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Bischofswort zur Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrates im April 2022

„Den Fragen und Problemen einen anderen Ton geben“

Die Kirche von Augsburg – verflochten in die Krisen von Welt und Kirche:

Drei Baustellen betreffen uns hautnah: die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und der Synodale Weg. Diese Themenfelder zwingen uns zu Lösungen, die wir nur bedingt lösen können durch Organisation, genauso wichtig ist Improvisation. Christlich gewendet: Trauen wir dem Heiligen Geist!

Als Teilkirche in Deutschland sind wir verflochten in das Netz der Weltkirche. Es wird keinen Augsburger Sonderweg geben können, wenn wir katholische Ortskirche (Diözese) bleiben wollen.  

Finanzielle Hilfen:

Großer Dank gilt allen, die sich auf die Welle der Solidarität mit der Ukraine eingelassen haben: durch Gebet, Hilfsbereitschaft und Spenden. Das Bistum unterstützt nach Kräften alle Initiativen, um Menschen in Not zu helfen. Ein Beispiel von vielen sei genannt: Sofern eine Kirchenstiftung (in Absprache mit dem Bistum) ukrainischen Flüchtlingen in einem ortskirchlichen Gebäude eine Unterkunft stellt, für die kein Dritter (Landkreis, Kommune, Firma) die Nebenkosten übernimmt, kann bei der Diözese ein Zuschussantrag gestellt werden. Unterstützung erhalten die Pfarreien mit monatlich 75 Euro pro untergebrachter Person. Ergänzend zum formlosen Zuschussantrag wird um eine Auflistung mit den untergebrachten, die Unterstützung betreffenden Personen gebeten. Auch gibt es Reparaturzuschüsse für Gebäude mit max. 20.000 Euro pro Gebäude. Insgesamt wird die Ukraine-Flüchtlingshilfe mit einer Summe von 2,5 Mio. Euro angesetzt. 

Auch sollen mögliche Engpässe wegen der vorauszusehenden Energiekosten-entwicklung (Explosion!) für die Kirchenstiftungen mit einem Betrag in Höhe von 1,5 Mio. Euro vermieden werden. (Diözesansteuerausschuss vom 28.3.2022). 

Dank an Pfarrgemeinderäte:

Die PGR-Wahlen liegen hinter uns. Die Konstituierung der neuen Räte steht an. Ich freue mich über die Bereitschaft der vielen Frauen und Männer unterschiedlicher Generationen, sich zur Verfügung zu stellen. Die Pfarrgemeinderäte sind keine „Beisitzer“ des Pfarrers, sondern echte Beraterinnen und Berater. Gerade für die Zukunft gilt: Nur gemeinsam sind wir stark. In den Gremien braucht es ein Miteinander von Klerikern, Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen.

Als Leitfragen schlage ich vor:

Was brauchen wir als geistliche Nahrung in der PG? Wer hilft uns dabei?

Wie stellen wir unsere Sachausschüsse auf? Es geht nicht um Neuauflagen des letzten Jahrhunderts, sondern um innovative Projekte und neue zeitgemäße Herausforderungen. Hier bietet die Corona-Krise Chancen für einen Start-up. 

Der Synodale Weg als geistliches Experiment:

Wie im Chemiesaal: Vom Suchen und Finden neuer Lösungen zur Gefahr der Explosion.

„Wir sind in einer Epoche des Aufbruchs und des Umbruchs. Mehr Aufbruch, hoffen manche; mehr Umbruch, fürchten andere. Ich bin überzeugt: Wenn wir aus den großen Umbrüchen einen gemeinsamen Aufbruch machen wollen, dann geht das nicht durch (…) Verordnung allein. Dann müssen wir Brücken bauen.“ (F.-W. Steinmeier bei seiner Rede zur Wiederwahl am 13.2.2022) 

Wir werden als Volk Gottes gemeinsam unterwegs bleiben, wenn wir uns nicht in Flügel auseinanderdividieren lassen. Papst Franziskus nennt drei Pfeiler für die Synodalität: Incontro – ascolto – discernimento (Begegnung – Anhören/Zuhören – Unterscheiden/ Entscheiden). 

Synodalität braucht Zeit und Sensibilität, es ist mühsam und anstrengend. Konsensuale Entscheidungen entstehen nicht durch (Kampf-)Abstimmungen, sondern durch geduldiges Gespräch, Vermittlung, Verständnis: die Meinung des anderen „retten“.

Der Missbrauchsskandal – ständiger Begleiter der Kirche auf dem Weg durch die Zeit:

Immer wieder neue Studien und Einzeluntersuchungen bringen es auf den Punkt: Wir bekommen diese Geschichte nicht so schnell los. Auch die Konsequenzen nicht: Austrittswelle!

Es geht bei der Erneuerung der Kirche nicht nur um Fragen der Rechtgläubigkeit, sondern vor allem der Glaubwürdigkeit. Kirche ist Versprechen und Erwartung zugleich. Jeder, den wir verlieren, fehlt Jesus Christus und seinem Evangelium. Ich bin gegen eine Reduktion der Kirche auf die „kleine Herde“ als den „heiligen Rest“!

Die Frage der Macht – ein Grundthema beim Synodalen Weg:

Folgende Themen sind eng miteinander verknüpft: sexueller Missbrauch – geistlicher Missbrauch – Machtmissbrauch. Oft steckt das Problem dahinter, dass die Balance zwischen Nähe und Distanz aus dem Ruder gelaufen ist. - Es sollte weniger um Macht gehen, sondern um Voll-Macht und Autorität. Frage: Braucht es dafür eine Weihe?

