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Interview mit Wallfahrtsdirektor Reichart

Erstmals Brotzeit für Pilger

ZIEMETSHAUSEN – In neun von zehn Fällen strahlt am 15. August die Sonne vom Himmel und beschert den Tausenden von Gläubigen aus nah und fern eine wundervolle Kulisse: dann, wenn im Wallfahrtsort Maria Vesperbild das Hochfest Mariä Himmelfahrt gefeiert wird. Monsignore Erwin Reichart freut sich im Interview unserer Zeitung schon sehr auf den alljährlichen Pilgerhöhepunkt.

Herr Wallfahrtsdirektor, wie schon im Vorjahr kommt auch diesmal ein Experte für Neuevangelisierung nach Maria Vesperbild: der Augsburger Weihbischof Florian Wörner. Spielte das bei der Einladung eine Rolle?

Ja natürlich! Es brennt in der Kirche lichterloh! Über 200 000 Menschen sind im vergangenen Jahr in Deutschland aus der Kirche ausgetreten. Das ist eine Katastrophe für die Kirche und für jeden einzelnen dieser Mitmenschen. Viele von ihnen sind im Glauben ahnungslos und gleichgültig geworden, so dass der kleinste Frust und Ärger genügt, und sie werfen den kostbaren Schatz der Zugehörigkeit zur Kirche, zu dem Leib Christi, weg wie einen alten Lumpen. Weihbischof Wörner gehört nun zu denen, die den Glauben in einer mitreißenden, überzeugenden und klaren Art verkünden, und solche brauchen wir heute.

Sie selbst nehmen die Hinführung junger Menschen zum Glauben auch sehr wichtig. Wie sind hier Ihre Erfahrungen nach eineinhalb Jahren im Amt?

Da habe ich in meinen Pfarreien wirklich gekämpft. Umso mehr freuen mich die kleinen Erfolge. Erst am Samstag haben mir sechs dankbare junge Männer, die heute um die 35 Jahre alt sind, geschrieben, dass sie „eine Fußwallfahrt von Weißensee nach Maria Hilf in Speiden unternommen haben – sogar mit Rosenkranz und abschließender Kurzandacht“. Einer davon ist evangelisch! Hier in Maria Vesperbild ist in diesem Punkt noch alles in den Anfängen. Mit der Ministrantenarbeit habe ich begonnen und auch dank eines guten Oberministranten geht es schon etwas aufwärts. Nun habe ich noch vor, die Katholischen Pfadfinder zu gründen, weil ich mit denen sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Aber dazu brauche ich gute Führer.

Neben dem Pontifikalamt und der Lichterprozession am Abend erwartet die Pilger auch tagsüber ein reichhaltiges Programm. Der Besuch am Blumenteppich in der Grotte ist für viele in Mittelschwaben „Pflichtprogramm“. Gibt es ein spezielles Motto?

Das Motto lautet: „Kleine Gebetszentren um Maria Vesperbild.“ Es sind acht Kapellen dargestellt, die sich um Maria Vesperbild scharen. Ein Novum ist, dass dieses Jahr an Mariä Himmelfahrt und ein paar Tage danach in der Regel ein Priester für eine Erklärung des Blumenteppichs, für eine kleine Andacht oder für einen persönlichen Segen zur Verfügung steht. Auch wird es heuer vor dem Pontifikalamt und der Lichterprozession und am nächsten Tag eine Versorgung mit Getränken und Brotzeiten geben. 15 Prozent des Erlöses dient  der Kirchenrenovierung.

Früher war es üblich, dass die Menschen am „Großen Frauentag“ – wie das Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel auch genannt wird – Kräuterbuschen weihen lassen. Spielt das heute noch eine Rolle und ergibt es aus theologischer Sicht einen Sinn?

Die Kräuterweihe spielt hier nach wie vor eine große Rolle. Die katholische Kirche hat mit Recht immer viel Wert auf sinnliche Erfahrung gelegt. Gott ist ja auch ein sichtbarer Mensch geworden und Maria ist mit ihrem verklärten Leib in den Himmel aufgenommen worden. Die geweihten Kräuter machen deutlich, dass  Gott uns  wie Maria nicht nur von Krankheiten heilen kann, sondern sogar vom Tod. Die geweihten Kräuter sind ein Hilfsmittel Gottes auf unserem Weg zum Himmel.

Die Renovierung der Wallfahrtskirche erfordert derzeit Ihren ganzen Einsatz. Wie geht es voran und wie sieht es mit den benötigten Eigenmitteln aus?

Anfang September soll das Gerüst für den Turm aufgestellt werden und dann wird bald die Turmrenovierung losgehen. Wir sind immerhin schon bei einem Spendenstand von 220 000 Euro. Aber das heißt auch, dass noch etwa 280 000 Euro fehlen. Mit Hilfe vieler guter Wohltäter werden wir es hoffentlich schaffen. 

Interview: Johannes Müller

DVD: Lichterprozession vor 36 Jahren

Im mittelschwäbischen Wallfahrtsort Maria Vesperbild bei Ziemetshausen ist ein Jahrzehnte alter Film über das dortige Pilgergeschehen aufgetaucht. Das farbige Videomaterial stammt aus dem Jahr 1983 und zeigt ungefähr 35 Minuten lang unter anderem eine Lichterprozession mit dem früheren Augsburger Bischof Josef Stimpfle sowie eine Fahrzeugsegnung. Der Film wird nun zugunsten der Kirchenrenovierung für 15 Euro auf DVD verkauft. KNA