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Predigt zur Christmette 2022 im Hohen Dom zu Augsburg von Bischof Dr. Bertram Meier

Stille Nacht – heilige Nacht: Die „letzte Generation“ rettet 
die Welt nicht!

„Christ, der Retter ist da.“

Das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist das gemütvollste Weihnachtslied, das ich kenne. Heute habe ich es mit den Gefangenen in Gablingen schon einmal gesungen, am Ende der Christmette werden wir es gemeinsam anstimmen: „Stille Nacht, heilige Nacht“. In seiner letzten Strophe mündet es ein in den Freuden-Ruf: „Christ, der Retter ist da.“

„Christ der Retter ist da.“ Das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft. Im göttlichen Kind im Stall von Bethlehem ist der Welt der Retter geboren. In ihm liegt die Rettung der Menschheit. Wie ist das zu verstehen?

Das Wort vom Retten und von der Rettung haben wir in letzter Zeit oft gehört. Rettungspakete wurden geschnürt, Rettungsschirme aufgespannt. Politiker sehen sich als Retter, damit Rechnungen bezahlt werden, Berufsgruppen überleben, Geschäfte und Familienbetriebe vor allem auch in der Gastronomie nicht pleitegehen. Doch Inflation, knappe Energie und hohe Heizungskosten bringen sie an den Rand des Ruins. Ganze Industriezweige warten auf Rettung, damit sie nicht abstürzen und mit ihnen Tausende von Menschen, die für sie arbeiten. Wirklich eine schöne Bescherung, und dann „o du fröhliche Weihnachtszeit“?!

Einiges haben wir schon gelernt aus den Krisen, in denen wir stecken. Der Krieg tobt nicht nur in der Ukraine, es geht auch um Finanzen und Wirtschaft, um Gas und Getreide. Die sichtbar gewordene menschenverachtende Gier nach Geld und Macht bringt uns Menschen nicht bleibendes Glück, nicht erfüllendes Leben, sondern Kollaps, Unheil, ja Tod. In der Ukraine feiern Christen Weihnachten im Dunkeln und bei klirrender Kälte. Und bei uns: Stille Nacht – heilige Nacht!

Gott war im Gehen, hinauskomplimentiert aus den Eigengesetzlichkeiten von Wirtschaft und Geld, von Welt und Gesellschaft. Und da singen wir heute: Gott ist im Kommen. Christ, der Retter ist da! 

Es sind nicht nur die Austrittszahlen, es ist die gesamte Atmosphäre, die uns bedrückt: Bei immer weniger Menschen spielt Gott eine wirkliche Rolle. Gott ist im Gehen. Weihnachten feiern geht auch ohne Gott. Doch wo wir aufhören, Gott die Ehre zu geben, fangen wir bald an, uns selbst groß aufzuspielen. Wenn Gott im Gehen ist, dann sind die Götzen im Kommen. Manche, vor allem jene, die Macht und Geld in Händen halten, meinen, sich selbst retten zu können. Doch die eigene Rettung liegt nicht im schnellen Geld; koste es, was es wolle. Gerade das letzte Jahr, das uns den Krieg vor die Haustür gebracht hat, ist eine Offenbarung: Es zeigt, dass wir auf dem Holzweg sind, wenn wir das Glück und den Sinn des Lebens allein durch das Materielle selbst machen wollen. Gott war im Gehen, heute an Weihnachten ist er wieder im Kommen. Gott ist nicht „out“, er ist voll „in“. Lassen wir ihn herein! An Weihnachten feiern wir seine Gegenwart: Immanuel, Gott mit uns. Christ, der Retter ist da!

Das Lied, das Christus als Retter besingt, heißt „Stille Nacht, heilige Nacht“. Mitten in der Nacht sind wir zusammengekommen. Es ist kein Zufall, dass Jesu Geburtstag Weihnachten heißt und nicht etwa „gesegneter Tag“. Bei Nacht, dazu noch in der dunkelsten Jahreszeit, mitten im Winter, feiern wir Weihnachten. Das ist der Knackpunkt: Das Dunkel verweist auf die Nächte des Lebens, wenn es einfach nicht hell werden will, obwohl man sich nach nichts anderem mehr sehnt als nach Sonne und Licht. Die Natur ist dabei eine Lehrmeisterin für das Leben. Auch im Leben kommen wir an den dunklen Nächten nicht vorbei, wir müssen oft dunkle Zeiten durchstehen, und es bleibt nichts anderes übrig, als auszuhalten und abzuwarten, bis sich am Horizont des Lebens ein Lichtblick auftut. 

