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Interview mit Bezirksbäuerin Christiane Ade

„Die Situation ist schizophren“

AUGSBURG/GERLENHOFEN – Viele Landwirt sind empört. Sie fühlen sich unverstanden und von der Politik gegängelt, weil sie in einem Wust von Formularen, Anträgen und Bescheiden zu ersticken drohen. Besonders frustrierend finden sie, dass immer wieder neue Regelungen auf sie zukommen, in die man sich ein­arbeiten muss. Obendrein müssen sie aber damit rechnen, dass diese in ein paar Jahren wieder umgestoßen werden und manche Investition damit unwirtschaftlich geworden ist. Die Katholische SonntagsZeitung befragte dazu die schwäbische Bezirksbäuerin Christine Ade, die in Gerlenhofen im Landkreis Neu-Ulm einen Milchviehbetrieb mit Direktvermarktung und Ackerbau betreibt:

Frau Ade, viele Bauern fühlen sich zunehmend in die Enge gedrängt, weil sie sich als Tierquäler, Umweltverschmutzer und Artendezimierer diffamiert fühlen. Was hören Sie dazu von Kolleginnen und Kollegen?

Die verbandsübergreifenden Reaktionen von Bäuerinnen und Bauern sehen Sie an den Protesten der letzten Tage, Wochen und Monaten. Seit die Umweltorganisationen das Thema „Atomausstieg“ verloren haben, müssen wir feststellen, dass in vielen Bereichen massiv auf die Landwirtschaft losgegangen wird. Einzelfälle werden hochgezogen und verallgemeinert. Ich vermisse eine ganzheitliche Betrachtung und einen fairen Umgang. Unsere Bauernfamilien leisten Großartiges, stehen für Weiterentwicklung und sind in allen Bereichen nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. 

Bauern sagen: „Wir werden ständig mit neuen oder sich verändernden Auflagen und Vorschriften überzogen. Wir brauchen für mindestens zehn Jahre Planungssicher-heit.“ Wie stehen Sie dazu?

Die Situation ist schizophren. Bei uns werden die Auflagen und Standards ständig hochgeschraubt. Manches, was jahrelang an Universitäten und Landesanstalten untersucht, erprobt und erforscht wurde, gilt auf einmal nicht mehr. Wenn dann die Machbarkeit und der Praxisbezug völlig fehlen, ist das frustrierend. Im Gegenzug kommen bei offenen Märkten Erzeugnisse von Drittländern zu uns, die zu weitaus niedrigeren Standards erzeugt wurden. Wenn man in diesem Kontext höhere Investitionen tätigen soll, ist schon Verlässlichkeit vonnöten. Schließlich braucht ein Stall oft 20 Jahre oder mehr, bis er abgeschrieben ist. 

Seit Oktober sieht man überall im Land grüne Holzkreuze auf Äckern stehen. Es sollen rund 10 000 sein. Sie sind als Mahnzeichen gegenüber den Verantwortlichen in der Politik und den Verbrauchern gedacht. Welche Reaktionen bekommen Sie auf diese Kreuze?

Es war eine Idee von „Bauer Willi“, die zu einer richtigen Graswurzelbewegung geworden ist. Wir haben im Bauernverband kontrovers diskutiert, dann aber unsere Solidarität erklärt. Aufgrund des Symbols des Kreuzes war ich mir zunächst selbst unsicher, aber dann durchaus über die positiven Rückmeldungen überrascht. Viele Menschen suchten das Gespräch und wollten wissen, wo uns der Schuh drückt. Somit hat die Aktion in Teilen ihr Ziel erreicht. Nicht zufrieden bin ich, dass die Politik diese klaren Signale bis heute nicht aufgegriffen hat.

Um nitratbelastetes Grundwasser zu verbessern, werden „rote Gebiete“ ausgewiesen, auf denen pauschal 20 Prozent weniger gedüngt werden soll. Wieviel landwirtschaftliche Fläche ist davon hierzulande betroffen? Wie würde sich das finanziell auf die Betriebe auswirken?

Hier gibt es eine große Diskrepanz zwischen den bisher ausgewiesenen roten Gebieten und den Daten der Wasserversorger. Während im Rohwasser (Vorstufe zum Trinkwasser) in Bayern nur knapp 4 Prozent schlechter sind als der Grenzwert, haben wir landesweit über 22 Prozent rote Gebiete. Dieser große Unterschied ist für uns genauso unverständlich wie ungeklärte Fragen zu Messstellen oder die Tatsache, dass der Einfluss von Kläranlagen sowie kaputten Abwasserleitungen nicht berücksichtigt wird. Wir fordern ein nachvollziehbares, ganzheitliches System. Es kann nicht sein, dass eine Messstelle die Düngung in einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern einschränkt. 

Viele Landwirte haben Berechnungen angestellt und auf dieser Basis für die Zukunft investiert. Wenn jetzt mit Unterdüngung und dem Verbot der Herbstdüngung so massive Einschränkungen drohen, geht das an die Betriebe. Es drohen niedrigere Erträge, Humusabbau und hohe Kosten für Güllelager, weil man im Herbst nicht mehr düngen dürfte. Das hätte bei allen Betrieben erhebliche finanzielle Verluste zur Folge. Um aber nicht falsch verstanden zu werden: Dort, wo es wirklich Probleme gibt, muss umgehend gemeinsam nach Lösungen gesucht werden. Aber eine pauschale Regelung von Flensburg bis Berchtesgaden funktioniert einfach nicht! 

Einer Marktstudie der Gesellschaft für Konsumforschung  zufolge, ist der Umsatz der Supermärkte mehr gewachsen als der der Discounter. Als Begründung wird unter anderem dazu angeführt, dass Verbraucher inzwischen immer mehr ein attraktives Angebot an ökologisch nachhaltigen Produkten haben wollten. Zeichnet sich da eine Trendwende ab?

Es ist richtig, dass unsere Verbraucher mit ihrem Einkaufsverhalten mitbestimmen, wie Landwirtschaft aussieht. Trotz Anstiegen machte der Anteil an Bioprodukten beim Lebensmitteleinzelhandel im Jahr 2019 knapp neun Prozent, im Gesamtmarkt sechs Prozent aus. Allerdings sind darin auch die Bio-Produkte aus anderen Ländern eingerechnet. Ein Anstieg und ein langsamer Bewusstseinswandel sind durchaus zu verzeichnen, aber von einer Trendwende sind wir weit entfernt. Ich möchte betonen, dass sowohl konventionell wirtschaftende als auch Bio-Betriebe Achtung und Respekt verdient haben. Dieses ständige gegeneinander Ausspielen finde ich nicht in Ordnung. Dazu sind wir auch immer wieder im kritischen Dialog mit der Kirche. 

Ich sehe da genau den richtigen Ansatz, dass wir nicht Auftragnehmer sind, sondern Gestalter von sozialer Gerechtigkeit und Anwalt dafür. Und die Anwaltsrolle können wir noch weiter ausbauen.

Interview: Gerhard Buck

12.03.2020 - Landwirtschaft