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In Zeiten der Pandemie haben es Leute schwer, die sich gern zu Musik bewegen

An Kathrein darf kein Tanz sein

DIESSEN – In diesem Jahr stimmt die Regel nicht, dass Kathrein – der Gedenktag der Heiligen wird alljährlich am 25. November gefeiert – den Tanz einstelle. Das Tanzen ist nämlich schon länger, spätestens jedoch mit dem zweiten Lockdown eingestellt. 

„In der Volkskultur trifft es uns beinhart“, sagt Tanzmeister Magnus Kaindl vom Heimat- und Trachtenverein d’Ammertaler Dießen-St. Georgen. Hauptberuflich arbeitet er im Münchner Kultureferat als Leiter der Abteilung Volkskultur. Der Teillockdown treffe wichtige kulturelle Techniken wie das Singen, Musizieren und Tanzen. Es sind keine Proben mehr möglich, sämtliche Volkshochschul-Tanzkurse sind abgesagt. „Tanzen ist ja eine Art von Sport“, erläutert Kaindl. „Da schwitzt und schnauft man, und der Aerosolausstoß ist vielleicht nur noch beim Singen größer.“

Dabei wuchs im Sommer und im Frühherbst ein zartes Kulturpflänzlein heran. Durch ein klares und striktes Hygienekonzept seien dort wieder Tanzveranstaltungen möglich gewesen. Der Tanzmeister plante so Veranstaltungen, an denen man nur mit einem festen Tanzpartner teilnehmen durfte, zehn Quadratmeter Fläche pro Tanzpaar zur Verfügung standen, alle Mund-Nasen-Schutz trugen, wenn sie nicht tanzten, Desinfektionsmittelspender aufgestellt wurden, genügender Abstand der Blasmusiker untereinander und ausreichender Abstand zu den Tanzenden gewährleistet waren. Der ganze Mehraufwand habe sich aber gelohnt, findet Kaindl. „Die Leute waren froh und dankbar, dass sie wieder tanzen durften.“ Und auch ihn selbst habe es glücklich gemacht, für die Menschen etwas zu tun und „Bestätigung für mich selbst durch die entgegengebrachte Wertschätzung zu bekommen“.

Der erste Lockdown im März habe ihn völlig überraschend getroffen und schockiert, berichtet der Dießener. Die ganzen Planungen für das Volkstanzjahr 2020 im Herbst zuvor waren mit einem Schlag Makulatur. „Das ging psychisch an die Substanz, und da brauchte ich Zeit, mich damit abzufinden“, bekennt er. Doch dann entwickelte er im April und im Mai mit dem Musiker Johannes Sift ein Tanzprojekt, bei dem man ohne Partner und dazu auch noch mit Abstand tanzen kann: den Bavarian Line Dance. 

Klatschen und Stampfen

Der Tanz ist eine bayerische Abwandlung des American Line Dance, den sie beim Patenverein der Ammertaler in Denver, Colorado, kennengelernt hatten. Zu den Schritten des amerikanischen Tanzes hat Kaindl bayerische Elemente wie der Einsatz von Fußhacke und -spitze, Klatschen,  Stampfen und Schuhplatteln hinzugefügt. Schon seit zwei Jahren sei ihnen dieser Country Line Dance im Kopf herumgegangen, „Corona war dann der Beschleuniger.“ Im April und Mai wurden Tanzbeschreibungen erstellt, passende Musikstücke ausgesucht und die erarbeiteten Beispiele online gestellt. „Im Juni ging es dann raus ins reale Leben“, berichtet Kaindl. 

Nach den vom Tanzmeister choreografierten Schritten bewegten sich bis zu 200 Leute zur Live-Musik in den Dießener Seeanlagen. Auch im Münchner Westpark im Rahmen von „Fit im Park“, auf der Theresienwiese zu Füßen der Bavaria und nicht zuletzt auf der Wiese vor dem Museum in Oberschönenfeld begeisterten sich viele für diese Art des Tanzens.

Wichtig ist für den Tanzmeister, dass beim Line-Dance Live-Musik gespielt wird, so dass eine „Symbiose“ zwischen Tänzern und Musikern entsteht. Er hoffe sehr, dass man den Teillockdown bald hinter sich lassen und im kulturellen Bereich wieder etwas anbieten dürfe, sagt Magnus Kaindl. „Die ganzen Veranstaltungen zu Kathrein fallen heuer flach.“ Mit dem Tanzen wird es erst wieder etwas im Frühjahr, wenn man sich draußen bewegen kann. Vielleicht sind dann im Herbst wieder Tanzveranstaltungen im Saal möglich. „Die nächsten vier bis fünf Monate“, schwant ihm, „werden jedenfalls nochmals hart.“ Gerhard Buck

19.11.2020 - Bayern , Feiertage & Brauchtum