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Bischof Bertram:

Kirche sucht neue Wege

„Die Kirche nach Corona wird nicht so weitermachen können wie vorher.“ Diese Prognose von Bischof Bertram ist einer der Gründe, dass die Diözese Augsburg jetzt einen Fonds zur „Förderung innovativer pastoraler Projekte“ auflegt. Im Exklusivinterview mit unserer Zeitung nimmt Bischof Bertram nicht nur zu den Herausforderungen auf Bistumsebene Stellung, sondern auch zu jenen Streitfragen, die derzeit zwischen Rom und Deutschland für Aufregung sorgen. 

Herr Bischof, die Diözese lässt sich gute Seelsorge einiges kosten: Der Fonds „Innovative Pastorale Projekte“ wird im nächsten Jahr mit 100 000 Euro ausgestattet, heuer können  noch 50 000 Euro fließen. Wie kann eine Pfarrei an Mittel kommen und woher stammen sie?

Die Kirche in Deutschland hat gerade viele offene Baustellen. Dies ist für mich ein Zeichen dafür, dass sie lebendig und zugleich im Umbruch ist. Damit aus dem Umbruch kein Abbruch wird, sondern ein geistlicher Aufbruch, müssen wir bewährte, ausgetretene Pfade verlassen und neue Wege suchen, um das Evangelium den Menschen von heute anzubieten. Am Geld soll der Aufbruch nicht scheitern. Deshalb wird es den Fonds „Innovative Pastorale Projekte“ geben, der sich nicht nur an Pfarreien wendet, sondern auch an Orden und geistliche Gemeinschaften, Einrichtungen und Verbände sowie an alle, die sich in der Seelsorge engagieren. Ein eigens dafür bestelltes Gremium wird nach bestimmten Kriterien auswählen, welche Projekte förderungsfähig sind. Die Mittel sind im Diözesanhaushalt eingeplant. Ich finde, dass hier die Kirchensteuer zum Wohl der Menschen gut eingesetzt ist. 

Schon bei der Chrisammesse haben Sie vermehrte pastorale Anstrengungen gefordert. In die gleiche Richtung geht der Fonds. Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ganz oben auf der Prioritätenliste steht für mich die Evangelisierung. Die Frohe Botschaft Jesu Christi ist so kostbar und wertvoll, dass sie nicht nur dem innersten Kreis der Katholiken angeboten, sondern auch allen „Durchschnittschristen“ und suchenden Menschen außerhalb der Kirche verkündet werden sollte. Der Evangelisierung dienen nicht nur die Martyrie, das heißt das Zeugnis, und die Liturgie beziehungsweise der Gottesdienst, sondern auch die Diakonie, die Ausdruck der Nächstenliebe ist. Die Kirche hat ihre Sendung von Jesus Christus her. Er ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern selbst zu dienen, damit die Welt menschlicher wird. Darauf hat bereits der Jesuitenpater Alfred Delp, der 1945 gestorben ist, nachdrücklich hingewiesen, wenn er die Rückkehr der Kirchen in die Diakonie fordert. Evangelisierung ist das „Kerngeschäft“ unseres kirchlichen Handelns und damit eine Querschnittsaufgabe, die alle Getauften und Gefirmten angeht. 

In Ihrem Hirtenbrief an Erntedank wiesen Sie auf den Umweltpreis, den neu eingestellten Umweltschutzmanager und das Ziel hin, 2030 klimaneutral zu sein. „Fridays for future“ ist das vermutlich zu langsam. Oder machen Sie es wie Ihr Passauer Kollege Stefan Oster und marschieren bei den Demos künftig mit?

