Anzeige

100 Jahre Kongregation der Schwestern der Katholischen Heimatmission

Hervorragende Pionierleistung

„Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes“ – das war der Wahlspruch des Münchener Kardinals Michael von Faulhaber (1869-1952), der für ihn auch Ausgangspunkt aller Seelsorge wurde. Ganz in diesem Sinne gründeten vor 100 Jahren am Rosenkranzfest 1921 in München sein damaliger Generalvikar Michael Buchberger († 1961) und Gabriela Pfeilschifter († 1958) die „Schwestern der Katholischen Heimatmission (von Unserer Lieben Frau)“. 

Die Schwestern verstanden sich als Seelsorgehelferinnen im Dienst der Kirche. Angesichts der fortschreitenden Industrialisierung und Verstädterung nach dem Ersten Weltkrieg konnte das weite Feld der Seelsorge durch Priester allein kaum mehr abgedeckt werden. So erinnerte man sich an das „Laiendiakonat“ der Urkirche. Insbesondere nahm der Gedanke „Frauen im kirchlichen Dienst“ konkrete Gestalt an. Eine der führenden Gestalten dieser Bewegung sollte Gabriela Pfeilschifter werden.

Als Maria Peter wurde sie am 20. November 1877 in Regen im Bayerischen Wald geboren. Ihre Eltern waren als Guts- und Brauereibesitzer sehr vermögend. Da sie einmal den elterlichen Betrieb übernehmen sollte, war sie für eine Verehelichung eine überaus begehrte Partie. So meldete sich bei ihrem Vater eine Reihe von heiratswilligen Bewerbern. Autoritär bestimmte der Vater seinen künftigen Schwiegersohn. Gehorsam beugte sich die Tochter und heiratete mit noch nicht ganz 17 Jahren den vom Vater ausgesuchten Amtsrichter Josef Pfeilschifter. Die Ehe wurde sehr glücklich, blieb aber kinderlos. Im Lauf der Jahre wurde Josef Pfeilschifter zum Landgerichtsdirektor in Weiden/Oberpfalz befördert. Nach 16-jähriger Ehe verstarb er plötzlich an einem Gehirnschlag. 

Katholisches Milieu

Jahrelang widmete sich Maria Pfeilschifter zusammen mit ihrem Mann philosophischen und theologischen Studien. Sie nahm ferner an einem Glaubensgesprächskreis von Weidener Juristenfrauen teil. Durch ihre Freundin, die Justizratsgattin Walburga Pfleger, kam sie mit dem dritten Orden des heiligen Franziskus in Berührung. Ihrem Ehemann stand sie als Schreibkraft zur Seite, wenn dieser seine Gerichtsurteile zu Papier bringen musste. So wurden gute Voraussetzungen für ihre spätere Tätigkeit geschaffen.

Nach und nach reifte in der jungen Witwe der Gedanke, ihr künftiges Leben im Rahmen der kirchlichen Seelsorge für die Menschen einzusetzen. So ging sie 1912 nach München und arbeitete mit den Domkapitularen Michael Buchberger, dem späteren Bischof von Regensburg, und Johannes Erik Müller, dem späteren Bischof von Stockholm, zusammen. Diese hatten den katholischen Jugendfürsorgeverein gegründet. Eine solche Organisation gehörte zu dem Arbeitsbereich, in dem sich Maria Pfeilschifter nunmehr betätigen wollte. Da sie aber persönlich klösterlich leben wollte, trat sie bei den Schwestern von der Heiligen Familie in München ein und erhielt den Schwesternnamen „Gabriela“.

Der Aufgabenbereich „Familien­pflege“ war für sie auf Dauer zu ­klein, und so trennte sie sich von den Familienschwestern. Auf Anregung des Generalvikars Buchberger legte sie den nunmehrigen Schwerpunkt auf „Seelsorgehilfe“ insgesamt. Drei Familienschwestern folgten ihr bei dieser neuen Zielvorgabe: Schwester Zita Sepp, Schwester Josepha Dichtl und Schwester Aloysia Trepl. Schwester Gabriela verfasste nun die Satzung für die kleine Gemeinschaft, die am 7. Oktober 1921 oberhirtlich genehmigt wurde. Damit waren die „Schwestern der Katholischen Heimatmission“ gegründet.

Zu ihrer Tätigkeit als Pfarrschwestern gehörten unter anderem die Leitung des Pfarrbüros, das Anlegen von Pfarrkarteien, Haus- und Krankenbesuche, Besuche bei Zugezogenen, Organisation der Pfarrcaritas, Übernahme von Familien- und Hauspflegen und so weiter. Im Laufe der nächsten Jahre konnten die Schwestern der Heimatmission vor allem in den Diözesen Regensburg und Augsburg Fuß fassen. In der Diözese Regensburg in Weiden (1925); ab 1931 in der Diaspora im Norden der Diözese in Marktredwitz, Wunsiedel, Marktleuthen und Selb. Im September 1932 wurde durch die Bischöfliche Administration Regensburg ein Haus in der Wittelsbacherstraße 7 in Regensburg erworben, das nunmehr Mutterhaus und Noviziat wurde.

1930 wurde der Regensburger Dompfarrer Joseph Kumpfmüller Bischof von Augsburg. So holte er 1933 die Heimatmissionsschwestern in seine Diözese nach Kempten und 1935 nach Augsburg selbst. 1949 approbierte die Religiosenkongregation die Satzungen und erhob die Gemeinschaft zu einer „Kongregation bischöflichen Rechtes“. Insgesamt zählten die Heimatmissionsschwestern etwa 80 Ordensfrauen. Am 1. Mai 1964 gab es noch einmal zwei Gelübdeablegungen; zuletzt eine am 30. März 1985. Es waren die letzten in der Geschichte der Kongregation.

Die Mithilfe in der Seelsorge durch Frauen im kirchlichen Dienst war eine hervorragende Pionierleistung. Es konnte jedoch nicht bei „charismatischen“ Impulsen allein bleiben. So entstanden insbesondere nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eigene Studiengänge für Gemeindereferentinnen und -referenten. Ein neues Berufsbild etablierte sich. Die Heimatmissionsschwestern waren seine Vorläufer.

Derzeit leben von den nur noch sechs älteren Schwestern fünf in Altersheimen. Ist damit die Idee einer klösterlichen Heimatmission ein Auslaufmodell? Wir wissen es nicht. Vielleicht gibt es eines Tages unter den Gemeindereferentinnen und -referenten da und dort das Bedürfnis, in (kleinen) Gemeinschaften zusammenzuleben? Dann könnte die Idee der Gabriela Pfeilschifter eine neue Gestalt annehmen. Einstweilen kann man nur dankbar zurückschauen auf 100 Jahre geglückte Heimatmission.

Kirchenrechtlich lebt ein Orden noch 100 Jahre nach dem Tod seines letzten Mitgliedes weiter. In dieser Zeit könnte er neu belebt werden. Vielleicht ist das eine Chance für die Heimatmission.

Hans Josef Bösl