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Predigt des Bischofs Bertram Meier beim Bruderschaftsfest in Vilgertshofen am Sonntag, 22. 8. 2021

Maria – die Schwester aller, die unter dem Kreuz aushalten

Vier Jahre seines jungen Lebens musste der russische Schriftsteller F.M. Dostojewski (1821 –1881) in einem Zwangslager in Sibirien verbringen. Sieben Jahre nach seiner Entlassung schrieb er seine dortigen Erlebnisse in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ nieder. Darin erfahren wir von einem jungen Sterbenden, der etwa 25 Jahre alt war, einst hochgewachsen und von edlem Aussehen. Auffallend waren vor allem seine leuchtenden Augen.

Jetzt, da er im Sterben lag, war sein Körper bis auf Haut und Knochen abgemagert. Bewusstlos und schwer atmend lag er auf seinem Bett. Die Decke und seine Bekleidung hatte er von sich geworfen. Alles war ihm zu schwer geworden. Nur noch ein kleines Holzkreuz lag auf ihm. Eine halbe Stunde vor seinem Tod verstummten alle Mithäftlinge, oder sie sprachen nur flüsternd. Wer gehen musste, trat leise, kaum hörbar auf. Er starb gegen drei Uhr nachmittags. In einem breiten Strom fiel das Sonnenlicht auf sein Gesicht.

Schließlich erschien der Unteroffizier der Wache mit Helm und Seitengewehr. Als er bis auf einen Schritt vor dem Toten angelangt war, blieb er plötzlich stehen, wie von Furcht befangen. Der Tote schien ihn zu erschüttern. Unerwartet nahm er seinen Helm ab und machte eine tiefe Verneigung. Neben ihm stand ein Häftling. Auf den Toten weisend, sagte er aus einem unbekannten Grund mit zitternder Stimme: „Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ und ging fort. Dostojewski, der als Augenzeuge dabei war, war tief betroffen: „Diese Worte durchbohrten mich förmlich ... Warum nur hatte er sie gesagt, und wie war er überhaupt darauf gekommen?“

(F.M. Dostojewski, Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, München-Zürich 1977/1980, S. 263-266)

„Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ Diese Worte kommen aus den tiefsten Schichten menschlichen Daseins. Deshalb kann es auch den Hörer so nachhaltig berühren. Wer aber versteht von solchen Tiefen mehr als eine gute Mutter? Alle Berufe, die dem Menschen zugewandt sind, vereinen sich in ihr: Die Mutter ist Ärztin, Lehrerin und Psychologin in einer Person. Sie kennt ihr Kind. Sie weiß, was es braucht, und gibt es ihm. Selbst wenn sie schläft, nimmt sie nahezu jedes Geräusch wahr, das von ihm kommt. In jeder guten Mutter ist etwas gegenwärtig, das sich nicht definieren lässt. Von unserer Mutter kommen wir niemals ganz los. Unsere Mutter lebt in uns. Und immer ist der Grund, aus dem wir leben, ein mütterlicher Grund. So wundert es nicht, dass es nicht wenige Menschen gibt, die in ihrer Sterbestunde nach ihrer Mutter rufen. „Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ So überkam es jenen Mitgefangenen, als er den Sterbenden sah, dessen Leben zugrunde gerichtet wurde. Wo der Mensch das Leben eines anderen in irgendeiner Weise ruiniert, trifft er immer dessen Mutter.

„Jesus hat doch auch eine Mutter gehabt!“ Deshalb leidet die Mutter mit, wenn sie den Kreuzweg des Sohnes begleitet bis zum bitteren Ende. Doch Jesus ist nicht nur eines Menschen Kind, er ist der Sohn Gottes. In seiner Todesstunde ruft er nicht nach seiner Mutter, er gibt sich in die Hände seines himmlischen Vaters. Am Kreuz besiegelt er sein Testament, wenn er seine Mutter dem Jünger anvertraut, den er liebte. „Frau, dies ist dein Sohn. Dies ist deine Mutter“. Damit bindet er die Kirche an Maria, und Maria bekommt eine neue Aufgabe: Die Gottesmutter wird zur Mutter der Kirche. Die Mutter, die Jesu Kreuz im Herzen mitgetragen und sein Leiden in der Seele mitgelitten hat, trägt auch unsere Kreuze mit und leidet mit, wenn es uns schlecht geht. Wie tröstlich ist es, dass wir an Sterbebetten und vor offenen Gräbern bei aller Trauer die Hoffnung hegen können: Dieser krebskranke Mann, diese todgeweihte Frau, dieses beim Verkehrsunfall getötete Kind, dieser drogensüchtige Jugendliche – sie alle hatten doch auch eine Mutter: nicht nur eine menschliche Mutter, sondern die Mutter Maria, die sie in ihrem Leiden und Sterben nicht allein gelassen hat.

