Anzeige

"Marsch für das Leben" in Berlin

Konsequenter Lebensschutz

BERLIN/REGENSBURG (KNA/sm) – Wieder ungezählte Holzkreuze, zudem Schilder und Luftballons – meist in Grün, der Farbe von Fruchtbarkeit und Wachstum: Am vergangenen Wochenende machten sich zum 18. Mal tausende Menschen auf einen „Marsch für das Leben“ durch das Zen­trum Berlins, um vor allem gegen Abtreibung und aktive Sterbehilfe zu protestieren. Unter ihnen auch Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer.

Nach Angaben des Bundesverbands Lebensrecht (BVL), einem Zusammenschluss von 16 meist christlich geprägten Organisationen, waren es knapp 4000 Demonstrierende und damit etwa ebenso viele wie im Vorjahr. Der Marsch bleibt damit die bundesweit größte Kundgebung dieser Art, wie es sie auch in vielen anderen Ländern weltweit gibt.

Mit dabei waren der Berliner Erzbischof Heiner Koch, Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg, der Rottenburg-Stuttgarter Weihbischof Thomas Maria Renz und der Vikarbischof der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland, Emmanuel Sfiatkosi. Weitere kirchliche Spitzenvertreter wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hatten ihre Unterstützung in schriftlichen Grußworten bekundet.

Auch in diesem Jahr gingen wieder mehrere hundert Gegen­demonstranten auf die Straße. Unter anderem machte sich ein „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ aus Gewerkschaften, SPD, Grünen und Linkspartei akustisch bemerkbar, wurde aber von mehreren hundert Polizistinnen und Polizisten auf Abstand gehalten.

Neue Befürchtungen

So weit, so bekannt aus den letzten Jahren. Geändert hat sich indes die politische Großwetterlage. Mit der Abschaffung des Werbeverbots für Abtreibungen konnten Gegner der gegenwärtigen gesetzlichen Abtreibungsregelungen aus ihrer Sicht einen wichtigen Erfolg erzielen. Bei der Kundgebung äußerte die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel die Sorge, dies sei nur der Einstieg in die Streichung des Paragrafen 218 und in andere Schritte zur weiteren Liberalisierung von Abtreibungen.

Weitere Befürchtungen nannte der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe. So warnte er mit Blick auf die geplante Neuregelung der Suizidbeihilfe, in der Folge könne auf viele Menschen ein Druck zur Selbsttötung entstehen, um etwa Angehörige zu entlasten. Auch wandte sich der frühere Behinderten-Beauftragte der Bundesregierung gegen eine Auswahl von Ungeborenen infolge der Tests auf Genschäden. Zudem warnte er davor, durch eine Zulassung von Leihmutterschaften „Frauen zu Gebärmaschinen zu machen“.

Die BVL-Vorsitzende Alexandra Maria Linder ergänzte, dass die vom Marsch erhobenen Forderungen auch international zunehmend in Frage gestellt würden. Sie kritisierte Bestrebungen etwa bei den Vereinten Nationen, ein Grundrecht auf Abtreibung zu verankern. Zugleich verteidigte Linder die neuen Vorschriften zu Schwangerschaftsabbrüchen in Ungarn. Dort müssen Frauen vor einer Abtreibung eine Bescheinigung einholen, dass sie sich die Herztöne ihres Embryos angehört haben. Dies gehöre zu Recht zur Aufklärung einer schwangeren Frau, „damit sie weiß, was in ihrem Körper vorgeht“, so die BVL-Vorsitzende.

Bischof Rudolf Voderholzer sagte, er mache vor allem von seinem staatsbürgerlichen Demonstrationsrecht Gebrauch. Er setze sich ein für das Lebensrecht der Ungeborenen. Dieses sei vom Grundgesetz geschützt, doch das werde von verschiedenen Seiten immer mehr in Frage gestellt. 

Ideologische Verkürzung

Im Vorfeld des „Marsches für das Leben“ hatte der Bischof in einem Radiobeitrag darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Wort „Schwangerschaftsabbruch“ um eine ideologische Verkürzung handle. Der Embryo sei nicht ein neues und weiteres Organ der Mutter. Es handle sich vielmehr um ein eigenständiges menschliches Wesen mit allen Potenzialen für ein Leben. Werde er getötet, werde ihm jede Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft, auf eigene „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ geraubt, mahnte der Bischof. 

Die derzeitige Politik, so der Bischof weiter, fordere die Christen erneut ­heraus, „dass wir uns klar zum Lebensschutz bekennen“. Doch nicht erst der christliche Glaube verlange diesen. Für den Lebensschutz die Stimme zu erheben, geböten die Vernunft und das natürliche Sittengesetz. Darüber hinaus halte das Grundgesetz fest, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Sie zu achten und zu schützen, das sei Verpflichtung der staatlichen Gewalt.

Beim Abschlussgottesdienst in Berlin forderte der Stuttgarter Weihbischof Thomas Maria Renz eine wissenschaftlich fundierte Debatte über den Lebensschutz. Wer Embryos nicht ab der Zeugung Menschenrechte zugestehe, müsse begründen, mit welchen Argumenten dies zu einem späteren Zeitpunkt der Fall sei.

Berlins Erzbischof Heiner Koch hatte zuvor erklärt, er mache mit, weil das Bewusstsein abnehme, „dass es sich bei dem ungeborenen Menschen um einen Menschen handelt, um ein eigenes lebenswertes Leben“. Jedes menschliche Leben in allen Phasen habe einen unabdingbaren Wert. Das betreffe natürlich auch „Menschen, die mitten im Leben zurückgewiesen werden. Ich erinnere hier an manche Menschenrechtsdiskussion oder Migrantendiskussion“.

21.09.2022 - Bistum Regensburg