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Gedächtnistag für NS-Opfer

"Mehr Mut haben"

„In unserem Jahrhundert sind die Martyrer zurückgekehrt, häufig unbekannt, gleichsam ,unbekannte Soldaten‘ der großen Sache Gottes. So weit als möglich dürfen ihre Zeugnisse in der Kirche nicht verloren gehen.“ – Mit diesen Worten rief Papst Johannes
Paul II. im Apostolischen Schreiben „Tertio Millennio Adveniente“ die Bischöfe, Priester und Gläubigen im Jahre 1994 auf, der Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts zu gedenken. Seit 1996 wird bundesweit und seit 2005 weltweit am 27. Januar der Tag des Gedenkens an die Opfer des Na­tionalsozialismus beziehungsweise des Holocaust begangen. 

Auch im Bistum Regensburg hat die NS-Gewaltherrschaft eine Reihe von Opfern gefordert. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts weist für die Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) im Bistum Regensburg zehn Blutzeugen für Christus, sechs Diözesanpriester und vier Laien, aus. Einer von ihnen ist Johann Igl, Hilfsmesner in Regensburg-St. Emmeram und Luftschutzpolizist, der am 21. ­April 1945 wegen „Wehrkraftzersetztung“ durch den Strang hingerichtet wurde.

Als unehelicher Sohn eines Bauernmädchens wurde Johann Igl am 28. November 1912 in Schirndorf, eines zur Stadt und Pfarrei Kallmünz gehörenden Dorfes, geboren. Mit seiner Mutter, die zwar später heiratete, ihren Mann jedoch im Ersten Weltkrieg verlor, führte er ein karges Leben. Von 1918 bis 1926 besuchte er die Schule und begann danach eine Schreinerlehre, die er jedoch wegen eines Herzfehlers nach zwei Jahren abbrechen musste. Er sattelte auf Schneider um, versuchte sich aber bereits nach einem halben Jahr als Kandidat zuerst bei den Barmherzigen Brüdern in Schweinspoint bei Rain am Lech, dann im Karmelitenkloster St. Josef in Regensburg. Nach 18 Monaten verließ er das Kloster, weil er sich doch nicht zum Ordensstand berufen fühlte, führte seine Schneiderlehre bis zum Abschluss der Gesellenprüfung fort und wohnte bei seiner Mutter, die er mit seinem Einkommen als Handwerker unterstützte. Bald nach Kriegsbeginn wurde er 1939 nach Norddeutschland zur Wehrmacht einberufen, vermutlich wegen seines Herzleidens jedoch als „nicht kriegsdienstverwendungsfähig“ eingestuft. Er kehrte nach Regensburg zurück, wo er am 1. Juli 1940 als Ersatzdienst zur kasernierten Luftschutzpolizei eingezogen wurde. Diese hatte zunächst in einem durch das NS-Regime beschlagnahmten Gebäudeteil des Priesterseminars und dann im ehemaligen Weinrestaurant „Pfau“ – in der Nachkriegszeit abgerisssen – Quartier bezogen. 1942 heiratete Igl seine Frau Pauline. Das Paar bekam zwei Kinder.

Treu-katholisch

Aus seiner treu-katholischen Haltung machte Johann Igl niemals ein Hehl. Als Mitglied der Kolpingsfamilie der Stadtpfarrei St. Emmeram, in deren Seelsorgsbezirk er wohnte, hatte er das Amt des Geldverwalters übernommen. Als die Gestapo die bescheidenen finanziellen Mittel der Kolpingsfamilie beschlagnahmen wollte und sich an ihn wandte, bewahrte er Stillschweigen über den Verbleib des Geldes. In der Pfarrei war Igl fest eingebunden. In seinem Dienst als Luftschutzpolizist war er meist als Beobachter auf dem Turm der Kirche St. Emmeram eingesetzt und hielt dort mit zwei Kameraden Luftschutz- und Feuerwache. Da der Mesner von St. Emmeram eine Stellung als Beamter bei der Polizei erhalten hatte, sprang Igl gleich zu Beginn des Krieges als Hilfsmesner ein.

Politisch war Igl nie organisiert. Seinen Unmut gegen das NS-Regime speiste dessen Maßnahmen gegen die katholische Kirche, die Ungerechtigkeiten und Gewaltmethoden sowie der verbrecherische Krieg, den er für sinnlos und verloren ansah. Er ließ sich von der NS-Propaganda nicht gleichschalten und verlieh seiner Empörung immer wieder Ausdruck. So wurde bereits 1937 ein Ermittlungsverfahren gegen ihn bei der Sonderstaatsanwaltschaft Koblenz geführt, weil er sich empört über den NS-Staat in Zusammenhang mit diskriminierenden Angriffen gegen Ordensleute geäußert hatte. Sieben Monate wurde er inhaftiert.

