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Kunst-Installation in St. Moritz

Eine „Unendliche Reise“

AUGSBURG – Der Amerikaner Bill Viola gilt als Pionier der Videokunst. Er interpretiert in seinen Arbeiten das menschliche Dasein, Transzendentes, Überirdisches, Übergänge, Leben und Tod. In der Augsburger Moritzkirche zeigt er bis 1. September im Rahmen der Ausstellung „Infinite Journey“ vier Videos.

St. Moritz lädt jedes Jahr Künstler für eine Installation zur Fastenzeit ein. Dieses Mal ist sie gleichzeitig Teil des Jubiläumsprogramms zum 1000-jährigen Bestehen der Kirche. „Dass zum Festjahr an vier Orten in der Kirche Arbeiten von Bill Viola zu sehen sind, ist ein besonderes Geschenk“, sagt der Kunstreferent der Moritzkirche, Kurator Michael Grau. Zum ersten Mal hat er 1992 auf der Documenta in Kassel Videos von ihm gesehen, dann vor rund zehn Jahren während eines Besuchs in London, wo erste Gespräche mit dem Architekten John Pawson wegen der Umgestaltung der Moritzkirche geführt wurden. 

In der Saint Paul’s Cathedral hing das Video „Observance“. Über eine Galerie in Berlin, die auf der Art Cologne vertreten war, kam vor zwei Jahren der Kontakt zum Künstler zustande. 

Der Titel „Infinite Journey“ (Unendliche Reise), der die Videos auf den vier Flachbildschirmen thematisch verbindet, ist rätselhaft, lässt eigene Interpretationen zu, über Grenzenlosigkeit, die Reise des Lebens, Übergang, andere Wirklichkeiten. Viola nutzt die Kraft des Bildes ebenso wie moderne Technik. Seine Videos sind keine Momentaufnahmen, spielen nicht mit Spannung und können nicht im Vorbeigehen erfasst werden. Die Filme sind zwischen sieben und zehn Minuten lang. Ein kurzer Blick reicht jedoch schon aus, um gebannt zu sein und mehr sehen zu wollen. Die verlangsamten Bewegungen der Figuren und das Element Wasser ziehen den Betrachter an und aus der Alltagswelt heraus, lassen Ruhe zu und eigenes Inneres spüren.

„Wasser-Märtyrer“

In der Kreuzkapelle hängt „Water Martyr“. Zu Beginn liegt ein Mensch regungslos am Boden, seine Beine sind mit einem Seil gefesselt. Dann fließt Wasser von oben, wird stärker und der Mann wird an seinen Knöcheln angehoben. Kopfüber hängend, an den Gekreuzigten erinnernd, stellt die Situation die dunkelste Stunde auf dem Weg des Märtyrers durch den Tod ins Licht dar. Am Ende wird die Person nach oben aus dem Bild herausgezogen. Der Betrachter bleibt mit Erstaunen zurück..

Beim Video „Three Women“ im südlichen Seitenschiff neben dem Eingang zur Sakristei durchqueren eine Mutter und ihre beiden Töchter im dämmrigen Grau langsam eine unsichtbare Grenze. Sobald Wasser fließt, verwandeln sich die Schatten in Lebewesen aus Fleisch und Blut. Dann kommt die Zeit der Rückkehr. Erst die Mutter, dann die Töchter gehen zurück in die grauen Nebel der Zeit. Beim Eingang zur Marienkapelle macht „Observance“ nachdenklich und gleichzeitig etwas ratlos. Zu sehen sind Menschen in einer langen Reihe, die sich langsam, fast in Zeitlupe, auf den Betrachter zubewegen, ihn aber nicht anschauen, sondern auf etwas Unsichtbares am Boden blicken. Es macht sie traurig, betroffen, sie wirken überwältigt von ihren Gefühlen. Einige berühren sich sanft oder tauschen Blicke aus, Paare trösten sich gegenseitig in ihrem gemeinsamen Kummer. 

Dann treten die Menschen zurück, um Platz für andere zu machen. Den Grund erfährt man nicht, aber es werden Bilder von Katastrophen und Schreckensereignissen in Erinnerung gerufen. „Der Schreck verbindet sie, es entsteht Solidarität“, erklärt Pfarrer Helmut Haug.

In der Taufkapelle ist auf zwei Bildschirmen herabfließendes Wasser zu sehen. „Ablutions“ steht für das Waschen der Hände, das ein wichtiger Bestandteil vieler Zeremonien ist. Man sieht die Hände einer Frau und eines Mann, die in einem Strom von Wasser gewaschen werden. 

Die Interpretation der Videos ändere sich mit dem Standort und der inneren Haltung des Betrachters, sagen Bill Viola und seine Frau, die Fotografin Kira Perov, im Grußwort des Informationsblattes. Sie seien gerne Teil der Erinnerung von St. Moritz und dieses 1000-jährigen Orts der Anbetung.

Roswitha Mitulla

20.03.2019 - Bistum Augsburg , Kunst