Von diesem Gedanken lebt auch dieser Ort. Seit 1618 ist eine Statue der Schmerzhaften Gottesmutter bekannt. Sie wurde auf ein Podest gestellt, wohl einer begonnenen Verehrung wegen. Ihren Ruhm verdankt die Pietà jedoch den Schweden; sie warfen die Holzfigur ins Feuer. Aber sie verbrannte nicht, sondern erlitt nur Beschädigungen. Daraufhin setzte ein anwachsender Zustrom von Pilgern ein. Daraus entwickelte sich die Bruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes zu Vilgertshofen: „Am 15. August 1708 wurde mit großer Feierlichkeit die Bruderschaft eingeführt, unter großem Zustrom von Gläubigen sowohl aus der Nachbarschaft als auch aus der weiten Umgebung, etwa 7000 an der Zahl. Vom Sonnenaufgang bis zum Mittag des folgenden Tages hatten drei Personen damit zu tun, Mitglieder in die neue Bruderschaft einzuschreiben. Die Pfarrkinder von Reichling, Ludenhausen, Stadl, Issing, Thaining, Hofstetten, Pitzling, Epfach, Asch, Rott und Wessobrunn waren geschlossen mit ihren Priester gekommen.“ Das waren Zeiten! Heute ist – nicht nur coronabedingt – das Format kleiner, die Zahl der Gläubigen geringer. Trotzdem feiern wir! 

Zwar schauen wir heute auf das Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter, doch bleiben nicht stehen beim Leiden des Sohnes, wo Maria sich auf besondere Weise als Mutter erweist, in deren gute Hände wir uns fallen lassen können. Schon jetzt ist sie unsere Schwester, wenn uns die täglichen Kreuze belasten: „Wer nicht täglich sein Kreuz auf sich nimmt und es mir nachträgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ Wie gut ist es zu wissen, dass Maria unser tägliches Kreuz mitträgt! Wie tut sie es?

Da ist zunächst ihr Ohr. Wir Menschen haben zwei Ohren, aber nur einen Mund, damit wir doppelt so viel hören wie reden. Das hingehaltene Ohr gibt einem seelisch kranken Menschen die Möglichkeit, sich zu öffnen. Eine Wunde kann erst dann heilen, wenn sie sich ausblutet, sich gleichsam „sauber blutet“. So kann die Seele eines verwundeten Menschen erst dann heilen, wenn sie ein lauschendes Ohr findet, das ihr die Möglichkeit schenkt, sich auszusprechen. Maria war von Anfang an eine Hörende. Sie war immer ganz Ohr: sowohl für die Botschaften Gottes als auch für die Nöte der Menschen. Nicht von ungefähr singt der Volksmund gern das Lied: „Maria, Jungfrau schön, zu dir wir bitten geh’n. Du stehst für uns bereit, Mutter der Christenheit“. Zu den größten Kreuzen unserer Zeit gehört die Schwerhörigkeit. Unsere Gespräche ähneln oft Monologen, wobei der Hörende nur darauf wartet, dass der Sprechende einmal Luft holen muss, um den anderen dann gleich mit seiner eigenen Geschichte zu überfallen und mit seinen persönlichen Problemen zuzuschütten.

Danke, Mutter Gottes, dass du stets ein Ohr hast: auf der Hochzeit zu Kana für die Not der Brautleute, am Kreuz für die letzten Worte deines Sohnes, hier und heute für uns.

