An Mariens Hand zu Gott gehen (Mittwoch, 02. Mai 2018 10:46:00) / Bistum Regensburg / Katholische Sonntagszeitung

Interview mit MMC-Zentralpräses Thomas Schmid

An Mariens Hand zu Gott gehen

Im Mai werden in vielen Kirchen die Marienaltäre beziehungsweise -statuen besonders aufwendig geschmückt. In so manchen Häusern findet man zumindest eine Vase mit frischen Blumen vor einem Marienbild oder vor einer Marienfigur. Als die in unseren Breiten am meisten bekannte und praktizierte liturgische Form der Marienfrömmigkeit und -verehrung ist sicher die „Maiandacht“ zu sehen. Im Interview äußert sich Monsignore Thomas Schmid, Zentralpräses der Marianischen Männer-Congregation (MMC) Regensburg zum Thema Maiandacht und Marienfrömmigkeit.

Monsignore Schmid, neben dem Rosenkranzmonat Oktober ist der Mai ein weiterer Monat besonderer Marienfrömmigkeit. Auf welche Tradition ist das zurückzuführen?

Der Brauch, bestimmte religiöse Schwerpunkte einen ganzen Monat lang ins tiefere Bewusstsein der Menschen zu rücken, war schon in mittelalterlicher Zeit bekannt. Wie in einer Art „Exerzitien im Alltag“ bündelte man die Gedanken und Frömmigkeitsformen der Gläubigen derart, dass sie mit nach und nach sich verschiebender Akzentsetzung doch um ein und dieselbe Mitte kreisten. So sollten wichtige Glaubensthemen auf sehr schlichte und volkstümliche Weise sozusagen in die Seele dringen, tiefere Schichten in den Menschen ansprechen und in der Rationalität des theologisch begründeten Glaubens so etwas wie emotionale Wärme und Lieblichkeit entstehen lassen. Seit dem 18. Jahrhundert wird die Verehrung der Gottesmutter mit dem Mai in Verbindung und in vielfältiger Weise zum Ausdruck gebracht.

Ausdruck findet die Marienfrömmigkeit in diesem Monat besonders in den Maiandachten. Wie würden Sie den spirituellen Kern einer Maiandacht beschreiben?

Der Mai steht als Blütenmonat schlechthin im Reigen der Monate eines Jahres. Nach der langen Winterzeit mit Eis und Schnee, mit langer Dunkelheit und Kälte, kehrt das Leben mit Kraft zurück. Was abgestorben und tot erschien, erweist sich unter der Maiensonne und dem Frühlingsregen als von Neuem zum Leben kommend. Das Leben grünt und blüht wieder.
Was einerseits durch das natürliche Erleben des Schöpfungskreislaufes erfahrbar wird, findet sich im geistlichen Betrachten auf übertragene Weise in Maria wieder. Es soll gesagt und gezeigt werden: Maria ist sozusagen der „Nährboden“ für das erneuerte Leben, das sie unter ihrem Herzen in liebevoller Verborgenheit trägt und wachsen lässt, das durch sie in die „Kälte“ und „Dunkelheit“ alltäglicher Gegebenheiten und Herausforderungen zum „Vorschein“ kommen wird und Hoffnung mit sich bringt. Maria ist Gnaden-Werkzeug Gottes, sie ist Wegweiserin ins neue Leben und Monstranz des lebendigen Gottes. Sie ist sozusagen die Verkörperung des erlösten beziehungsweise erneuerten Lebens auf zweifache Weise: als Mutter, die den Erlöser selbst Fleisch werden lässt, und als die Frau, in der, wie Bischof Rudolf Graber es formulierte, „sogar die Vollerlösung sichtbar wird“. Das besondere religiöse Brauchtum im Mai soll einerseits marianische Frömmigkeit vertiefen und die Verehrung Mariens wachhalten. Andererseits und vor allem aber soll durch die meditative Betrachtung und durch die nähere Kenntnisnahme der biblischen Grundlagen zum Leben Mariens unter anderem die „Mütterlichkeit“ Gottes spürbar beziehungsweise Maria als Weggefährtin zu Gott und ins ewige Leben erkennbar werden.

Was macht Marienfrömmigkeit ganz allgemein wertvoll?

Bischof Graber stellt in seinem Buch „Marienfeste im Jahreslauf“ eine Frage, die uns den tiefen Wert der Marienfrömmigkeit zugänglich macht: „Wollen nicht auch wir uns von der Mutterhand Mariens führen lassen und geistig die Welt mit ihrer Hohlheit und Eitelkeit hinter uns lassen, um mutig einzugehen in die österliche Herrlichkeit der neuen, erlösten Schöpfung Gottes, von der die ganze Blütenpracht des Maimonats nur ein schwacher Abglanz ist?“

Eine Maiandacht ist aber doch sicherlich keine Anbetung Mariens?

Dazu kann ich auf Papst emeritus Benedikt XVI. verweisen. Bei seinem Besuch in seiner bayerischen Heimat sagte er beim Angelusgebet am 10. September 2006 in München: „Maria ist und bleibt immer die Magd des Herrn, die nicht sich selbst ins Zentrum setzt, sondern uns zu Gott hinführen will und uns einen Lebensstil lehren möchte, in dem Gott als Mitte der Wirklichkeit und als Zentrum unseres eigenen Lebens erkannt wird.“

Welche Formen der Marienverehrung halten Sie darüber hinaus für empfehlenswert?

Es gibt eine ganze Reihe gefälliger und bemerkenswerter Formen der volkstümlichen Marienverehrung in Brauchtums- und Heimatpflege, die ihren bedeutsamen religiösen und kulturellen Stellenwert haben. Ein aus gläubigem Bewusstsein gestaltetes Mariensingen oder ein „volksmusikalisches Marienlob im Mai“ können eine durchaus wertvoll-besinnliche Atmosphäre bieten, in der durch die betrachtenden Texte und die anrührenden Melodien die Herzen empfänglich werden für das, was Gott in die Seelen tragen will. Auch Trachtenprozessionen in alpenländischen Gegenden oder Bittgänge und Flurprozessionen zu Marienkapellen könnten, neben sicher noch vielen anderen oft sehr ortsbezogenen Traditionen, hier angeführt werden.

Interview: Stefan Mohr