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Predigt von Bischof Bertram Meier am 1. Mai 2022: Einer anderen Logik folgen: „Aufrüstung mit Waffen reicht nicht, es braucht Abrüstung durch das Wort Gottes“

„Nicht der Sieg im Krieg schafft Frieden, sondern der Sieg über den Krieg“

Heute lade ich zu einer Zeitreise ein. Wir starten im Jahr 1638. Mitten im 30jährigen Krieg setzt Kurfürst Maximilian in München einen besonderen Akzent: die Mariensäule als Dank für die Rettung der Städte München und Landshut vor der Zerstörung durch die schwedischen Soldaten. Zugleich will er mit der Weihe der Mariensäule sein Land und seine Regentschaft der Gottesmutter anvertrauen. 

Machen wir einen Sprung ins Jahr 1916. Der Erste Weltkrieg tobt. Mitten im grausamen Gemetzel wendet sich König Ludwig III. von Bayern an Papst Benedikt XV. mit der Bitte, er möge die Gottesmutter Maria zur Schutzfrau Bayerns erklären und ein bayerisches Marienfest zulassen. Der Papst gewährt beide Bitten; so wird noch in demselben Jahr das Fest Patrona Bavariae in München und ein Jahr darauf in allen bayerischen Bistümern gefeiert. 

Im Jahr 1917 lässt Papst Benedikt XV., erschüttert von den Grauen des Ersten Weltkrieges, die Anrufung „Maria – Königin des Friedens“ in die Lauretanische  Litanei  aufnehmen.

Alle drei Beispiele zeigen, dass sich Christen in Kriegszeiten, in Tagen schwerer Not und Verfolgung oft in besonderer Weise an Maria gewandt haben. Sie bauten auf die Hilfe und Fürsprache der Gottesmutter. 

Seit 67 Tagen erleben wir in Europa wieder Krieg. Durch den russischen Angriff ohne Grund ist unsägliches Leid über die Ukraine gekommen. Der Krieg hat schon jetzt Tausenden von Menschen das Leben gekostet, Millionen Menschen sind auf der Flucht, in den Dörfern und Städten herrschen katastrophale humanitäre Bedingungen. Viele Menschen in unserem Land versuchen zu helfen: Gastfreundschaft, Geld- und Sachspenden zeigen eine Welle der Solidarität. Großartig! Meine Reise nach Polen in der vergangenen Woche hat mir gezeigt, dass gerade die Polen – aus der Erfahrung ihrer Geschichte – eine echte Großmacht der Solidarität mit Flüchlingen geworden sind. Das heutige Fest Patrona Bavariae lädt uns ein, über unsere eigenen Hilfsmöglichkeiten hinaus Maria in den Blick zu nehmen und sie um ihre Hilfe anzurufen, so wie es Generationen vor uns in Zeiten der Not getan haben. 

Christus, unser Friede

Doch bevor wir uns an Maria als Königin des Friedens zuwenden, sollten wir uns an das Zeugnis der Heiligen Schrift erinnern: Nicht Maria ist die Quelle des Friedens, sondern Gott selbst, der in Jesus Christus für uns Mensch geworden ist. 

Der Friede hat einen Namen: Jesus Christus. „Er ist unser Friede“ bringt es der Epheserbrief kurz und bündig auf den Punkt. (Eph 2,14). Bereits in dessen Geburt sehen die Christen die Verheißung des Propheten Jesaja als erfüllt an: Er ist der „wunderbare Ratgeber“, der „starke Gott“, der „Fürst des Friedens“. „Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende.“ (Jes 9,5f.) Schon das Krippenkind zeigt uns: Der Gott, an den wir glauben, ist kein Kriegsgott; er kommt nicht mit Gewalt. Er fährt nicht auf mit Panzern und Gewehren. Wehrlos tritt er an unsere Seite, er lebt mitten unter uns. 

