Höre – Nimm an – Erfülle (Montag, 09. März 2020 09:21:00) / Dokumentation / Katholische Sonntagszeitung

Predigt beim Requiem für Bischof em. Dr. Viktor Josef Dammertz OSB

Höre – Nimm an – Erfülle

Höre – Nimm an – Erfülle

Benedikts Grundakkord geistlichen Lebens
Predigt beim Requiem für Bischof em. Dr. Viktor Josef Dammertz OSB im Hohen Dom zu Augsburg am Samstag, den 7. März 2020 von Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier

Hochwürdigster, lieber Herr Kardinal!
Liebe Mitglieder der benediktinischen Familie!
Liebe Brüder Bischöfe, Priester und Diakone!
Liebe Frau Dammertz, liebe Freunde und Angehörige von Bischof Viktor Josef!
Liebe Schwestern und Brüder!

„Höre, nimm an, erfülle!“ Mit diesem Dreiklang aus der Vorrede zu seiner Mönchsregel hat der hl. Benedikt ein geistliches Programm aufgestellt, wie es kürzer und prägnanter kaum geht. Erweitern wir die drei Stichworte auf den ganzen Text, dann lautet er so: „Höre, mein Sohn, auf die Lehren des Meisters und neige das Ohr deines Herzens. Nimm die Mahnung des gütigen Vaters willig an und erfülle sie durch die Tat.“ (RB Prol 1) Dieser Dreiklang ist mehr als ein Lebensmotto für jene, die sich der Regel des hl. Benedikt verschrieben haben. Es ist eine Melodie für alle, die ein geistliches Leben führen wollen. So dürfen wir heute an diesem Tag des Abschieds das Leben von Bischof Viktor Josef Dammertz in diesem Dreiklang noch einmal neu zum Strahlen bringen, verbunden mit der Frage: Was würde uns Viktor Josef jetzt predigen, wenn er an meiner Stelle hier stehen und noch einmal das Wort an uns richten könnte?

Höre! Das ist das Erste, was er uns heute sagen würde. Denn Viktor Josef war ein hörender Mensch. Er hat hingehört, von Kindesbeinen an: auf die Stimmen im gläubigen Elternhaus, sicher auch auf die Stimme seiner jüngeren Schwester Marga. Ich habe selbst eine und weiß, dass eine solche Schwester für den älteren Bruder durchaus auch eine Herausforderung sein kann. Viktor Josef hat gehört auf seine Freunde in der Pfarrjugend besonders beim Bund Neudeutschland. Später hat er gehört auf die Lehrer und Kommilitonen in Münster und Innsbruck. Bei allem Hören auf Menschen hat er aber besonders aufmerksam hineingelauscht in sich selbst, in sein Herz, wo ja die Stimme Gottes zum Klingen kommt. Höre, mein Sohn, auf die Lehren des Meisters, unseres Herrn Jesus Christus. Viktor Josef hat das Ohr seines Herzens Jesus zugeneigt, der seinen Ruf immer profilierter artikulieren sollte: Vom Canisianum ging es in die Erzabtei St. Ottilien, dann nach Sant’Anselmo, wieder nach St. Ottilien zurück, schließlich erneut nach Rom, ehe ihn an Heiligabend 1992 der Ruf ereilte, Bischof von Augsburg zu werden. Viktor Josef hat hingehört, er hat nicht nur die Ohren gespitzt, die bei ihm ja durchaus markant ausgeprägt waren. Mehr noch: Er hat die Akustik seines Herzens geprüft – ein Leben lang. Er hörte zu, um zu verstehen, und nicht vorrangig, um zu antworten: eine heute selten gewordene Tugend. Im vertrauten Gespräch mit ihm war zu spüren: Er weiß um die Anwesenheit eines Dritten. Christus ist es, der um Einlass bittet, der Raum braucht, wenn zwei Menschen ehrlich darum ringen, welche Entscheidung lebensfördernd ist. So legt uns Viktor Josef heute ans Herz: Seid hellhörig! Auf die Zeichen der Zeit, und auf die Stimme Gottes!

Nimm an! mahnt der hl. Benedikt. Ob als Generalsekretär seiner Kongregation oder als Erzabt, ob als Abtprimas in Rom oder als Bischof von Augsburg: Viktor Josef setzte besonders auf das 3. Kapitel der Benediktregel. Lassen Sie es mich zitieren: „Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist, soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und selbst darlegen, worum es geht. Er soll den Rat der Brüder anhören und dann mit sich selbst zu Rate gehen. Was er für zuträglicher hält, das tue er. Dass aber alle zur Beratung zu rufen seien, haben wir deshalb gesagt, weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist.“ In vielen Begegnungen mit ihm – ich war damals junger Pfarrer, Dekan und Mitglied des Priesterrates – durfte ich erfahren, dass er nicht zu den Menschen gehörte, die einem Jüngeren sagen: „Werde erst einmal so alt wie ich, dann siehst du das ein.“ Oder: „Das haben wir schon immer so gemacht, deswegen bleibt es dabei.“ Viktor Josef wusste, dass ein Leben mit Christus, wenn es ernst gemeint ist, sich zeigen und bewähren muss in Verfügbarkeit und Veränderungsbereitschaft. Diese Tugenden brauchen wir in der Kirche heute mehr denn je. Sonst bleiben wir stehen, im Guten verhärtet. Auch wenn er als Bischof „sine collega“ war, so lebte er die koinonia, die communio, die der hl. Benedikt für alle, die sich auf den Weg der Nachfolge Christi begeben wollen, zur Pflicht machte. Nicht das Eremitentum war sein Charisma, sondern die stabilitas in congregatione, die stabilitas in ecclesia. Er hat davon nicht nur gesprochen, er hat es gelebt: auch im Bischofshaus, das er einmal so beschrieb: „Zusammen mit meinem Sekretär, zwei franziskanischen Ordensfrauen und meiner leiblichen Schwester bilden wir hier gewissermaßen einen kleinen Konvent. (…) Wir leben hier – wenn auch in reduzierter Form – durchaus die vita coenobitica im Sinne der Benediktregel; und das lässt mich die Abwesenheit von meiner Kommunität weniger fühlen.“

