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Sebastian hilft gegen Epidemien – Einst ein Seuchenhaus in Augsburg

Tödliche Pfeile der Pest

AUGSBURG – Seuchen und Epidemien waren in Europa lange Zeit keine allgegenwärtige Bedrohung mehr. Erst die Corona-Pandemie erinnert daran, dass die Menschheit über Jahrhunderte immer wieder Opfer von Pest und Cholera war. Die Erkrankten  wurden von diesen Seuchen zu Tausenden dahingerafft. 

Ohne die moderne Medizin und die Erkenntnisse aus der Mikrobiologie hatten die Menschen früher keine Erklärung für Seuchen. Krankheit wurde vielfach als Strafe Gottes für sündhaftes Leben und Verfehlungen im Glauben betrachtet. Die Pest hat sich als Geißel der Menschheit ins kollektive Gedächtnis eingeprägt. 

An die Pestepidemien erinnern Kirchen mit ihren Patronaten, ferner Pestaltäre und Pestkreuze. Auch die Kirche St. Sebastian in Augsburg ist eng mit der Geschichte von Leid und Krankheit verwoben. Der heilige Sebastian wurde in Pestzeiten oftmals um Fürsprache angerufen. Er wird mit von Pfeilen durchbohrtem Leib dargestellt. 

Der Legende nach bekannte sich Sebastian als römischer Soldat öffentlich zum Christentum. Kaiser Diokletian († 313/316) verurteilte ihn deshalb zum Tode. Bogenschützen richteten ihn hin. Man ließ den vermeintlich Toten am Hinrichtungsort liegen. Eine Witwe mit Namen Irene pflegte ihn wieder gesund. Nach seiner Genesung bekannte sich Sebastian erneut zum Christentum und wurde wiederum hingerichtet.

Mut und Standhaftigkeit

Stadtpfarrer Florian Geis, zuständig für die Augsburger Rektoratskirche Sebastian, sagt über den Heiligen, er sei dem Unglauben mutig entgegengetreten. Er stehe für das Wiederaufstehen, Standhalten und das Beweisen von Mut. „Sebastian war Soldat, Kämpfer, absolut kein Weichei“, sagt Stadtpfarrer Geis bei einem Rundgang durch die Kirche.

St. Sebastian war zuerst Patron der Soldaten. Im Spätmittelalter wurde er aufgrund seiner Pfeilmarter zum wichtigsten Schutzheiligen gegen die Pest umgedeutet. Die Seuche galt als eine durch tödliche Pestpfeile zu den Menschen geschickte göttliche Strafe. Sogenannte Pestdrucke und Pestblätter mit Darstellungen Sebastians nebst passenden Gebeten aus der florierenden Produktion des Augsburger Druckereiwesens belegen diese Volksfrömmigkeit.

Die Versorgung und Pflege der Kranken aus ärmeren Bevölkerungsschichten lag in den Händen von Badern und Wundheilern. Auch die Ordensleute nahmen sich der Pflege der Erkrankten in Pesthäusern an – so auch in Augsburg. Im Jahr 1521 entstand in Augsburg das erste Pesthaus vor dem Stephingertor. 

Seit 1458 ist eine Sebastianskirche in Augsburg belegt, allerdings nicht am heutigen Standort. 1607, 1627 und 1628 wütete wiederum die Pest in Augsburg. Kapuzinermönche übernahmen die Pflege und Seelsorge für die Kranken. Sie waren nach der Reformation ab 1601 heimlich, versteckt in einem Heuwagen, nach Augsburg zurückgekehrt. 

Pater Ludwig von Sachsen und Pater Nikolaus von Mantua begründeten in der heutigen Kapuzinergasse in der Augsburger Oberstadt ein Kapuzi-
nerkloster. Finanziert wurde es von den Fuggern. Heute befindet sich dort nach Abbruch der Hasen-Brauerei ein Wohngebiet.

