, Platz genommen.

Der Mitbruder Dr. Bertram Meier werde nun die Bischofsweihe empfangen und in das Amt als 62. Nachfolger des Heiligen Ulrich eingeführt, erklärt Domkapitular Harald Heinrich. Als Ständiger Vertreter des Apostolischen Administrators begrüßt er die Ehrengäste, die Dekane, Äbte, Vertreter der Frauenorden sowie Mitarbeiter und Abordnungen von Männern und Frauen im Ehrenamt. 

Der Metropolit Kardinal Marx erinnert in seiner Begrüßung an die vielen Katholiken, die wegen der Pandemie nicht persönlich teilnehmen können und die Weihe übers Fernsehen oder im Internet verfolgen. „Beten Sie mit, singen Sie mit“, fordert er die Fernsehzuschauer auf. Man sei nicht getrennt, sondern innerlich miteinander verbunden. 

Für die Fernsehübertragung ist im Dom ein Stahlgestänge aufgebaut, an dem viele Scheinwerfer montiert sind. Sie tauchen ihn in gleißendes Licht. Die handverlesenen Gläubigen, die an der Weihe teilnehmen können, mussten zuvor an den genau vorgegebenen Portalen ihre Einlasskarten vorzeigen. 

An den Eingängen sind Flüssigkeitsspender aufgestellt, wo –
beobachtet vom Einweisungspersonal – die Hände zu desinfizieren sind. Von dort werden die Gäste einzeln zu ihren namentlich gekennzeichneten Plätzen geführt. Diese liegen immer am Anfang und am Ende einer sonst leeren Bank. Zwischen den so belegten Bänken sind im Hauptschiff immer zwei Bankreihen freigehalten. 

Zeuge des Reiches Gottes

„In diesen stürmischen Umbruchszeiten das Bischofsamt zu übernehmen, Zeuge Christi zu sein“, sagt Kardinal Marx in seiner Predigt, „und inmitten dieses Suchens und Fragens deine Person und deine Verkündigung mit einzubringen, dafür erbitten wir Gottes reichen Segen.“ Ein Bischof in dieser Zeit habe deutlich zu machen, dass es in der Kirche um das eine Ziel gehe, „das Reich Gottes zu bezeugen und inmitten aller menschlichen Wirklichkeit auch in turbulenten Zeiten zu feiern“. Ein Bischof könne nur dann Zeuge des Reiches Gottes sein, wenn er versuche, „sich in das lebendige Wort hineinzugeben und Stimme des Wortes zu sein“. 

Laut und deutlich antwortet Bertram Meier beim Treueversprechen, das er vor dem Kardinal ablegt, auf jede Frage: „Ich bin bereit.“ Dieser fragt ihn unter anderem, ob er bereit sei, als Bischof „mit der Gnade des Heiligen Geistes bis zum Tod zu dienen“. Zu Beginn der Allerheiligenlitanei fordert der Diakon singend auf: „Beuget die Knie!“ Während sich die Gläubigen niederknien und Meier auf dem Boden ausgestreckt vor den Altarstufen liegt, wenden sich auch der Kardinal und die Mitkonsekratoren in Richtung zum großen Henselmann-Altar, so dass sie gemeinsam mit dem Weihekandidaten in Richtung Osten schauen. 

Stille im Dom

Die acht Sänger und Sängerinnen des Chores AUXantiqua rufen a capella die Heiligen in einem zu Herzen gehenden ostkirchlichen Hymnus um ihre Fürsprache für Meier an. Die Gemeinde antwortet, begleitet von den Instrumentalisten, „Bittet für uns, ihr Heiligen. Bittet für uns beim Vater.“ 

Nach der langen Litanei erheben sich die Gläubigen, und auch Meier steht auf und schreitet zum Kardinal, um vor ihm niederzuknien. Dieser legt dem Weihekandidaten schweigend die Hände auf das Haupt. Im Dom ist es totenstill. Dann treten die Mitkonsekratoren ­Nuntius Eterović und Erzbischof Schick vor den Knieenden und legen ihm ebenfalls schweigend die Hände auf. Auf das Händeauflegen der anderen bayerischen Bischöfe wird wegen der Pandemie verzichtet.