Wer die Schöpfung bewahren will, setzt weniger auf kurzfristige Aktionen und Schlagzeilen. Mir geht es darum, eine Entwicklung, die es in unserem Bistum schon gibt, zu fördern und zu stärken. Das braucht Geduld, Zeit und Überzeugungskraft, damit die „Sorge um das gemeinsame Haus“, wie es Papst Franziskus in „Laudato si’“ formuliert, zu einem Grundanliegen möglichst vieler wird. Wer die Bewahrung der Schöpfung oben ansetzt, blendet übrigens Jesus Christus nicht aus. Denn von ihm geht in unserem christlichen Verständnis die Schöpfung aus und auf ihn hin wächst sie zu. Deshalb setze ich weniger auf Demonstrationen, als vielmehr auf eine hartnäckige Sensibilisierung für dieses Thema. Schöpfungstheologie ist deshalb immer an Christus gebunden und auf ihn hin ausgerichtet. 

Erst die Gemeindeinstruktion, dann die römische Intervention zu Kommunions- und Abendmahls­einladungen: Als Außenstehender muss man den Eindruck haben, dass es zwischen der Zentrale der Weltkirche und der deutschen Ortskirche gewaltig kracht. Fühlen Sie sich als langjähriger Mitarbeiter im Vatikan nicht als Vermittler gefordert?

Zunächst möchte ich die Begriffe Ihrer Fragen klären: Gegenüber der Zentrale der Weltkirche ziehe ich es vor, vom Papst und der Kurie, die ihm zuarbeitet, zu sprechen. Die Rede von einer deutschen Ortskirche ist nicht ganz korrekt. Wir sollten besser von Ortskirchen im Plural, das heißt von Diözesen in Deutschland, reden. Dass die Kommunikation zwischen beiden momentan durchaus spannend ist, leugne ich nicht. Dahinter stehen sicherlich auch unterschiedliche Mentalitäten. Texte allein, für sich genommen, müssen noch keine Kommunikation sein. Wichtig ist, dass von beiden Seiten Personen miteinander im Dialog stehen, die sich bemühen, einander zu vertrauen und Brücken zu bauen. Wenn ich als Bischof einer deutschen Diözese, von denen es 27 gibt, dazu einen bescheidenen Beitrag leisten kann, bin ich froh. 

Die Ökumene-Initiative aus Deutschland hat wieder einmal den Eindruck erweckt, den viele Kommentatoren Rom scharf angelastet haben: Überall grätscht der Vatikan dazwischen! Umgekehrt könnte man aber auch fragen: Müsste die Kirche in Deutschland nicht zunächst einmal ein wenig denken, abwägen und Terrain erkunden, bevor sie einen neuen Versuchsballon steigen lässt? 

Von einem Versuchsballon würde ich nicht sprechen. Denn dem Votum des seit Jahren auch von katholischer Seite mit den Kardinälen Jäger und Lehmann etablierten Ökumenischen Arbeitskreises geht eine beträchtliche Zeit von Forschung und Redaktion voraus. Auch die Reaktionen, die es darauf gibt, zeigen, dass die Frage der eucharistischen Gastfreundschaft durchaus kontrovers ist und weiterer theologischer Fundierung bedarf. In diesem Sinn hoffe ich, dass wir uns vom geplanten 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt am Main nicht zeitlich unter Druck setzen lassen, sondern in einem redlichen und geduldigen Dialog untereinander, mit unseren evangelischen Partnern und nicht zuletzt in Einheit mit der Weltkirche, die im Papst und seinen Mitarbeitern eine Stimme hat, zu einer schrittweisen Annäherung in der Frage der Eucharistie beziehungsweise des Abendmahls gelangen. Für passionierte Ökumeniker, zu denen ich mich selber zähle, gehört sich auch die Tugend des Mose, der ins Gelobte Land hineinschauen, aber es zu Lebzeiten nicht selbst betreten durfte. 

Anders als die dortigen Behörden ist der oberste Mann im Vatikan auch in Deutschland noch immer beliebt. Wenig Tage vor der Veröffentlichung der neuen Enzyklika haben Sie Papst Franziskus besucht. Will er mit dem neuen Schreiben wirklich, wie manche behaupten, neben den Staats- gleich noch die Religionsgrenzen überwinden?

