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Christian Hartl will den geistlichen Reichtum im Bistum aufzeigen

Eine Brücke zu den Menschen

AUGSBURG/LEITERSHOFEN – Als Christian Hartl im Herbst in sein Heimatbistum zurückkehrte, holte Corona gerade zum nächsten Schlag aus. „Manchmal“, erinnert sich der geistliche Direktor von Leitershofen, „war ich dann ganz schön allein in dem großen Haus.“ Nun wächst stetig die Hoffnung, dass sich die Räume und der herrliche Park immer mehr mit Leben füllen, berichtet Hartl im Exklusiv­interview. 

Herr Direktor, seit dem Martinstag 2021 sind Sie in Ihrem neuen Amt tätig – und mussten zunächst einmal eine weitere Corona-Welle über sich ergehen lassen. Hat sich der Betrieb, das Leben im Exerzitienhaus Leitershofen, seither einigermaßen normalisiert?

Tatsächlich waren die verschiedenen Corona-Wellen für das Exerzitienhaus – wie ja auch für viele andere Einrichtungen – hart. Ein Teil unserer Mitarbeitenden musste in Kurzarbeit gehen. Seit dem Weißen Sonntag aber haben wir wieder normalen Betrieb mit vielen unterschiedlichen Beleggruppen. Für mich bedeutet dies: Erst einmal sehen, wie es läuft, wenn es normal läuft.

Bischof Bertram äußerte während der Pandemie mehrfach die Befürchtung, dass Corona vieles im Bistum nicht nur einschränken, sondern dauerhaft verändern wird. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen?

Leider ist die Corona-Pandemie ja noch nicht vorüber. Insofern ist es für eine Beurteilung der Veränderungen noch zu früh. Was ich freilich wahrnehme, das ist eine neue Dankbarkeit, dass man sich wieder in Präsenz treffen kann und ein neues Bewusstsein, wie wertvoll – auch spirituell gesehen – Begegnungen sind. Sodann haben wir neue digitale Formate für geistliche Impulse entdeckt, an die zuvor niemand gedacht hatte. Aber auch das persönliche Beten einzelner hat in der Pandemie zugenommen und neue Tiefe gefunden. Insofern möchte ich zunächst einmal die positiven Auswirkungen der Pandemie wertschätzen. Die Klage ist nicht mein Stil.

Früher war „Exerzitien“ ein bekanntes Wort; viele Menschen machten im Laufe ihres Lebens mehrfach Exerzitien und jeder wusste, was damit gemeint war. Kann ein Jugendlicher heute etwas mit dem Begriff anfangen?

Ob das früher so war? Dessen bin ich mir gar nicht so sicher. Aber klar, junge Menschen kennen den Begriff „Exerzitien“ in der Regel wohl nicht. Doch sie kennen die Sehnsucht nach dem, worum es geht: Die Sehnsucht nach einer Unterbrechung des hektischen Alltags, nach Innehalten und Zur-Ruhe-kommen, nach Orientierung. Für junge Erwachsene bieten wir zum Beispiel erstmals eine „24-Stunden-Auszeit in der Rushhour des Lebens“ an. Das zeigt das Bemühen um eine neue Sprache und um neue Altersgruppen.

Bei Ihnen wird unterschieden zwischen Exerzitien, Exerzitientagen, geistlichen Tagen, Besinnungswochenenden und Oasentagen für Priester – um nur einiges zu neuen. Auch gibt es jetzt die 24-Stunden-Auszeit: Was sind die „Renner“ im Programm und wo hätten Sie sich mehr Besucher erwartet?

Auch hier muss ich sagen: Es ist noch zu früh, eine Bewertung zu treffen. Die Resonanzen waren in den vergangenen Monaten aufgrund der Corona-Pandemie noch zurückhaltend. Denn vielfach war ja gar nicht sicher, ob die jeweilige Veranstaltung wird stattfinden können. Umso mehr haben wir uns über alle gefreut, die gekommen sind. Sie gaben uns gute Rückmeldungen.

