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Prozession mit dem Schiff

Generalvikar Heinrich: „Sichtbar machen, dass wir zur Gemeinschaft der Gläubigen gehören“

SEEHAUSEN – Glockengeläut um 6 Uhr morgens. Das ist das Zeichen für die Katholiken in der Michaelspfarrei von Seehausen, dass ihre Prozession auf dem Staffelsee zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi stattfinden kann. Die Sonne strahlt vom morgendlichen Himmel – ein gutes Omen für ein gelungenes und feierliches Glaubenszeugnis am Fronleichnamsfest.  

Viele Seehauser sind schon seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen: Männer und Frauen streuen Rasenschnitt auf die Dorfstraße, während eifrige Mädchen links und rechts des Wegs Blumenteppiche legen. Junge Birkenstämme sind an den Häusern befestigt, Fahnen aufgesteckt, Heiligenbilder und rote Tücher zieren die Anwesen. Helfer schmücken die Fähre mit Girlanden, breiten Teppiche für das Allerheiligste aus und bauen den Altar auf. 

Pfarrgemeinderatsvorsitzende Angelika Guglhör betont, es sei dieses Jahr eine große Ehre, Generalvikar Harald Heinrich begrüßen zu dürfen: „Wir sagen Ihnen unseren besonderen Dank dafür, dass Sie mit und für uns den Festgottesdienst und die Seeprozession feiern.“ Unter dem „Himmel“ trägt der Generalvikar in der Monstranz den Leib Christi von der Pfarrkirche durch das festlich herausgeputzte Dorf zur ersten Statio.

Der Heiland wird in Seehausen nicht nur durch das Dorf getragen, sondern auch über den See auf die Insel Wörth, zu den Wurzeln der Pfarrei. Schon im frühen Mittelalter war die Insel ein Zentrum des Glaubens. Hier befand sich ein Kloster, in dem das berühmte Wessobrunner Gebet niedergeschrieben worden sein soll. Dort stand bis ins frühe 18. Jahrhundert die Pfarrkirche für die umliegenden Gemeinden des Staffelsees. 

So erinnert die Prozession an die Geschichte der Gemeinde, ist aber zugleich ein großes Zeichen für die Gegenwart. Der Generalvikar greift deshalb auf die Wortbedeutung von Monstranz aus dem Lateinischen (monstrare: zeigen) zurück: „Wir wollen etwas zeigen“, sagt Heinrich. Mit der Prozession zeige man, was wichtig und bedeutend sei. 

Von der Bootslände ziehen Ruderer in gleichmäßigen Schlägen die Fähre mit dem Allerheiligsten auf den See. Viele Gläubige in Tracht folgen ihr in kleinen Ruderbooten zur zweiten Statio auf die winzige Jakobsinsel. Dort steht das Kreuz, das 2007 in Rom von Papst Benedikt XVI. gesegnet wurde. An diesem kleinen Eiland war über Jahrhunderte der Holzsteg von der Halbinsel Burg bis hin zur Insel Wörth festgemacht. 

Von dort ziehen Fähre und Boote durch das ruhige Wasser, auf dem die strahlende Sonne glitzernde Lichtsprenkel zaubert, weiter zur Insel Wörth. Dort führen die roten Kirchenfahnen die Prozession mit dem Allerheiligsten an. Es folgt ein langer Zug Gläubiger hinauf auf das kleine Hochplateau, auf dem jetzt die Simpertkapelle steht. Inselmesner Klement Widmann hat den Altar für die dritte Statio im Freien aufgestellt. Um ihn scharen sich alle Prozessionsteilnehmer im Halbkreis. 

Von der Wörth aus geht es zur letzten Statio ans Seehauser Ufer, zum „Kreuzl“. Hier können die Prozessionsteilnehmer  auf den Booten und die zahlreichen Besucher an Land der Predigt des Generalvikars lauschen. Dieser lobt: „Am heutigen Tag passt alles wunderbar zusammen.“

In seiner Predigt zitiert Harald Heinrich ein neuere Umfrage, wonach Religion nur noch für 13 Prozent der Deutschen heilig sei. „Was ist uns heilig?“, fragte er die Gläubigen. Gerade in der heutigen Zeit frage man sich oft, wieviel an Glauben die Öffentlichkeit vertrage. „Dürfen wir uns noch bekennen, dürfen wir überhaupt noch etwas sagen?“ 

Heinrich betont, dass der Fronleichnamsfesttag für die Grundlagen des Glaubens stehe, allerdings über den Tag hinaus in den Alltag wirken müsse. „Wir haben für jeden sichtbar ein kleines Stück Brot durch die Straßen getragen und gezeigt, dass Jesus selbst mitten unter uns ist. Wir haben gezeigt, was uns heilig und wichtig ist. Der Glaube ist nicht Privatsache, man muss sichtbar machen, dass wir zur Gemeinschaft der Gläubigen gehören – als Gemeinschaft dankbar, froh, mit Überzeugung und gesundem Selbstbewusstsein, doch ohne Arroganz und Besserwisserei.“ So sind für ihn der Tag am Staffelsee, aber auch die zahlreichen Prozessionen im Land ein großes Bekenntnis und eine starke Ermutigung.

Ingrid Paulus