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Sankt-Ulrichs-Preis

Auszeichnung kam unerwartet

DILLINGEN – „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut, an uns und allen Enden“, erklang es aus vollen Kehlen in der vollbesetzten Dillinger Studienkirche bei der Verleihung des europäischen Sankt-Ulrichs-Preises an „Ärzte ohne Grenzen“. Stadtpfarrer Wolfgang Schneck sagte dazu: „Gott tut seine großen Dinge auch durch Menschen.“ Dazu gehören auch die Mitglieder der Organisation, der die Ulrichsmedaille und die damit verbundenen 10 000 Euro Preisgeld überreicht wurden.

Seit 1993 verleiht eine Stiftung von Stadt und Landkreis Dillingen diesen Preis alle zwei Jahre an Personen, Initiativen und Institutionen, die sich überragende Verdienste um die Einheit Europas erworben haben. Ärzte ohne Grenzen wurde als Preisträger ausgewählt, weil die Organisation durch ihre Tätigkeit die christlichen Werte Europas über die Grenzen des Kontinents transportiere und durch humanitäre Hilfe in Kriegs- und Krisengebieten einen Beitrag zur Völkerverständigung leiste, erklärte der Stiftungsvorsitzende, Dillingens Landrat Leo Schrell. 

Als Laudatorin war Elke Büdenbender, die Gattin des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, nach Dillingen gekommen. Sie ist Schirmherrin der deutschen Sektion von Unicef und damit auch Schirmherrin einer Organisation, die international Hilfe leistet. Bei der Begrüßung zitierte Leo Schrell den letzten Preisträger Wolfgang Schäuble, der in seiner Dankesrede sagte: „Wir Christen wissen, dass wir nicht immer so handeln, wie wir es sollten oder wie es uns die Bergpredigt nahelegt. Aber im Grunde wissen wir meist ganz gut, was uns eigentlich zu tun anstünde. Ein gutes Zeichen für eine Wertegemeinschaft.“ Eine solche Wertegemeinschaft sei Ärzte ohne Grenzen, sagte Schrell. Und ihr Wirken gehe auch über Wolfgang Schäubles Gedanken hinaus. „Ihre Mitglieder wissen nicht nur, wie sie handeln sollten, sie tun es einfach dort, wo die Not der Menschen am größten ist.“ 

Den Preis nahm stellvertretend der Allgemeinmediziner Volker Westerbarkey, Vorsitzende der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, entgegen. Für ihn kam die Auszeichnung unerwartet, da die Organisation religiös und weltanschaulich neutral ist und nicht alle Mitglieder aus religiösen Motiven handeln. Dennoch sieht er in der biblischen Botschaft „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ eine Verbindung zwischen dem Christentum und Ärzte ohne Grenzen. 

Ökumenische Andacht

Die entsprechende Passage aus dem Matthäus-Evangelium war die Lesung bei der ökumenischen Andacht, die nach der Preisverleihung stattfand. Der evangelische Dekan Johannes Heidecker sprach deutende Worte: „Mit diesen Worten stellt sich Christus selbst auf die Seite der Vergessenen, der Verwundeten und der Armen. Jeder, der sich Christ nennt, muss an diesem Maßstab gemessen werden. Jeder Christ muss sich fragen: Gilt mein Leben nur mir selbst oder auch anderen?“ Somit seien nationalistische Parolen nach dem Muster „XY first“ nicht im Sinne der christlichen Lehre.

Beim Festakt in der Studienkirche fielen in allen drei Reden nachdenkliche Worte über den Zustand der Europäischen Union. Landrat Leo Schrell erinnerte: „In Frankreich, Deutschland und den Niederlanden sitzen die Rechtspopulisten in den Parlamenten, in Österreich auf der Regierungsbank. Polen und Ungarn sind nicht an rechtsstaatlichen Normen interessiert.“ 

Die Laudatorin Büdenbender machte darauf aufmerksam, dass Ärzte ohne Grenzen sich seit 2016 weigert, von europäischen Staaten Geld anzunehmen. Grund dafür ist, dass es Kritikern missfiel, dass die Organisation die europäische Migrations-und Asylpolitik anprangerte. Im Hinblick darauf sprach Westerbarkey von einer „Politik der Abschottung, die die Gefahren und das Leid von Menschen auf der Flucht verstärkt“.

Die musikalische Gestaltung der Feierlichkeiten war äußerst vielfältig. Der Empfang der prominenten Gäste auf dem Ulrichsplatz wurde von zwei blasmusikalischen Formationen übernommen. Jazz und Lateinamerikanisches kamen von der Wood and Brass Band des Sailer-Gymnasiums. Die Lebenshilfe-Gruppe „Blast den Blues“ bot außerdem auch Marsch und Polka. In der Studienkirche erklang deutsche Barockmusik mit Orgel, Pauken und Bläsern, außerdem die Eurovision-Hymne, die dem „Te Deum“ von Marc-Antoine Charpentier (1643 bis 1704) entnommen ist. Martin Gah

16.05.2018 - Bistum Augsburg , Hilfswerke