Anzeige

Bischof zu Missbrauch und Kirchenkrise

Erosion des Glaubens

REGENSBURG (pdr/sm) – Die katholische Kirche erfahre einen gewaltigen Erosionsprozess des Glaubens. Das sei der Kern der Krise, der sie sich stellen müsse. So beschreibt Bischof Rudolf Voderholzer die zentrale Herausforderung der Kirche in Deutschland. Am vergangenen Sonntag setzte er die Tradition fort, in der Vesper anlässlich seines Weihejubiläums eine Grundsatzpredigt zu halten.

Natürlich müsse die Kirche auch Missstände beheben, unterstrich der Bischof im Regensburger Dom. Er dankte den Opfern von Missbrauch und Körperverletzung im Bistum Regensburg für das großmütige Vertrauen, durch das „eine gute Aufarbeitung und weitgehende Befriedung“ auf den Weg gebracht werden konnte. 

Missbrauchsaufarbeitung für alle Opfer

Eine ernst gemeinte Aufarbeitung von Missbrauch könne jedoch nicht bei kirchlichen Fällen Halt machen. Damit stimmte der Bischof einem Kommentar der Mittelbayerischen Zeitung zu, der sich mit dem Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising auseinandersetzte. Es war in der vorausgegangenen Woche veröffentlicht worden. Der Kommentar wies auf die gesamt­gesellschaftliche Tragweite gewalttätiger Sexualität hin und zeigte mit Zahlen aus der deutschen Kriminalstatistik die Dimensionen auf – darunter allein 80 000 Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung in einem einzigen Jahr (2020). 

Aufarbeitung ja –
Sündenbock nein 

So sehr sich die Kirche ihrer Schuld stellen müsse, so wenig tauge sie zum Sündenbock, auf dem man einen in allen gesellschaftlichen Bereichen wuchernden Missbrauch ablädt, um sich ansonsten damit nicht weiter befassen zu müssen. Zum wiederholten Male forderte Bischof Voderholzer einen Institutionenvergleich und fragte: „Wo sind denn die Maßnahmen zur Aufarbeitung in der Schule oder beim Sport? Da ist die Kirche doch meilenweit voraus.“

Das gelte auch für die Anerkennungsleistungen. Der Kommentar der Mittelbayerischen Zeitung hatte die Anerkennungsleistungen der Kirche von bis zu 50 000 Euro mit den Schmerzensgeldern verglichen, die Gerichte zuerkennen. Sie überstiegen sehr selten die 10 000-Euro-Grenze. „Wer diese Summen angesichts einer zerstörten Kinderseele beklagt, der sollte sich zunächst an den Bundesjustizminister, nicht an den früheren Erzbischof Ratzinger und späteren Papst wenden“, zitierte Bischof Voderholzer den Kommentar der Mittelbayerischen. 

Glauben bestärken als Antwort

Den Missbrauch müsse die Kirche aufarbeiten, um eigene Schuld zu sehen, um menschenmögliche Gerechtigkeit für die Opfer zu erreichen und um effektiv künftigen Straftaten präventiv entgegenzuwirken. Missbrauchsaufarbeitung aber sei nicht die Antwort auf die massive Glaubenserosion.

Die Reform der Kirche müsse dem Glaubensverlust auf den Grund gehen und seiner Dynamik begegnen. Drei Wege beschrieb Bischof Voderholzer, die er als zukunftsweisend empfiehlt. 

Die Kirche brauche eine gelebte Synodalität. Das heißt, „gemeinsam den empfangenen Glauben bedenken, sich unterstützen, ihn vertiefen und dann feiern“. Als Bischof wolle er weiterhin das Gespräch mit den Menschen suchen. Dabei sei ihm vordringliches Anliegen, „auch über die strittigen Fragen mich auszutauschen, ganz auch im Sinne von Papst Franziskus“. 

Die Kirche müsse wieder stärker in den Familien leben. „Ich bin für alle Initiativen dankbar, die zur Stärkung des häuslichen Gebetes in Familien oder Nachbarschaftskreisen beitragen. (...) Wo das Wort Gottes gläubig angenommen wird, im Gebet bedacht und beantwortet wird, da bekommt der Glauben Hand und Fuß.“ Bischof Voderholzer lud alle hauskirchlichen Gemeinschaften zum 25. März in den Regensburger Dom ein.  

Die Kirche müsse den Menschen den Glauben wirksamer nahebringen. Auch im Bistum Regensburg würden deshalb Katechisten ausgesandt werden nach dem Vorbild des Bistums Rom. Das Bistum Regensburg suche Ehrenamtliche, die sich als Katechisten ausbilden lassen wollen. Denn der Glaube, der die Menschen erreichen wolle, müsse überzeugend und in ganzer Fülle verkündet werden.

 Sackgasse Synodaler Weg

Reformuntauglich hingegen, so der Bischof, seien die Ansätze des Synodalen Weges. Der Glaube wachse nicht auf der Grundlage noch so gründlich abgestimmter Professorentexte, und nicht der Missbrauch sei die Wurzel der Krise. Er werde vielmehr instrumentalisiert, um Rezepte anzudienen, die sich längst als untauglich erwiesen hätten. Bischof Voderholzer: „Was dabei übersehen oder bewusst verschwiegen wird, ist, dass es die von alten zölibatären Männern geleitete Kirche bei der Prävention, der Aufklärung und Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs von allen Institutionen am weitesten gebracht hat.“

26.01.2022 - Bistum Regensburg