Am 15. Juli, also dem Höhepunkt des Sommers, lädt das Exerzitienhaus zum „Waldbaden – Naturverbundenheit und Achtsamkeit als Gesundheitsressource“ ein. Rennt das Exerzitienhaus hier dem Zeitgeist hinterher?

Das Exerzitienhaus „rennt“ nicht, sondern „steht“ mit weit geöffneten Türen da und empfängt gerne die unterschiedlichsten Gäste. Auch solche, die dem sogenannten Zeitgeist in irgendeiner Form anzuhängen scheinen – und auch solche, die ihn ständig anprangern. Das Haus erfüllt für die Kirche somit eine ganz wichtige Brückenfunktion hin zu den Menschen unserer Tage und ihren sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Mir persönlich ist das Wort von Papst Benedikt wichtig geworden: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Insofern brauchen wir ein breit gefächertes Angebot, das die verschiedenen spirituellen Sehnsüchte der Menschen unserer Tage ernst nimmt und diese Sehnsüchte dann aus unserer christlichen Überzeugung heraus aufzugreifen versteht.

Für das Programm 2023 wollen wir erstmals mit vier Sparten arbeiten, um das Profil unseres Hauses zu schärfen: 1. Exerzitien – Spiritualität – Theologie. 2. Persönlichkeit und Leben; da denke ich zum Beispiel an die in spiritueller Hinsicht so wichtige Biographie-Arbeit. 3. Bewegen und Vertrauen; zum Beispiel durch eine größere Sensibilität für unseren Körper oder für die Wunder der Schöpfung. 4. Kunst und Krea­tivität. Ein Exempel für die letztgenannte Sparte ist neben unseren bekannten Kunstaustellungen ein Wochenende über Bach-Kantaten. Die Texte dieser Kantaten sind oft von großer mystischer Dichte, welche durch die Musik eine nochmalige Vertiefung erfährt.

Sie sind ja nicht nur geistlicher Direktor von Leitershofen, sondern auch Bischöflicher Beauftragter für Geistliches Leben der ganzen Diözese. Gibt es so etwas wie eine gemeinsame Grundausrichtung, die Sie hier befördern wollen? 

Ihre Frage ist interessant. Denn sie zeigt mir, dass viele Menschen mit meiner Arbeit im Exerzitienhaus sehr konkrete Vorstellungen verbinden. Was aber macht ein „Bischöflicher Beauftragter für Geistliches Leben im Bistum Augsburg“? Das bleibt zunächst irgendwie unklar.

Tatsächlich hatte mir Bischof Bertram gesagt, die Aufgabe als „Bischöflicher Beauftragter“ sei vorrangig, im Exerzitienhaus finde sie eine Verortung. Zunächst einmal gelte es, das geistliche Leben in der Diözese in Kooperation mit den entsprechenden diözesanen Dienststellen zu fördern. Es geht also um eine Querschnittsaufgabe. Das bedeutet für mich konkret: Zunächst einmal sehen, welchen Reichtum an geistlichem Leben wir in unserem Bistum haben, angefangen bei unseren Gottesdiensten über viele Initiativen und Gruppen bis hin zu vielen geistlichen Orten, zum Beispiel unseren Klöstern. Aber auch viel soziales Engagement erfolgt aus einer tiefen Spiritualität heraus. Hier darf ich zunächst immer wieder dankbar staunen. Ich finde, wir sollten diesen Reichtum geistlichen Lebens mehr bekannt machen und ins Licht heben. Sodann macht es Sinn, noch bessere Kooperationen zu suchen, denn gemeinsam wird auch manches spirituelle Bemühen leichter realisierbar. Schließlich aber geht es gar nicht so sehr um ein „Wieviel“ an geistlichen Angeboten, sondern um ein „Wie“ in unserem kirchlichen Miteinander und Handeln. Meine Devise lautet deshalb: Wahrnehmen und ins Licht heben – vernetzen – von Jesus Christus her denken und handeln!

Interview: bc, jm, la

03.07.2022 - Bistum Augsburg , Exerzitien