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Betreuungs-Modell wird erprobt

Mehr Zeit für Pflege

STADTBERGEN – Das Projekt „Zeitintensive Betreuung im Pflegeheim“ (ZIB) könnte nach Ansicht des Vorsitzenden des St.-Vinzenz-Hospizvereins, Domkapitular Armin Zürn, ein Bindeglied zwischen Pflege und Politik sein. An dem einjährigen Projekt der Paula-Kubitscheck-Vogel-Stiftung, das im Rathaus von Stadtbergen vorgestellt wurde, beteiligt sich unter anderem das Augsburger Caritas-Seniorenzentrum St. Raphael.

Der Personalschlüssel in den Heimen lässt oft Gespräche mit Schwerstkranken und Sterbenden, ihren Angehörigen oder Ärzten, aufwendige Pflege oder die Erfüllung persönlicher Wünsche nicht zu. Würde das Personal aufgestockt, dann würden Pflegeplätze deutlich teurer – für einige nicht mehr bezahlbar. 

ZIB im St.-Raphael-Heim bedeutet, dass Pflegekräfte zusätzlich mit einem 20-Wochenstunden-Minijob beim St.-Vinzenz-Hospizverein beschäftigt werden und sich in dieser Zeit ausschließlich palliativen Tätigkeiten widmen können. Das Pflegeheim kann da nicht hineinreden. 

Die Kosten, die für drei beteiligte Heime in der Region Augsburg gut 50 000 Euro betragen, übernehmen das Bayerische Gesundheitsministerium und die Stiftung, deren festgeschriebenes Ziel die Ermöglichung eines Sterbens in Würde ist.

In jedem der drei Pflegeheime gibt es zwei – möglichst teilzeitbeschäftigte – ZIB-Kräfte, die während ihrer Zusatz-Arbeitszeit durch spezielle hellblaue Shirts erkennbar sind. Sie werden ihrerseits von einer Koordinatorin betreut. Erstmals erprobt wurde das Modell 2015/16 in Mühldorf. Dort gab es erstaunliche Ergebnisse. Eine Frau mit Meta-
stasen in den Knochen konnte beispielsweise mit Hilfe der ZIB-Kraft selbst laufen – es ging eben nur sehr langsam, und sie musste gestützt werden. Da sonst dafür keine Zeit war, wurde sie bis dahin stets in einen Rollstuhl gesetzt. Pflegekräfte konnten sich nun auch zu Sterbenden ans Bett setzen und bei ihnen wachen, was vorher undenkbar war. 

Die Mühldorfer Erfahrungen deuten darauf hin, dass die menschlichere Pflege dazu führt, dass Heimbewohner weniger ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Es kommt nicht dazu, dass sie immer wieder in die Klinik kommen und nach kurzer Zeit wieder entlassen werden, weil die Medizin ihnen nur noch begrenzt helfen kann. Auch die Pflegekräfte profitieren: Sie haben nun das Gefühl, für die Patienten das tun zu können, was nötig ist, und empfinden sich als Ansprechpartner für Angehörige oder Ärzte mehr wertgeschätzt.

„Liebe ist erfinderisch“ 

Zürn sagte dazu mit den Worten des heiligen Vinzenz von Paul erfreut: „Die Liebe ist unendlich erfinderisch.“ Das Projekt läuft, begleitet von einer wissenschaftlichen Studie, derzeit in acht bayerischen Regionen, allerdings nur ein Jahr lang. Die Geschäftsführerin der Paula-Kubitscheck-Vogel-Stiftung, Anne Rademacher, möchte damit einen Impuls an die Politik geben. Diese soll  sich des Themas „Sterben im Pflegeheim“, das bereits 30 Prozent der Senioren betrifft, annehmen und eine Lösung für die Finanzierung einer solchen menschengerechten Pflege finden.

Andreas Alt

28.11.2021 - Bistum Augsburg , Pflege