Nun salbt der Kardinal den Kopf von Bischof Bertram mit Chrisam und überreicht ihm ein Evangeliar mit den Worten: „Verkünde das Wort Gottes in aller Geduld und Weisheit.“ Wie ein schützendes Dach halten zwei Diakone das Evangeliar über ihn. Dann steckt er ihm den Bischofsring an, setzt ihm die Mitra auf und übergibt ihm den für ihn angefertigten Hirtenstab mit den Lechkieseln. Anschließend wird der neue Bischof zu seiner Kathedra, dem Bischofsstuhl, geleitet. Bischof Bertram nimmt darauf Platz – und mit dieser Handlung die Diözese Augsburg in Besitz: Die Sedisvakanz ist endgültig beendet. 

Der Chor singt, begleitet von Instrumentalisten, Felix Mendelssohn Bartholdys „Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig.“ Nicht bombastisch, sondern eher zurückhaltend und zart durchfluten die Gesänge unter der Leitung von Domkapellmeister Stefan Steinemann den Kirchenraum. Der musikalischen Gestaltung, zu der auch Kantor Julian Müller-Henneberg, Domorganistin Claudia Waßner und Organist Umberto Kostanić beitragen, gelingt es, die Feier so würdig zu begleiten, dass man die fehlende Wucht eines mit Gläubigen überfüllten Gotteshauses verschmerzen kann. 

Nach einem kurzen Orgelspiel tritt Bischof Georg Bätzing hervor und begrüßt den neuen Augsburger Bischof im Namen der Deutschen Bischofskonferenz. Man brauche dort die großen Gaben von Bischof Bertram, der für die Menschen und ihre Fragen offen sei. 

Diözesanratsvorsitzende Hildegard Schütz verspricht: „Männer und Frauen in verschiedenen Ämtern und Diensten, hauptberuflich und im Ehrenamt, werden Sie in Ihren Aufgaben tatkräftig unterstützen.“ Gerne wolle man mit dem neuen Bischof zusammenwirken, dass das Reich Gottes in der Kirche von Augsburg immer mehr wachse: „Gott segne unser Miteinander.“ Dann feiert der neue Augsburger Bischof zum ersten Mal in seiner Gemeinde die Eucharistie.

Während sich der Festgottesdienst im Dom gegen 12.30 Uhr dem Ende zuneigt, lichtet sich draußen die Wolkendecke und die Sonne bricht durch. Etliche Zaungäste, die unterdessen durch die Augsburger Innenstadt gestreift sind oder die Weiheliturgie am Bildschirm verfolgt haben, finden sich nun am Domplatz ein, um beim Auszug einen Blick auf den neu geweihten Bischof Bertram zu erhaschen. 

Festliche Stimmung

„Die Stimmung drinnen war sehr festlich“, erklärt die stellvertretende Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Augsburg, Sieglinde Hirner. „Der Gottesdienst war etwas eigenartig bei der Leere, aber ein Stück andächtiger als sonst.“ Schwester Roswitha Heinrich, Generaloberin der Dillinger Franziskanerinnen, hat im Dom „die Gläubigen, die Menschen vermisst“. Auch das Singen mit Maske sei schwierig gewesen. Doch die Franziskanerin freut sich jetzt „auf den Weg, auf die Zukunft der Diözese mit Bischof Bertram: „Er hat das Zeug dazu, die Kirche im Heute zu verorten.“

Gerhard Buck/Barbara Lang

Information

Weitere Bilder zur Bischofsweihe 

finden Sie auf Facebook sowie auf

www.katholische-sonntagszeitung.de.

09.06.2020 - Bischöfe , Bistum Augsburg