Der sog. Synodale Rat – ein neues Gremium auf allen Ebenen?

Die Vollversammlung des Synodalen Weges hat sich für eine Richtung entschieden, deren Konsequenzen noch nicht absehbar sind: Angefangen bei der nationalen Ebene bis hin zu den lokalen Einheiten (Pfarrei, Dekanat, Diözese) soll es sog. Synodale Räte geben. Ziel ist, die synodale Kirche auch strukturell zu stabilisieren. Das Stichwort lautet: „Selbstbindung“ der Bischöfe.

Die Aufgabe der Synodalen Räte auf allen Ebenen besteht darin, das kirchliche Leben zu evaluieren und zu kontrollieren, ob und inwieweit die Beschlüsse des Synodalen Weges umgesetzt werden. Doch weder Zusammensetzung noch genaue Kompetenz der Synodalen Räte sind geklärt. Es wird auch zu prüfen sein, inwiefern die angedachte Struktur kompatibel ist mit den schon gegebenen Gremien, die nicht neben-, sondern miteinander arbeiten sollen (z.B. auf PG-Ebene: PGR-Pastoralrat-KV). Die Einrichtung weiterer Gremien führt zu einem „Wasserkopf-Effekt“: Gremienkatholizismus.

Outinchurch – ein Barometer für die Gesamtwetterlage der Kirche:

Die Initiative hat einerseits den Mut von Menschen im kirchlichen Dienst gezeigt, die ihre sexuelle Orientierung und Praxis nicht mehr geheim leben wollen. Andererseits legt sie den Finger in eine Wunde, die blutet und nach Heilung ruft. Es zeigt sich die Spannung zwischen Ehrlichkeit einzelner und Profil des kirchlichen Handelns: für pastorale MitarbeiterInnen und für Priester. Gleichzeitig sollten wir beachten: Es gibt Berufe, die ins Leben ausgreifen; und es gibt eine Lebensführung, die in bestimmte Berufe direkt einfließt. Es geht um Zeugnis und Bekenntnis; ansonsten kommt es zu einem „distanzierten Glauben“ (Papst Franziskus) als Lehrsystem neutraler Sätze. Gerade in Seelsorge und Verkündigung braucht es „existentielles Engagement“. Ausspionieren der Schlafzimmer der MitarbeiterInnen ist tabu, ich muss aber zugleich darauf achten, dass „Ärgernis“ vermieden wird. Für eine verantwortete Lösung braucht es den langen Atem der Geduld. D.h. momentan im Bistum keine Änderung im Text des Arbeitsrechtes, aber Bitte um Elastistizität in der Anwendung! 

Schnell und unreflektiert die Kategorien des weltlichen Arbeitsgerichtes in das kirchliche Arbeitsrecht aufzunehmen, ist daher schwierig; denn bei dieser Praxis sind doktrinelle Implikationen mit zu bedenken. Deshalb wird das Bistum Augsburg sich nicht vorschnell generellen Lösungen anschließen, gleichzeitig aber alles tun, um den einzelnen Personen gerecht zu werden. Ich bin für eine „Kirche ohne Angst“.

Keine Reform der Schnellschüsse, sondern Schritt um Schritt:

das Wirken der Kirche in der Corona-Pandemie: Wir waren oft existenzrelevant.

die Notwendigkeit des Dialogs: gegenseitiges Lernen miteinander und voneinander

die Einbindung des deutschen Synodalen Weges in den weltweiten Synodalen Prozess

die Bedeutung der Unterscheidung: Was ist Kern, was ist Schale? Was ist nicht verhandelbar, d.h. unantastbar, was kann/muss geändert werden?

die Bitte um „ekklesialen Realismus“: Die Wirklichkeit geht der Idee voraus
(Papst Franziskus).

 Ausblick:

Bei der Warnung vor einer zweiten Reformation ist die Analogie nur bedingt gültig. Im 16. Jahrhundert gab es eine Zerreißprobe in der Einen christlichen „Familie“, heute stehen wir mitten im Wettbewerb von Religionen und auch Weltanschauungen, die ohne Gott auskommen. So sehe ich in dieser Zeit eine Chance für eine konstruktive Provokation: die säkulare Gesellschaft als „Höhle“, d.h. als Freiraum für den christlichen Glauben entdecken und als Kirche(n) neu zu füllen versuchen. 

Kardinal Joao Braz de Aviz sagte bei der Verleihung des St.-Ulrich-Preises in Dillingen: „Die Mitte einer Stadt ist nicht ein Programm, sondern eine Person, Jesus Christus. Bei der postmodernen Stadt handelt es sich weniger um einen Ort der Gottlosigkeit, sondern der Gottsuche.“ (3.5.2014) 

Die Kirche wird wieder erstarken, wenn sie getragen ist von vielen Christinnen und Christen. Die Kirche wird strahlen, wenn sie ihre Kraft nicht mit Drohung nach außen oder Angst nach innen erkauft oder gar erzwingt. In der Pandemie durfte ich auch erleben: Wir haben den Menschen mehr zu bieten als alte, verstaubte Ideen. Wir bieten ihnen Jesus an. D.h. die Kirche hat den Auftrag, den Fragen und Problemen einen anderen Ton zu geben: den Ton des Evangeliums.

06.04.2022 - Bistum Augsburg