Doch auch danach hielt er sich nicht mit kritischen Äußerungen über Hitler und den Nationalsozialismus insgesamt zurück. Seine Kameraden wussten um seine Einstellung Bescheid. Doch auf gut gemeinte Warnungen, dass abfälliges Reden über den NS-Staat hart bestraft werden könne, sagte er nur: „Das ist mir gleich, was mir geschieht. Wir sollten alle mehr Mut haben.“ Nach dem schweren Luftangriff auf Regensburg in der Nacht des 25. Februars 1944 sagte er zu zwei Kameraden auf dem Heimweg dem Sinn nach: „Findet sich denn keiner, der Hitler beseitigt?“ Ein anderer Zeuge sagte aus, Igl habe sich so geäußert: „Findet sich denn keiner, der ihm das Messer reinrennt?“ Das wurde Igl zum Verhängnis.

Einer der beiden Kameraden zeigte ihn anonym bei der Gestapo an, worauf diese am 27. Juni 1944 bei ihm eine Durchsuchung der Wohnung durchführte, ihn die Uniform ausziehen ließ und verhaftete. Bei der Vernehmung im Gefängnis versuchte die Gestapo, ihn zu Aussagen gegen die Geistlichen von St. Emmeram zu bewegen, so, als hätten diese ihn verhetzt. Er aber ließ sich dazu nicht bewegen und nahm die Schuld allein auf sich. Seine Ehefrau, die ihren Mann alle vier bis sechs Wochen in der Haft besuchen durfte, berichtete später: „Er sah entsetzlich aus, total abgemagert; wahrscheinlich ist er gefoltert worden.“

„Wehrkraftzersetzung“

Nach drei Monaten Haft in Regensburg kam es am 20. September 1944 vor dem SS- und Polizeigericht Nürnberg zur Hauptverhandlung. In der Beweisaufnahme wurden die bereits von der Gestapo vernommenen Kameraden Igls als Zeugen befragt. Allein zwei Zeugen gaben an, dass Igl öfter geäußert habe, dass der Krieg verloren sei, und „er habe dies sogar begründet“. Ein weiterer Zeuge berichtete, Igl habe sich gefreut und in die Hände geklatscht, als die Radiomeldung von der Invasion der Alliierten in Nordfrankreich gebracht worden sei. Den Hauptpunkt der Anklage, die Äußerung gegen Hitler, den nur ein Zeuge behauptete, leugnete Igl, was aber nicht zur Kenntnis genommen wurde. Er gab zu berücksichtigen, dass er jung verheiratet sei, zwei kleine Kinder habe, seine Stiefbrüder an der Ostfront stünden und er immer seine Pflicht erfüllt habe. Auf Antrag der Anklage wurde Igl dennoch wegen „öffentlicher Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt und am 3. Oktober 1944 in die Abteilung SS-Straflager im KZ Dachau verbracht.

Nach der Verurteilung gab es mehrere Gnadengesuche der Familie. Sie hatten keinen Erfolg. Von Dachau wurde Igl am 1. April 1945 in die Augustenburg nach Regensburg zurückgeführt, wo er am 21. April 1945 die Mitteilung erhielt, dass er am Abend gehängt werde. Seine Frau durfte ihn noch kurz in seiner Zelle besuchen und sich von ihm verabschieden. „Denk dir Paula, sie wollen mich hängen! Wie einen Verbrecher. Aber du weißt es und es muss dir ein Trost sein, dass ich kein Verbrecher bin. Wenn aber einmal unsere Kinder größer sind, dann sage ihnen das auch“, sagte Igl zu seiner Frau. Seine am 4. August 1944 geborene zweite Tochter Aurelia hat er niemals gesehen.

Igls Hinrichtung erfolgte noch am Abend. Da sich seine Kameraden der Luftschutzpolizei weigerten, das Urteil zu vollstrecken, übernahm ein Exekutionskommando aus dem KZ Flossenbürg die Tat. Die komplette Einheit der Luftschutzpolizei musste seine Hinrichtung durch den Strang mit ansehen. Der Leichnam Igls wurde am 27. April 1945 auf dem Oberen Katholischen Friedhof in Anwesenheit von nur wenigen Angehörigen von Kooperator Theodor Seitz bestattet. Igls Grab wird von der Stadt Regensburg unterhalten.

Die Erinnerung an das Opfer des Nationalsozialismus Johann Igl ist nicht erloschen. Alljährlich wird am 23. April in Zusammenhang mit dem Opfertod von Domprediger Johann Maier, Josef Zirkl und Michael Lottner im Dom zu Regensburg eine Heilige Messe und am Dachauplatz eine Gedenkstunde gehalten, wobei stets auch Igls gedacht wird. Eine Gedenktafel im Vorhof der Regensburger Basilika St. Emmeram erinnert an den ehemaligen Mesner und Luftschutzpolizisten ebenso wie ein sogenannter Stolperstein im Pflaster des Beraiterwegs in Regensburg vor dem ehemaligen Wohnhaus Igls. 

Stefan Mohr

19.01.2022 - Bistum Regensburg