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Bitten um Genesung

Votivgaben erwirkten Mirakel

PFAFFENHOFEN – Zwei Kilometer lang ist der Weg vom Lebzelterhaus am Hauptplatz in Pfaffenhofen an der Ilm nach Niederscheyern mit der bis zur Säkularisation lebendigen Marienwallfahrt und ihrer circa 500 Jahre alten Muttergottesfigur. Dieser Weg sei buchstäblich „gesäumt von Wachs“, schreibt Volkskundlerin Nina Glockerell in ihrem Vorwort zu Hans Hipps Buch „Wachs zwischen Himmel und Erde“. 

Über Jahrhunderte kauften Gläubige beim Lebzelter in Pfaffenhofen wächserne Votive, um sie der Gottesmutter zu opfern – verbunden mit der Bitte um baldige Genesung oder als Dank für eine bereits erfolgte. Die Nähe zwischen Lebzelter und Wallfahrt ist nicht unüblich. Das Besondere an der Pfaffenhofener Lebzelterei ist jedoch, dass die enge Verbindung in zehn erhalten gebliebenen Mirakelbüchern der Wallfahrt „Zu Unserer Lieben Frau“ der Jahre 1635 bis 1803 dokumentiert ist. 

Durch seine jahrzehntelange Freundschaft zum Klosterbibliothekar Pater Franz Gressierer erhielt Hipp, den das Lebzelter-Handwerk seiner Vorfahren schon als Kind faszinierte, Einblick in die Mirakelbücher. Zu Festtagen machte Pater Franz ihm besondere Geschenke – er transkribierte Mirakel. 

„Mit ein wäxern fueß“

Eine mühsame Arbeit, denn es waren ausgewählte Mirakel, solche, die einen Bezug zur Wachszieherei hatten. Wie die Geschichte der Helena Pfabin, die „3 halbjahr“ lang Probleme mit einem in den Fuß eingewachsenen Dorn hatte, bis sie sich „mit ein wäxern fueß und opfer in stockh verlobt“ und der Dorn herausgesprungen sei. 

Ein Fatschenkind und einen Wachskranz opferte anno 1701 die Müllerin Barbara Strobl, deren kleine Tochter vom Küchenherd gefallen war und so erbärmlich schrie, dass die Mutter fürchtete, das Kind werde ersticken. So befahl sie ihr „Kindt in die Gnadenschoss Unserer Lieben Frauen, aufwelches Gelibt augenblikhlich die frais (Schmerzen) das Kindt verlassen“.

Lebensgroße Figuren, Köpfe, Arme, Beine, Hände, Füße, Herzen, Augen, Ohren, Zähne, Zungen, aber auch Haustiere und Symbole wie Kröten oder Kränze standen bildlich für das Anliegen des Votanten. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Menschen Krankheiten noch weit mehr ausgeliefert waren als heute, weil ärztliche Kunst noch in den Kinderschuhen steckte. 

Heute sind diese Zeugen tiefer Volksgläubigkeit weitgehend verschwunden. Hipp bringt sie mit seinem Buch wieder zum Vorschein, beleuchtet Hintergründe, erzählt ihre Geschichte und zeigt uralte, kunstvoll gestochene Model im Foto vereint mit den Wachsvotiven, die er darin gegossen hat. Erlernt hat er die Handwerkskunst in früher Jugend. Er spielte unter dem Arbeitstisch in der Werkstatt mit Fehlgüssen und durfte selbst Wachs in Model gießen. 

Eigentlich wollte Hipp lediglich die eigene Sammlung dokumentieren und sein Wissen an die Söhne weitergeben, damit sie es im dem Café Hipp angeschlossenen Museum nutzen können. Dann hat der 71-Jährige mit dem fast 400 Seiten dicken Buch aber eine Art Standardwerk geschaffen. Denn er beschränkt sich nicht allein auf die Exponate seiner umfangreichen, vom Vater begonnenen Sammlung und die Model aus der 400 Jahre alten, durch zwölf Handwerkergenerationen getragenen Pfaffenhofener Lebzelterei, sondern stellt Model aus 15 Lebzeltereien Altbayerns dar. 

Dafür ist er durch Bayern gereist, nach Wasserburg, Bad Tölz, München, Bogen und Fulda, um noch vorhandene Model aufzuspüren und darin Votivgaben zu gießen. Die Formen, einst von begabten Modelstechern, einem schon lange ausgestorbenen Handwerk, gefertigt, schlummern heute in Museen oder werden in Privatbesitz als Schätze sorgsam gehütet. Dass die Besitzer ihm vertrauten und die Model ausliehen, damit sie mit den daraus gegossenen Votivgaben in Hipps Buch verewigt werden können, rührt ihn sehr. 

15 Jahre lang hat er recherchiert.Oft hat er im Stil ähnliche Figuren gefunden, was er darauf zurückführt, dass die Modelstecher Störhandwerker waren. Sie zogen durch die Lande und arbeiteten für verschiedene Lebzelter. Jeder besaß einen Grundstock an Modeln. „Der felsenfeste Glaube der Menschen, dass sie es mit Gottes Hilfe schaffen, hat sicherlich einen positiven Einfluss auf den Heilungsprozess gehabt“, ist Hipp überzeugt.„So wurden die Votivgaben zu einem konkreten Heilmittel“.

Andrea Hammerl 

Info: „Wachs zwischen Himmel und Erde“ von Hans Hipp ist im Hirmer-Verlag erschienen und kostet 49,90 Euro.