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In traumhafter Landschaft

Auf dem Oberstaufer Kapellenweg dem Klang der Kuhglocken lauschen

OBERSTAUFEN – Zugegeben, der Schweiß fließt schon ein wenig. 400 Höhenmeter auf einer Strecke von etwa neun Kilometern zu überwinden, ist auch nicht gerade ein Pappenstiel. Aber keine Angst: Jede einzelne Minute wird auf diesem Weg zum Erlebnis. 

Schließlich hat man Zeit. Und man kann nicht genug bekommen vom satten Grün der Almwiesen, der Stille der Wälder, dem melodischen Klang der Kuhglocken und vom Blick in die Allgäuer Bergwelt. Gelegenheit zur Rast und zur inneren Einkehr gibt’s genug. Etwa in einer Kapelle, die in den 1960ern gebaut wurde, deren Entstehung aber mit einem bereits 1758 gegossenen Glöcklein zusammenhängt.

Die beiden Daheim-Pilger haben sich heute den ökumenischen Kappellenweg Nr. 5 des Markts Oberstaufen vorgenommen. Startpunkt ist am frühen Morgen bei der Tourist-Info im Ortsteil Steibis auf einer Meereshöhe von 860 Metern. Zunächst geht’s erstmal eine Zeit lang bergauf. Man ist mit sich und seinen Gedanken weitgehend allein. Nach einer guten Stunde ist das 1080 Meter hoch gelegene Hagspiel erreicht. Schon von weitem sieht man die Bruder-Klaus-Kapelle – ein schmuckes Kleinod, das sich wunderbar in die Landschaft einfügt. In ihrem Turm klingt dieses Glöcklein, das 200 Jahre lang vom Dachfirst eines örtlichen Bauernhauses geläutet hat. „Als die traditionsreiche Gemeinschaftssäge des Dorfes Ende der 1950er Jahre aufgelöst wurde, haben sich meine Eltern mit weiteren Anteilseignern der Säge und anderen Hagspielern einen lang gehegten Traum erfüllt“, erzählt Hanspeter Fink. „Sie haben den Bauplatz für eine neue Kapelle gestiftet und beim Neubau kräftig mitgeholfen. Ich war damals 23 und kann mich noch gut erinnern, dass wir die Grube für das Fundament von Hand ausgegraben haben.“ Die Kapellenpflege hat Hanspeter Finks Vetter Albert Fink übernommen. Aber es ist ohnehin selbstverständlich, dass sich alle Hagspieler liebevoll um ihre Kapelle kümmern, in der im Jahresverlauf auch immer wieder Hochzeiten gefeiert werden. 

„Du führst mich hinaus ins Weite.“ Unter diesem Leitwort in Anlehnung an Psalm 18 sind in Oberstaufen und Umgebung schon vor zehn Jahren acht ökumenische Kapellenwanderwege konzipiert worden, auf denen die Schönheiten und kunstgeschichtlichen Besonderheiten von insgesamt 29 Kirchen und Kapellen entdeckt werden können. Es sind Pilgerrouten, die ganz unterschiedlich angelegt sind. Vom eher beschaulichen, rund drei Kilometer langen Spaziergang bis zum 42 Kilometer langen, körperlich herausfordernden Marathon ist für jeden etwas dabei. Eines haben aber alle acht Kapellenwanderungen gemein: In landschaftlich traumhafter Umgebung laden sie dazu ein, sich auf den Weg hinaus ins Weite zu machen, sich an Gottes Natur zu erfreuen und innerlich zur Ruhe zu kommen – unterwegs genauso wie beim Besuch der einzelnen Gottes­häuser. „Wir sind überzeugt, dass es allen Christen an Leib und Seele guttut, Routen auf dem Kappellenweg zu gehen und sich von den Kapellen und den in ihnen verborgenen Botschaften inspirieren zu lassen“, beschreibt es das Vorwort des Kapellenführers, der in Zusammenarbeit mit den katholischen und evangelischen Gemeinden in Oberstaufen entstanden ist.

Es geht weiter. Der Aussichtspunkt „Dreiländerblick“ wird seinem Namen vollauf gerecht. Die Bank, die direkt beim Gipfelkreuz zur Pause einlädt, kommt gerade recht. Und spätestens nun ist man froh, ein gut belegtes Vesperbrot eingepackt zu haben. Nun geht es fast nur noch bergab. Den Schlüssel für die Kapelle St. Rochus in Schindelberg gibt’s im nahegelegenen Ferienhotel „Starennest“ bei Juliane Huber. Die Kapelle aus dem 17. Jahrhundert birgt verschiedene Schnitzwerke, die in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden sind. Als Mesnerin ist Juliane Huber auch Mädchen für alles, wenn es um die Belange von St. Rochus geht. „Wenn die Dachrinne kaputt ist oder etwas anderes zu reparieren ist, dann habe ich immer viele verlässliche Helfer“, weiß sie. „Alle Schindelberger lieben ihre Kapelle und sind stolz, dass wir sie haben.“

Zur Mittagszeit ist Steibis wieder erreicht. In der Pfarrkirche Verklärung Christi kann man sich noch einmal sammeln und die Erlebnisse des Tages Revue passieren lassen.  

Brigitte Geiselhart

22.10.2020 - Bistum Augsburg , Wallfahrt