Die dunkle Nacht hat viele Gesichter: eine persönliche Krise, die mit einem unvorhergesehenen Ereignis eingebrochen ist, der Tod eines lieben Menschen, eine Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes, … Manchmal kann man den Auslöser gar nicht festmachen, und trotzdem ist Nacht: Eine Lebensphase geht zu Ende, Neues steht an, aber ich weiß nicht, wohin. Die Jahre zwischen 40 und 50 enthalten so ein Krisenpotential, nicht nur bei Frauen im Wechsel, sondern auch Männer kommen in die Jahre und haben ihre Tage. Auf einmal steht man vor der Frage, „ob das alles gewesen ist“; da hat einer schon vieles, vielleicht sogar alles erreicht, und fühlt sich dennoch in einem schwarzen Tunnel, wie in einer dunklen Nacht. Zwischen 70 und 80 sind es andere Fragen, die den Menschen beschäftigen: Fragen nach dem, was endgültig nicht mehr zu ändern ist, maximal noch leicht zu ergänzen, Fragen nach dem, was ich noch übernehmen kann an Verantwortung, schließlich Fragen nach dem Loslassen und danach, was kommt nach dem Tod. 

Es ist kein Zufall, dass die Geburt Jesu in eine der längsten Nächte des Jahres fällt. Diese Nacht ist heute. Doch im wirklichen Leben richtet sie sich nicht nach dem Kalender. Jeder Mensch erlebt seine Nächte zu individuellen Daten und Zeiten. Die dunklen Nächte dauern oft lang: Es sind unübersichtliche Zeiten, mit einigem Schwarz und noch viel mehr Grau. Und gerade in solchen Nächten tut es gut, Lichter anzuzünden: Lichter, die zeigen, dass Christus, das Licht der Welt, mehr Recht hat als die große Dunkelheit.

Christ der Retter ist da! Als der Hilfspriester Joseph Mohr und der Lehrer Franz Xaver Gruber „Stille Nacht – heilige Nacht“ als Notlösung wegen einer defekten Orgel schufen, herrschte große Hungersnot. Doch die beiden haben ihrem Dorf ein Lied geschenkt, das die Leute tröstete. Wenige, einfache, aber zu Herzen gehende Töne haben sich den Weg gebahnt durch die ganze Welt. Das Lied wird heute in dieser Nacht auf allen fünf Kontinenten in 350 Sprachen und Dialekten gesungen. Wie damals Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber ein Licht angezündet haben, so wollen auch wir Lichter füreinander sein: Lichter, das sind

- leuchtende Kinderaugen

- dankbare Blicke für einen kleinen Tipp

- eine liebevolle Umarmung als Dank für das hingehaltene Ohr

- eine Aufmunterung für einen Menschen, der heute statt „Stille Nacht, heilige Nacht“ lieber „Stille Nacht, einsame Nacht“ anstimmen würde.

Der hl. Vinzenz von Paul hat es treffend auf den Punkt gebracht: „Gottes Sohn ist Mensch geworden, nicht nur, damit ER uns rette, sondern dass wir selber Retter würden wie ER, indem wir mitarbeiten am Heil der Menschen.“

Genau darum geht es: dass wir mitarbeiten am Heil der Menschen, dass wir Mitarbeiter werden für den Retter der Welt. Im Blick auf das Kind von Bethlehem erkennen wir: Christ, der Retter ist da. An Weihnachten geht es nicht darum, bestehende Verhältnisse zu retten. Es zählt nicht nur, dass wir aufatmen: „Gott sei Dank: meine Beziehung ist gerettet.“ Nach dem enttäuschenden Klimagipfel in Scharm El Scheich (Ägypten) können wir uns auch nicht auf die Schulter klopfen und sagen: „Die Schöpfung ist gerettet.“ Doch wenn die selbsternannte „letzte Generation“ jetzt ungeduldig und zornig wird, dann frage ich mich: Wer ist „die letzte Generation“? Ob und wann die Spezies Mensch ausstirbt, das liegt nicht in unserer Hand. Bei allem Verständnis für die hohen Ideale derer, die als Klimaaktivisten zu grenzwertigen Schritten neigen, stelle ich klar: Der gute Zweck heiligt nicht alle Mittel. Der Mensch allein wird die Welt nicht retten. Unser christlicher Glaube ist mehr als eine pure Schöpfungsreligion. Nicht der Mensch rettet die Welt, kein Mensch ist der Heiland. Da überheben wir uns gewaltig. Wir brauchen Christus, den Retter und Erlöser, das Haupt der ganzen Schöpfung. Im Stall von Bethlehem geschieht eine Rettung ganz neuer Art. Seit Gott sich in die Krippe gelegt hat, gilt: Die Welt wird nicht gerettet durch kühle Rechner und kaltes Kalkül, durch Klebstoff und gewagte Aktionen, sondern durch Liebe. Lässt sich „die letzte Generation“ von der Liebe leiten? So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn, sein bestes Stück, seinen Schatz in sie hineingegeben hat (vgl. Joh 3,16). 

Das letzte Wort soll ein Mensch haben, dessen plötzlicher Tod 2009 viele bewegte: der „King of Pop“ Michael Jackson, gewiss kein Heiliger, geschweige denn der Heiland. Doch er hat ein Lied gesungen, das in diese Nacht passt. Es ist ein Gebet: Heal of the world, heal the world. Heil der Welt, heile die Welt! Dieser Wunsch hat sich an Weihnachten erfüllt: Christ, der Retter ist da! 

27.12.2022 - Bischöfe , Predigt , Weihnachten