Viele Ordensleute verloren bei der Betreuung der Pestkranken ihr Leben. Ihre Erfahrungen mit der Krankheit beschleunigten die Entscheidung des Augsburger Magistrats, eine Kapelle samt Hospiz zu errichten. Vor den Stadtmauern in nordöstlicher Richtung wurde ein Pestfriedhof angelegt. Stadtbaumeister Elias Holl errichtete dort 1612 die Kapelle St. Sebastian. Sie wurde 1632 im Schwedenkrieg zerstört und mehrfach durch Nachfolgebauten ersetzt. Im Jahr 1724 wurde St. Sebastian ein barocker Kirchenbau.

1843 gründeten die Kapuziner bei St. Sebastian ein neues Siechenhaus. 1907 bis 1909 wurde das Kloster erweitert und die heutige neuromanische Kirche St. Sebastian erbaut. 

Ab 1966 wurde das Kapuzinerkloster als „Franziskanisches Zentrum St. Sebastian“ mit Verbindung zu den Kapuzinern zur Heimat einer Laiengemeinschaft. Das Kapuzinerkloster wurde 2008 aufgelöst. Heute ist dort die Heimat der kroatischen Gemeinde Augsburgs.

Die Wallfahrt zum heiligen Sebastian ist seit 1815 belegt, die Verehrung des Heiligen bis ins Mittelalter nachweisbar. Sie stieg während der Pestzeiten stark an und erlosch nie. Die im 15. Jahrhundert (nach anderen Quellen im 17. Jahrhundert) entstandene Sebastianibruderschaft pflegt bis heute die Verehrung des Heiligen. Im Jahr 2009 erlebte die Wallfahrt nach St. Sebastian mit der Sebastiani-Oktav rund um das Patrozinium am 20. Januar einen neuen Aufschwung. „Fortiter in fide“, tapfer im Glauben, so lautet der Sinnspruch der Sebastianibruderschaft auf der Bruderschaftsfahne, die Weihbischof Florian Wörner 2014 segnete. „Das Symbol der Bruderschaft zeigt in ein Kreuz eingefügt die Buchstaben IC XC NI KA, für lateinisch Iesus Christus Nika – Jesus Christus Sieger“, erklärt Stadtpfarrer Geis in der Sakristei die Buchstaben auf dem schwarzen Bruderschaftsumhang.

Ganz nahe kommen Gläubige bei der Auflegung der Reliquien während der Wallfahrt dem heiligen Sebastian. Das kostbare Reliquiar in der Sebastianskirche birgt Reliquien der Heiligen Sebastian, Lucius, Antonius von Padua, Fidelis von Sigmaringen, Bonaventura, Franz von Assisi und Wolfhardt. 

Nähe zu Reliquien

„Der heilige Wolfhardt ist der einzige gebürtige Augsburger Heilige. Er wurde in einem Haus gegenüber dem Dom geboren. Bestattet ist er in Verona, wo man ihn als San Gualfardo kennt“, erklärt Stadtpfarrer Florian Geis, während er das Auflegreliquiar vorsichtig auf ein rotes Stück Samt drapiert. „Die Menschen wünschen die Nähe zu den Reliquien, ihre Auflegung, das nimmt wieder zu“, sagt Geis. „Das waren ja keine fiktiven Figuren, sondern reelle Personen, deren Leben eine Wirkung hatte.“ Den Heiligen nahe zu sein, berührt zu werden, daraus zögen Gläubige auch heute noch Kraft.

Kraft im Ertragen der Corona-Pandemie können Gläubige auch aus dem Sebastianslied schöpfen, wo es heißt: „Wollen Seuchen zu uns schleichen, bitte, dass sie von uns weichen. Scheuche ungesunde Luft, schließ des jähen Todes Gruft!“ 

Auch das Sebastiansgebet empfiehlt Stadtpfarrer Geis als Kraftquelle: „Herr, unser Gott, wir schauen auf das große Beispiel, das der heilige Märtyrer Sebastian durch sein mutiges Bekenntnis gegeben hat. Erfülle auch uns mit der Kraft Deines Geistes, und hilf uns, dir mehr zu gehorchen als den Menschen. Darum bitten wir dich auf die Fürsprache des heiligen Sebastian durch Christus, unsren Herrn, Amen.“

Annette Zoepf

11.05.2020 - Bistum Augsburg , Corona , Gesundheit