Zum lauschenden Ohr gehört das aufmerksame Auge. Der gute Blick zwischen zwei Menschen ist oft intensiver als das tiefste Gespräch. Doch wir kennen auch den kalten Blick, unter dessen Bann man friert. Wenn uns so ein Mensch begegnet, sagen wir: „Wenn Blicke töten könnten, würde ich jetzt sterben“. Wie tröstend ist da der gute Blick, der Nähe und Wärme schenkt, unter dessen Strahl man nicht friert, sondern sich angenommen und verstanden weiß. Von einem KZ-Aufseher, der ein Glasauge trug, wird berichtet, dass er einen Häftling erraten ließ, welches das gesunde und welches das Auge aus Glas wäre. Wenn er das herausfände, würde er als Belohnung eine doppelte Portion Essensration erhalten. Der Häftling tippte richtig. Die Antwort, woran er das Glasauge entdeckte, ist erschütternd: „Es schaut um so viel gütiger als das andere“.

Der Dialog Jesu mit seiner Mutter unter dem Kreuz war wohl auch eine Begegnung der Augen. Der letzte Augenblick schlägt noch einmal Brücken zwischen Jesus und seiner Mutter, zwischen Gott und Mensch, zwischen Maria und Johannes, zwischen der Mutter und der Kirche. Dieser Blick prägt die Geschichte! Indem Jesus uns am Kreuz Maria zur Mutter gegeben hat, gewährt er uns Ansehen in ihr. Maria hat ein gutes Auge für unsere Lasten und Leiden. Von diesem guten Blick können wir zehren. Marias gütige Augen sind uns bis heute gewogen, wenn uns manches Kreuz die Sicht verstellt und verdunkelt. 

Danke, Mutter der Kirche, für deine aufmerksamen Augen und deinen gütigen Blick. „Wende, o heilige Mittlerin du, deine barmherzigen Augen uns zu“.

Schließlich erwähne ich noch den Mund. Ohne Mund gibt es kein Wort. Worte sollen verbinden und trösten. „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, beten wir vor jeder hl. Kommunion. Gute Worte sind so nötig wie das tägliche Brot. Nicht nur unser tägliches Brot, sondern auch unser tägliches Wort gib uns heute! Worte können aber auch sehr verletzen. Es gibt auch Wortgewalt. Manchmal scheint es, als gäbe es mehr Wortverletzte als Kriegsversehrte. Verletzende Worte sind wie eine Pandemie. Sie stecken an. Wie das Insekt, das einen Krankheitserreger von einem Organismus auf den anderen überträgt, so kann ein spitzes Wort oder eine unüberlegte Bemerkung die Atmosphäre unter Menschen hoffnungslos vergiften. Verunglimpfungen und Beschimpfungen, Gerüchte und Rufmord gehören zu den Kreuzen unserer Zeit. Neue soziale Medien, Internetplattformen und Digitalisierung verschärfen diese Entwicklung. Wie sehen das gerade in den Politbarometern: vor einer Woche hoch gelobt, kann jemand heute tief fallen. Diese Tendenz, sich Strömungen hinzugeben, fängt bei uns allen an, wenn wir „Tagblätter“ der neuesten Nachrichten sind.

Die Worte, die aus dem Mund Marias kamen, sind überlegt und aufbauend. Sie stellt durchaus kritische Fragen, selbst an den Erzengel Gabriel. Doch vor allem lobt sie Gott für ihre hohe Berufung. Schließlich gibt sie uns den guten Rat: „Was Er euch sagt, das tut“. Maria macht sich nicht wichtig, sie „mandelt“ sich nicht auf, sie macht aus sich nichts, weil der Sohn ihr Ein und Alles ist. Jesus, dem sie ihre Rolle in der Heilsgeschichte verdankt, will sie ins Spiel bringen.

Danke, Mutter vom guten Rat, für deinen Mund, der unser Sprachrohr ist bei Gott, wenn es uns schwerfällt, unser Kreuz zu tragen.

Nicht nur der Gefangene in Sibirien, wir alle haben eine Mutter in Maria: eine unübertreffliche Mutter mit offenen Ohren, aufmerksamen Augen und einem Mund, der ein gutes Wort einlegt für uns. Weil Gott sie aus uns Menschen genommen hat, ist sie zugleich unsere Schwester. Zu ihr dürfen wir kommen und uns anvertrauen mit dem ältesten Gebet, das die Christen an Maria gerichtet haben: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesmutter.

23.08.2021 - Predigt