Erfülle! Bisher hat Viktor Josef uns mehr den äußeren Rahmen abgesteckt, in dem er seinen Weg gegangen ist. Doch wie sah der innere Weg aus? Nach außen war er als Missionsbenediktiner von St. Ottilien ein Apostel, nach innen lebte er als Mönch. Als unser Bischof war es für ihn sicher nicht immer leicht, für Menschen da zu sein, die nicht alle nach der Regel des hl. Benedikt lebten. In einem Vortrag, den Bischof Viktor Josef anlässlich einer Geburtstagsfeier für den Benediktinerabt Georg Holzherr in Maria Einsiedeln hielt, bringt er die ganze Spannung auf den Punkt: „Es ist eine der wichtigsten Aufgaben eines Abtes, trotz aller Gegensätze die Einheit der Kommunität zu wahren, zu fördern und immer neu zu schaffen. Das gilt nicht weniger für den Diözesanbischof in einer Kirche, die mehr und mehr unter Polarisierungen leidet. Die verschiedenen Gruppen werfen schnell einander vor, entweder ‚nicht mehr katholisch‘ zu sein oder aber eine ‚Sekte‘ zu bilden. Aufgabe des Bischofs ist es, Exzesse auf beiden Seiten abzuwehren, im Übrigen aber, die auseinanderdriftenden Gruppen in der kirchlichen Einheit zusammenzuhalten und sich immer neu um Vermittlung zu bemühen. Eine dornenvolle Aufgabe, die ihn stets der Gefahr von Missverständnissen aussetzt, wenn er nicht einer der Seiten voll recht gibt. Der Bischof wird sich nicht dem Kreuz entziehen können, in sich selbst die Spannungen und die Gegensätze zu leben. Die Seelen leiten, das heißt die Bedürfnisse, die Schwerfälligkeiten, die Schwierigkeiten und auch die Kapriolen vieler zu ertragen und zu verstehen.“ Wie wahr doch diese Worte sind – von Bischof Viktor Josef vor fast 25 Jahren gesprochen. Und wie richtungsweisend sie doch sind – für mich als angehenden Bischof und für uns alle in der Kirche und im Kloster!

Papst Franziskus hat um die Größe von Viktor Josef gewusst – als Christ, als Mönch und als Priester und Bischof. So hat er mir in einem Beileidstelegramm, das die Unterschrift seines Kardinalstaatssekretärs Pietro Parolin trägt, folgendes geschrieben: „Der Heilige Vater verbindet sich mit den Gläubigen der Diözese Augsburg im Gebet für den Verstorbenen. Gemäß seinem Wahlspruch „Für Euch – Mit Euch“ war Bischof Viktor Josef als Hirte den Menschen in ihren Freuden und Sorgen stets nahe. Der Herr vergelte ihm das Gute, das er in seiner Diözese und in seinem Orden gewirkt hat, und lasse ihn einstimmen in den Lobgesang der Erlösten. Von Herzen erteilt Papst Franziskus allen, die für Bischof Viktor Josef beten und seiner gedenken, den Apostolischen Segen.“
Liebe Schwestern und Brüder! Höre – nimm an – erfülle. Dies ist der Dreiklang, der die Symphonie des Lebens von Bischof Viktor Josef bestimmte. Er hat ihn uns heute noch einmal ausgelegt, und ich durfte gleichsam sein Dolmetscher sein. Als ich selbst vor wenigen Wochen die Ernennung zum Bischof von Augsburg erhielt, hat er sich herzlich mitgefreut und wiederholt gesagt: „Am 21. März muss ich nach Augsburg, um dem Bertram die Hände aufzulegen.“ Nun ist es anders gekommen. Ich hoffe fest, dass Viktor Josef sich weiter mitfreut – und das von anderer Warte aus. Er hat nur die Seiten gewechselt. So gesehen, ist er schon weiter als wir. Deshalb rufen wir ihm nach:

Viktor Josef, lege mir die Hände auf und nimm mich an!
Viktor Josef, breite deine Hände aus und segne das Bistum Augsburg, das du elf Jahre lang als Bischof geleitet hast.
Viktor Josef, nimm uns an die Hand und begleite uns in eine gute Zukunft – miteinander und füreinander. Amen.

09.03.2020 - Bischöfe , Bistum Augsburg