Anzeige

Jesulein-Sammlung

Gewickelt und geschmückt

ROGGENBURG – Die Dominikanerinnen des Klosters Wettenhausen im Landkreis Günzburg waren entsetzt. Während eines Besuchs hatten ihnen Roggenburgs Prämonstratenser gestanden, kein einziges Fatschenkind zu besitzen. Sie konnten von der nachbarschaftlichen Visite eins als Geschenk heimführen. Doch die Not, ohne Fatschenkinder zu sein, ist mittlerweile behoben. Kloster Roggenburg hütet seit einem Jahr einen Schatz mit 35 Wickelkindern.

Pater Roman Löschinger als Provisor des Klosters ist überzeugt, dass Roggenburg bis zur Aufhebung der Abtei Anfang des 19. Jahrhunderts zahlreiche solche gewickelten Jesulein besessen hat. „In den Pfarreien ringsum werden viele Fatschenkinder in Ehren gehalten, die vermutlich aus dem Kloster stammen“, sagt er. Sie dienten einst dazu, in der Klosterzelle die persönliche Frömmigkeit auszuüben und ihnen Sorgen und Nöte anzuvertrauen. 

Die Tradition der Fatschenkinder führt zurück ins Mittelalter. Nach der Geburt wurden Babys mit Bändern umwickelt. Dieses „Fatschen“, das sich wohl vom lateinischen
„fascere“ (mit Binden umwickeln)  ableitet, sollte helfen, dass Ärmchen und Beinchen des Neugeborenen gerade wuchsen. 

Dass Roggenburg nun gleich drei Dutzend Fatschenkinder besitzt, hat es der Schneidermeisterin Maria Haller zu verdanken. Sie hatte bereits als Kind von sechs, sieben Jahren an ihrem Geburtsort Fronhofen nahe Ravensburg ein Jesulein als Fatschenkind in der Dorfkirche bewundert. „Das Liebevolle der Erscheinung, auch die Goldspitzen an Kleidchen und Kissen haben mich gefesselt. Wenn ich groß bin, will ich auch so etwas Schönes haben“, sei schon damals ihr Wunsch gewesen. 

Sie wurde Schneiderin, unterrichtete fast ein Dutzend Jahre lang an der Frauenfachschule in Ulm. Mit der dienstlichen Versetzung des Ehemanns nach Villingen-Schwenningen endete ihr Schuldienst. Maria Haller gab nun Schneiderkurse zwischen Oberer Donau und Südschwarzwald. Nachdem die erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, kam die Stunde der Wickelkinder. 

„Zu Weihnachten 1994 habe ich mein erstes eigenes Fatschenkind angefertigt“, erzählt sie. „Das hat mir eine solche Freude bereitet und wohl auch eine künstlerische Ader in mir entwickelt, dass ich immer weitergemacht habe.“ Alte Stoffe und Spitzen, die sie seit je gesammelt hatte, füllten inzwischen ganze Bananenkisten. Nun konnten sie endlich zu ihrem vorgesehenen Zweck hervorgeholt werden. „Ich habe meine ganze Phantasie eingesetzt für meine italienischen, belgischen, neapolitanischen Kindlein.“ 

Binden und Bänder zum Einwickeln sind aus kostbar wirkenden Stoffen geschnitten, mit Rüschen und Stickarbeiten, mit Gold- und Silberfäden geschmückt. Das fertige Kind wird in eine mit Stoff ausgefütterte und mit Blümchen und Girlanden verzierte Krippe gelegt, oder in ein Holz- oder Pappkästchen. Zum Schutz wird es mit einer Glasscheibe oder einem verzierten Deckelchen verschlossen. Barock wirkende Kindlein mit Doppelkinn sind unter Maria Hallers kleinen Geschöpfen, solche mit roten Bäckchen und dicken Wangen, auch gertenschlanke, die an den Jugendstil erinnern.

Mit ihren Fatschenkindern hat Maria Haller jahrelang zur Adventszeit Ausstellungen veranstaltet. „Sie haben die Menschen angerührt“, sagt sie, „das war ihren Gesichtern anzusehen, wenn sie die Kindlein verließen.“ Nun hat sie sich mit ihren 80 Jahren von den Schätzen getrennt und sie dem Kloster Roggenburg geschenkt. 

Sie hat sich jedoch versichern lassen, dass die kleinen Geschöpfe alljährlich „dem Publikum vorgestellt werden, damit die Gäste sich von ihnen anrühren lassen können“. Die Chorherren erfüllen diesen Wunsch und fügen ihrer jährlichen Krippenausstellung im Januar stets einige der Fatschenkinder hinzu. 

Gerrit-R. Ranft

13.12.2017 - Bistum Augsburg