Gott ist parteiisch: Er steht er auf der Seite der Opfer; er interveniert für den Frieden ein: Er preist die Armen und Trauernden selig, er teilt seine Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen, er schenkt Notleidenden seine heilende Nähe und Sündern seine vergebende Heilung. Seine Botschaft und sein Wirken brachten ihm Widerstände und Konflikte ein. Doch Jesus blieb seiner Botschaft treu und erfüllte den Willen Gottes. So nimmt er Leiden und Tod auf sich. Seine Auferweckung zeigt uns: Gott findet sich mit dem gewaltsamen Tod seines Sohnes nicht ab. Gottes Leben schaffende Macht ist stärker als die Mächte des Bösen und des Todes. 

Maria, Königin des Friedens

Und Maria? Sie hat Jesus als seine leibliche Mutter auf die Welt gebracht und ihn uns geschenkt. Maria ist eine Frau, die sich einlässt auf Gottes Wort. Sie ist nicht nur Gottes Mutter, sondern Jesu erste Jüngerin. Bereits bei der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel antwortet sie: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Sie kreist nicht um sich selbst, sondern nimmt den Willen Gottes an und lebt ihn. So konnte sie Jesus, den „Fürst des Friedens“ zur Welt bringen. Maria begleitete ihn auf seinem Weg und hörte die Botschaft des Friedens. die ihr Sohn verkündete. 

Auf der Hochzeit zu Kana sieht sie die Not des Brautpaares und setzt sich für sie bei ihrem Sohn ein. Sie macht sich dienend zum Anwalt der Menschen in Not. 

Maria hält unter dem Kreuz ihres Sohnes aus, weil für sie die Liebe stärker ist als der Tod. An Pfingsten betet sie mit den Aposteln um den Geist der Einheit und des Friedens und lässt sich von diesem ganz erfüllen. 

Ihr Leben lang war Maria zutiefst mit Jesus Christus verbunden und ganz auf ihn ausgerichtet: So kann Maria selbst Botin und Brückenbauerin des Friedens sein.

Mach’s wie Maria: Folge einer anderen Logik! 

Momentan wird viel über die richtige Haltung der Kirche im Ukraine-Krieg diskutiert. Eines sollte klar sein: „Der Geist der Gewaltlosigkeit Jesu kann in einer von Gewalt durchdrungenen Welt nicht davor bewahren, in Situationen zu geraten, die zum Schutz und Leben nach Gegengewalt rufen. Keiner hat das Recht, den Gewaltverzicht anderer zu fordern, wenn es um ihr Leben geht.“ (Bischof Kamphaus) Zugleich müssen wir als Christen einer anderen Logik folgen: Nicht der Sieg im Krieg schafft Frieden, nur der Sieg über den Krieg. Militärische Gegenwehr kann davor bewahren, dass ein Land vernichtet wird, sie kann hoffentlich eine Waffenruhe herbeizwingen. Das ist schon viel. Aber einen tragfähigen Frieden wird es auf Dauer nur geben im Verzicht auf Waffen, im Dialog, im gegenseitigen Respekt, im Versöhnen und Verzeihen. Wenn der Krieg so weitergeht, werden alle verlieren. Doch wenn es gelingt, die Waffen zum Schweigen zu bringen, ist viel gewonnen für einen Weg des Friedens. Meine Sorge ist, dass wir in einen großen Krieg, den niemand will, hineinschlittern. Aufrüstung mit Waffen reicht nicht, es braucht Abrüstung durch Diplomatie, auch das Wort Gottes könnte hilfreich sein. Auf den Tag dieser Erkenntnis hoffe ich. Diesen Tag erbete ich.

Hier können wir von Maria etwas abschauen: 

Nur wenn Menschen – wie Maria - sich unter den Willen Gottes stellen, der das Leben will und nicht den Tod, wird Friede sein. 

Nur wenn Menschen – wie Maria – Jesus folgen und der Botschaft glauben, dass liebende Hingabe stärker ist als der Tod, wird Friede wachsen. 

Nur wenn Menschen – wie Maria – um den Geist des Friedens beten und sich ihm öffnen, wird Friede werden. 

Dies gilt für den Weltfrieden, für unser tägliches Miteinander und für den Frieden im eigenen Herzen. 

Deshalb rufen wir: Maria, Königin des Friedens – bitte für uns.