Wenn der Papst vom „gemeinsamen Haus“ spricht, dann meint er den ganzen Globus und hat durchaus die Vision von einer Relativierung der Staatsgrenzen. Im Hinblick auf die verschiedenen Religionen, die es gibt, unterscheidet er aber klar. Papst Franziskus möchte weder eine Vermischung der Religionen, auch als Synkretismus bezeichnet, noch eine globale Einheitsreligion. Vielmehr geht es ihm darum, dass die Vertreter möglichst vieler Religionen zusammenwirken, um dem Globus ein menschlicheres Gesicht zu geben. Hier ist zwischen der Ökumene und dem interreligiösen Dialog klar zu unterscheiden: Während die Ökumene das Ziel der einen sichtbaren Kirche hat, die sich Jesus wünscht, zielt der interreligiöse Dialog darauf ab, dass Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften immer intensiver kooperieren, vor allem wenn es um die Bewahrung der Schöpfung, um die Förderung der Grundrechte des Menschen sowie den Einsatz für die Armen geht. Gerade die apostolischen Nuntien, das heißt die Botschafter des Heiligen Stuhls, die als Netzwerker im Auftrag des Papstes in der ganzen Welt tätig sind, setzen sich ja nicht nur für die Katholiken ein, sondern für alle Christinnen und Christen und die Anhänger verschiedener Religionen, wenn es um den Schutz der Religionsfreiheit geht. 

Grenzen aller Art sind auch dem Corona-Virus egal. Es hat das öffentliche und kirchliche Leben fest im Griff. Weihnachten nähert sich! Um den erwarteten Ansturm auf die Kirchen zu bewältigen, bleibt vermutlich nichts anderes übrig, als von 16 bis 24 Uhr möglichst jede Stunde eine Mette anzubieten. Machbar?

Hier geht es nicht um Machbarkeit, sondern um Sinnhaftigkeit. Mein Ziel als Bischof ist es, das Geheimnis von der Menschwerdung Gottes möglichst breit unter die Menschen zu bringen. Deshalb wird Weihnachten nicht nur in einer „klassischen“ Christmette mit Eucharistie gefeiert. So habe ich in meinem Brief an die Seelsorgerinnen und Seelsorger appelliert, kreativ verschiedene Feierformen je nach den Umständen anzubieten: Krippenspiele, Seniorengottesdienste, Christvespern, um nur einige Beispiele zu nennen, erfordern weder eine Eucharistiefeier, noch die Mitwirkung eines geweihten Amtsträgers. Diesen Feiern können auch kompetente Frauen und Männer vorstehen.

Übrigens erinnere ich daran, dass Weihnachten nicht nur in der Christmette, sondern in den drei Tagen zwischen Heiligabend und Stephanstag gefeiert wird. Mehr noch, die Weihnachtszeit dauert bis zur Taufe des Herrn. Da gibt es eine Vielzahl und einen großen Reichtum an Gottesdiensten in unseren Pfarreien und Seelsorgeeinheiten. Ich selber plane, zusammen mit meinem evangelischen Mitbruder, Regionalbischof Axel Pieper, am Nachmittag des Heiligabends in Augsburg eine gemeinsame Christvesper zu feiern, mit der wir miteinander die weihnachtliche Festzeit einläuten wollen. 

Was mir zu Weihnachten, gerade in Corona-Zeiten, noch besonders wichtig ist: Vergessen wir die Menschen am Rande nicht, die Kranken und Alten, die Armen und Einsamen! Was wir vor und an Ostern erlebt haben – nämlich, dass die Seelsorge zum Beispiel in Krankenhäusern, Heimen und Gefängnissen faktisch ausgefallen ist – sollte sich nicht wiederholen.

Interview: Barbara Lang, Johannes Müller, Ulrich Schwab

15.10.2020 - Bischöfe , Bistum Augsburg