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Rektor Oblinger von Marienfried im Interview mit der SonntagsZeitung

Durst nach Gebet und Gottesdienst

MARIENFRIED – Im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht meist nur, wie Theater, Kinos, Restaurants und Fitnessstudios die Corona-Pandemie überstehen können. Wie aber geht es den Wallfahrtsorten und Gebetsstätten in der Diözese, die ihren gewohnten Jahresablauf durchbrochen sehen? Die SonntagsZeitung wollte vom Rektor der Gebetsstätte Marienfried, Pfarrer Georg Alois Oblinger, in Pfaffenhofen an der Roth wissen, wie sich die Seuche auf das dortige kirchliche Leben auswirkt: 

Herr Rektor Oblinger, wie sehr wurde Marienfried im vergangenen Jahr bei religiösen Veranstaltungen und Gottesdiensten von der Corona-Pandemie in Mitleidenschaft gezogen?

Was für die Wirtschaft und unsere ganze Gesellschaft gilt, gilt natürlich auch für unsere Gebetsstätte. Wir wurden von der Pandemie geradezu überrollt. Darauf war niemand vorbereitet. Niemand hätte sich auch im gottesdienstlichen und im bildungsmäßigen Bereich Einschnitte in solchem Umfang vorstellen können. Als die Pandemie begann, haben wir natürlich nicht gedacht, dass sie sich so lange hinzieht. Während der Sommermonate hat sich dann aber uns in Marienfried gezeigt, dass viele Menschen geradezu nach Gebet und Gottesdienst dürsten. Sehr schnell kamen wieder Anfragen und unsere Gottesdienste füllten sich. Während in den Pfarreien noch große Leere herrschte, war bei uns das religiöse Leben sehr schnell wieder in Gang. Hier zeigt sich die Besonderheit Marienfrieds und anderer geistlicher Zentren. Zu uns kommen doch vorwiegend religiös sehr gebundene Menschen mit einer eindeutigen Erwartungshaltung.

Sind das Pilgerhaus, das Restaurant und der Wallfahrtsladen unbeschadet über die Runden gekommen? Mussten Leute in die Kurzarbeit geschickt oder entlassen werden?

Wie andere Betriebe aus der Gastronomie mussten wir unser Pilgerhaus über viele Wochen schließen. Bei den Übernachtungen mussten wir im vergangenen Jahr einen Rückgang um fast zwei Drittel verzeichnen, in der Gastronomie brach uns der Umsatz um fast die Hälfte ein. Durch neue Vertriebswege konnten wir im Laden einen Teil des Ausfalls auffangen, so dass wir hier nur knapp 20 Prozent weniger umgesetzt haben als im Vorjahr. Dank der großzügigen Regelungen für die Kurzarbeit mussten wir keine Mitarbeiter entlassen, jedoch sind diese teilweise durchgehend seit März 2020 in Kurzarbeit. Dank der staatlichen Soforthilfe, die wir im Mai erhalten haben, werden wir das Jahr 2020 überstehen, wenn auch mit einigen Blessuren.

Erfahren Sie in Ihren seelsorgerlichen Gesprächen, dass Menschen verzweifelt sind? Oder spüren Sie, dass der Glaube den Menschen Trost und Zuversicht gibt?

Natürlich kann man beides wahrnehmen. Auch religiöse Menschen sind keine Super-Helden und stoßen irgendwann an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Dennoch ist der Glaube immer auch eine Lebenshilfe und Kraftquelle. In Krisen konnte man immer beobachten, dass gläubige Menschen diese besser durchgestanden haben als andere. In Marienfried stand das Internationale Prayer-Festival 2018 unter dem Thema „Be not afraid“ (Habt keine Angst). Der farblich gestaltete Slogan wurde anschließend an der Außenfassade unserer Kirche angebracht. Während der Corona-Pandemie habe ich in Predigten mehrfach darauf Bezug genommen. 

Sie haben für das Jahr 2021 ein hochwertiges Programm auf die Beine gestellt. Werden Sie es auch umsetzen können? Wann rechnen Sie damit, dass Sie die Bildungsarbeit aufnehmen können?

Ein solches Programm ist mit viel Arbeit verbunden. Während der Planung für das Jahresprogramm 2021 hat die Pandemie immer mehr Dynamik bekommen. Es zeigte sich bald, dass verlässliche Planungen kaum möglich waren. Wir müssen in dieser Zeit flexibel sein; dennoch müssen wir auch planen. So habe ich ins Ungewisse hinein und auf Hoffnung hin das Jahresprogramm erstellt, habe in der Einleitung allerdings geschrieben „Natürlich bleibt hinter jedem Termin ein Fragezeichen.“

Wie beurteilen Sie die Aussichten für die Marienfried-Wallfahrt nach Belgien im Mai und für den Großen Gebetstag am 17./18. Juli?

Genaues kann ich hierzu nicht sagen. Nur so viel: Wir leben von der Hoffnung. Diese ist schließlich neben Glaube und Liebe eine der drei göttlichen Tugenden.

Was raten Sie den Menschen, wie sie die Zeit der Pandemie an Leib und Seele einigermaßen unbeschadet überstehen können?

Was das Leibliche betrifft, sollte man sich an die medizinischen Experten halten und nicht an Verschwörungstheoretiker. Auch Schuldzuweisungen sind in Krisenzeiten wenig förderlich. Für die Seele schlage ich folgende fünf Punkte vor:

1. Was will Gott uns und insbesondere mir mit dieser Pandemie sagen?

2. Nehmen Sie sich Zeit zum Gebet und bringen Sie auch Ihr Unverständnis und Ihre Klage vor Gott.

3. Führen Sie einen regelmäßigen Tagesablauf mit regelmäßigen Mahlzeiten und körperlicher Betätigung.

4. Sorgen Sie sich um die Menschen, die jetzt besonders unter Einsamkeit leiden, und greifen Sie zum Telefonhörer oder zum Briefpapier.

5. Beherzigen wir den Satz des heiligen Paulus im Römerbrief: „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen“ (Röm 5, 3-5).

Interview: Gerhard Buck

05.02.2021 - Bistum Augsburg , Wallfahrt