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Kreuzweg im Auwald bei Günzburg

Erinnerung an frühen Tod

GÜNZBURG – Gründe finden sich viele, einen Kreuzweg mit der Darstellung der Leiden Jesu Christi von der Verurteilung durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus bis zum Tod am Kreuz und der Grablegung einzurichten. Manchmal drängt es die Pfarrgemeinde zum Handeln. Gelegentlich setzt sich ein Pfarrer ein Denkmal. 

Der schlichte, nur knapp 200 Meter lange Kreuzweg im Günzburger Donau-Auwald mit seinen vor bald 40 Jahren von Kinderhänden auf Zeichenkarton gemalten 15 Stationen bildet einen solchen Leidensweg ab. Er ist aus tiefem elterlichen Schmerz entstanden.

Wenige Meter nur abseits des Günzburger Donauübergangs an der Straße nach Dillingen lebte das Ehepaar Leni und Franz Herzog in der Flussmeisterstelle. Dessen drei Kinder genossen ihre Freiheit in der lichten Weite des Auwalds, einem Paradies für Spielfreude. Dann wurde völlig unerwartet am 25. Oktober 1982 Claus, das älteste Kind der Eheleute, im Alter von 16 Jahren aus dem Leben gerissen. In ihrem Schmerz suchten die Eltern Trost auf dem Spielgelände, wo Claus mit seinen Geschwistern jahrelang glücklich gewesen war. 

 Mit ein paar Helfern errichteten sie dem Jungen als Erinnerungsstätte im Auwald eine Mariengrotte mit der Madonna von Fatima. Hinter einer schützenden Glasscheibe steht seither die überlebensgroße Marienfigur. Der einsame Ort entwickelte sich bald zu einer kleinen Pilgerstätte. Vier Bänke bieten heute Gelegenheit zur Rast und zum Gebet. Stets aufs Neue werden Blumen vor der Grotte abgelegt, Gedenkkerzen brennen. Im zeitigen Frühjahr blühen ringsum Leberblümchen und Buschwindröschen, Krokusse und Winterlinge. 

 Seit 1983 ergänzt ein ebenfalls von der Familie Herzog angelegter Kreuzweg die Mariengrotte. Als schmaler, mit einer leichten Schotterdecke belegter, knapp 200 Meter langer Trampelpfad schlängelt er sich durch den Auwald. Zwischen der siebten und achten Station öffnet sich im Waldrand eine Lücke, die einen kurzen Fußweg zur Donau bei Flusskilometer 2 561,2 freigibt.  

Die Stationsbilder für den Kreuz-
weg haben seinerzeit Schülerinnen der sechsten Klasse des Günzburger Maria-Ward-Gymnasiums gemalt. Brigitte Tschörner, Kunsterzieherin an der Schule, erinnert sich recht gut. Sie sei gefragt worden, ob sie bei der Anfertigung der 14 Stationstafeln für den Kreuzweg helfen könne. „Die sechste Klasse zählte damals 30 Kinder“, sagt sie. „So konnten wir sogar zweimal 15 Stationen malen, eine mehr als üblich, dazu jede doppelt, aber mit unterschiedlichen Darstellungen.“ 

Gezeichnet wurde auf festem, weißem Malpapier mit Deckfarben. „Wasserfarben hätten sich bei der Verwendung der Bilder in der freien Natur kaum geeignet“, sagt die Lehrerin. Weil zweimal 15 Schülerinnen beteiligt waren, musste eine 15. Station entwickelt werden. So kam die bei Kreuzwegen selten zu sehende Auferstehungsszene hinzu. 

Die doppelte Ausfertigung aller Bilder bot die Möglichkeit, im Fall eines Schadens das Bild rasch ersetzen zu können. Eine der Schülerinnen, die vor knapp 40 Jahren den Kreuzweg gemalt haben, ist heute am Günzburger Gymnasium eine Kollegin von Brigitte Tschörner.

Gerrit-R. Ranft

Info: Zum Kreuzweg geht es in Günzburg nach Norden auf der Dillinger Straße (B 16) stadtauswärts über die Donau. Gleich nach der Brücke links in den Weg „In der Gmeind“ einbiegen. Nach etwa 200 Metern kommt ein Parkplatz.

09.10.2022 - Bistum Augsburg