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Bischof des. Bertram erzählt von seinem Dienst neben einem großen Papst

Einem Heiligen nahe

AUGSBURG – Wenn am 18. Mai des 100. Geburtstags von Papst Johannes Paul II. gedacht wird, dann weckt dies ganz besondere Erinnerungen auch bei einem Mann, der derzeit selbst im Mittelpunkt des medialen Interesses steht: der designierte Augsburger Bischof Bertram Meier. Für ihn verbinden sich viele unvergessliche Erlebnisse, bleibende und prägende Eindrücke mit dem großen Pontifex aus Polen. Im Exklusivinterview erzählt er der Katholischen SonntagsZeitung davon.

Herr Administrator und designierter Bischof, wann sind Sie denn Papst Johannes Paul II. zum ersten Mal begegnet?

Das war am 18. Oktober 1981 – ein Sonntag. Papst Johannes Paul II. hatte sich gerade einigermaßen von den schweren Verletzungen erholt, die er beim Attentat am 13. Mai erlitten hatte. An dem besagten Sonntag besuchte er das Päpstliche Collegium Germanicum et Hungaricum, wo ich als Priesteramtskandidat in Rom wohnte. Besonders eindrücklich war die Papstvisite dadurch, dass ich nach dem Gottesdienst und der Gesprächsrunde beim Abendessen an dem Tisch sitzen durfte, an dem einzelne ausgewählte Studenten dem Papst begegnen durften. Oft lese ich noch die Ansprache, die Johannes Paul bei der Heiligen Messe in der Kollegskirche gehalten hat. Dabei sagte er: „Das geschichtliche Erbe eures Kollegs berechtigt euch zu stolzer Freude; es ermahnt euch zugleich aber auch zu demütigem Ernst. Mögen eure Heimatländer, einst Ausgangspunkt von Spaltung, nun auch Ausgangspunkt von Versöhnung sein.“ Das bestärkt mich in meinem ökumenischen Anliegen – als Priester und jetzt auch als Bischof.

Auch in der Folgezeit waren Sie immer wieder an seiner Seite, ja, man könnte fast sagen: Er arbeitete eng mit Ihnen zusammen …

Da muss ich etwas zurechtrücken. Nicht der Papst arbeitete mit mir zusammen, sondern umgekehrt: Ich hatte die Ehre, mit Johannes Paul II., sozusagen in der Nähe eines Heiligen, Dienst zu tun. Denn von 1996 bis 2002 leitete ich die deutschsprachige Abteilung im Vatikanischen Staatssekretariat. Ich durfte die Korrespondenz in deutscher Sprache koordinieren, war bei Audienzen dabei und begleitete den Papst auf Pastoralreisen in deutschsprachige Länder. In lebendiger Erinnerung ist mir die Reise nach Österreich im Juni 1998, wo der Papst im Salzburger Dom ausrief: „Jesus braucht keine Teilzeitkatholiken, sondern Vollblutchristen.“ Das ist ein Motto für heute, um die Menschen mit dem Evangelium zu konfrontieren.

Hat der Heilige Vater Sie auch einmal auf seinen Besuch in Ihrer Heimatdiözese Augsburg angesprochen?

Ja, bei ihm haben sich zwei Dinge besonders eingeprägt: Das Unwetter, das ihn zwang, seinen in Augsburg geplanten Freiluftgottesdienst spontan in den Dom zu verlegen, und der ökumenische Gottesdienst einen Tag später in der Basilika St. Ulrich und Afra. Für Papst Johannes Paul II. war die Ökumene ein großes Anliegen. Wohlgemerkt, nicht so sehr die Ökumene am Schreibtisch oder in den theologischen „Laboren“, sondern mitten im Leben. Er betonte immer wieder: Größer und wichtiger als das, was uns trennt, ist das, was uns eint. Johannes Paul II. wollte besonders die Ökumene des Lebens und der Spiritualität fördern. Leider kam dieses Anliegen manchmal zu wenig „rüber“. Vielleicht sind wir Deutsche zu stark verkopft, dass wir Ökumene mehr im akademischen Bereich ansiedeln und dann enttäuscht sind, wenn die Ergebnisse ausbleiben. Im Sinne von Johannes Paul II. wäre es, viel stärker das auszuschöpfen, was möglich ist, als über das zu klagen, was noch nicht an der Zeit ist.

Was war für Sie das ganz Besondere, das Charisma dieses großen Mannes, der für viele Jahre das Gesicht der Kirche bildete und an den sich Zig-Millionen Christen in aller Welt lebhaft erinnern?

Zunächst habe ich Johannes Paul II. als betenden Menschen erlebt. Das fing bei der Frühmesse an und hörte beim regelmäßigen Rosenkranz auf. Er hat seine Spiritualität nicht vor sich hergetragen, aber man spürte, dass seinen Aktivitäten, die mitunter aufgrund ihrer Spontaneität für Überraschungen sorgten, ein tiefer intuitiver Spürsinn zugrunde lag. Diese Art von Sicherheit war mehr als Psychologie; es war ein Eintauchen in einen geistlichen Raum, in dem sich sein ganzes Leben abspielte. Karol Wojtyła hatte ja schon in jungen Jahren seine engsten Verwandten, das heißt Mutter und Vater sowie seinen Bruder und (kurz nach ihrer Geburt) die Schwester verloren. Trotzdem war er nie allein: Er ging seinen Weg auf festem Grund – mit Jesus – und er war ein Genie der Freundschaft. Treu pflegte er seine menschlichen Beziehungen – auch als Papst; er wohnte im Apostolischen Palast, aber er war gut aufhoben in seiner Hausgemeinschaft. Und vor allem: Er hat sich seinen Mutterwitz  bewahrt. Solange er konnte, hatte er immer eine schlagfertige Bemerkung auf den Lippen, und das in vielen Sprachen!

Gibt es so etwas wie eine Vorbildfunktion, die Sie von Karol Wojtyła für Ihr Bischofsamt ableiten wollen?

Ich möchte auch als Bischof den Menschen nahe bleiben. „Der Weg der Kirche ist der Mensch“, hat Papst Johannes Paul II. als Regierungsprogramm formuliert. Zu den Menschen gehen und ihnen das Evangelium anbieten als „Stimme des Wortes“, wie mein Wahlspruch sagt, das ist auch mein Wunsch. Und: Papst Johannes Paul II. hat sein Pontifikat unter den Schutz der Gottesmutter gestellt: „Totus tuus“ – „Ganz dein“ lautet sein Wahlspruch nach einem Zitat von Ludwig Maria von Grignon. Auch ich möchte meinen Hirtendienst und das ganze Bistum unter den Schutzmantel Mariens stellen. Da sind wir alle gut aufgehoben.

Interview: Gerhard Buck/Johannes Müller

18.05.2020 - Bistum Augsburg , Jubiläum , Papst