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Wegen Epilepsie umgebracht

Schülerinnen erinnern an NS-Euthanasie-Opfer

AUGSBURG – Babette Kerl muss den Schülerinnen Eliana Kehoa (16) und Maryana Sleman (15) anfangs sehr fremd vorgekommen sein, denn sie lebte in einer völlig anderen Zeit und Welt. Je mehr sie und ihre Religions-Klasse aber über diese Frau in Erfahrung brachten, desto mehr kam sie ihnen nahe. Die Dillingerin Babette Kerl war Epileptikerin und wurde von den Nationalsozialisten ermordet.

Für ihre Nachforschungen im Rahmen des Wettbewerbs „Der Geschichte ein Gesicht geben“, die zur Verlegung eines Stolpersteins führten, erhielten die Mädchen der Agnes-Bernauer-Realschule Augsburg jetzt einen Anerkennungspreis des Bayerischen Kultusministeriums.

Religionslehrer Albert Eichmeier engagiert sich seit längerem für Stolpersteine und Erinnerungsbänder für Nazi-Opfer und hatte die rund 20 Mädchen auf das Schicksal von Babette Kerl hingewiesen. Zwei Monate lang rekonstruierten die Schülerinnen unter Anleitung Eichmeiers aus historischen Akten und weiteren Informationsquellen ihr Leben. Dabei lernten sie auch, wie man Archive nutzt und mit Archivquellen umgeht. An die steife Behördensprache und die teilweise verwendete Frakturschrift mussten sich die Mädchen zunächst gewöhnen.

„Als sie elf Jahre alt war“, berichtet Eliana von ihren Nachforschungen, „wurde sie von einem Hund erschreckt. Danach hatte sie öfters epileptische Anfälle.“ Babette Kerl, geboren 1902, die zuvor die Volksschule Maria Stern besucht hatte, wurde ins Schutzengelheim in Lautrach aufgenommen, wo sie katholische Schwestern betreuten. Im Alter von 38 Jahren wurde sie 1940 in ein Heim für Behinderte in Kaufbeuren verlegt, wohl weil dort kein Widerstand gegen die geplante Tötung der Behinderten zu erwarten war. 

In der Sprache der Zeit galt sie als „schwachsinnig“. Dem widersprechen jedoch Eliana und Maryana: „Sie war eigentlich intelligent; sie konnte zum Beispiel viele Bibelverse auswendig. Es wurde vermerkt, sie würde Adolf Hitler nicht kennen. Aber sie war ja in der Krankenanstalt, da hat sie von außen nicht viel mitbekommen. Es gibt Widersprüche bei den Einträgen in ihren Krankenakten; wir haben sie gelesen.“

Bereits 1941 wurde Babette Kerl in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz verlegt. Der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg protestierte mit einem Schreiben an den Reichsärzteführer vergeblich gegen diese Behandlung. Euthanasie galt laut Lehrer Eichmeier auch nach damaligem Recht als unerlaubt. Dennoch wurde sie am 8. August in einer Gaskammer ermordet. Das Regime schrieb, die Tatsachen verdrehend, die Befugnisse von Ärzten könnten so erweitert werden, „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“.

„Erinnern ist wichtig“

Maryana Sleman kommt hingegen zu folgendem Urteil: „Es ist auch heute wichtig, an Babette Kerl zu erinnern. In Deutschland wird zwar niemand mehr so umgebracht, aber es kommt in anderen Ländern vor, und kein Mensch hat verdient, so zu sterben.“ Sie fügt hinzu: „Je mehr wir von ihr erfuhren, desto mehr wurde Babette Kerl Teil unseres Lebens. Im Unterricht wird eigentlich zu knapp dargestellt, was den Naziopfern passiert ist.“

Die Recherchen mündeten schließlich in der Verlegung eines Stolpersteins in der Nähe des Vogel­tors. Hier hatte Babette als Kind gelebt. „Es war ein freiwilliges Projekt, aber fast die ganze Jahrgangsstufe kam, und alle blieben bis zum Schluss da. Es war eine sehr schöne Atmosphäre“, berichtet Maryana. Schon vorher hatte die Klasse bereits an einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee im Augsburger Rathaus teilgenommen und dabei unter anderem an Babette Kerl erinnert.

Jetzt erhielten die Schülerinnen für ihr Engagement einen Anerkennungspreis samt Urkunde von Kultusminister Michael Piazolo. In den Abschlusszeugnissen der Agnes-Bernauer-Schule wurde ihre Arbeit lobend erwähnt. Andreas Alt

27.08.2020 - Bistum Augsburg , NS-Zeit