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Predigt des Bischofs Bertram Meier an Silvester 2022 im Dom zu Augsburg

Kirche = Welt: eine Gleichung, die nicht aufgeht

Kirche = Welt: eine Gleichung, die nicht aufgeht 

Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier an Silvester 2022 im Dom zu Augsburg 

Vor gut zehn Jahren (2011) platzte im Konzerthaus in Freiburg eine Bombe. Der Verantwortlich dafür war kein geringerer als der damalige Papst Benedikt XVI., an dem wir heute Abend besonders im Gebet denken. Die versammelten Menschen waren feierlich gestimmt, als der Papst ein Wort ins Spiel brachte, das die Zuhörer überraschte. Viele zuckten zusammen. Manche reagierten schockiert, andere empört. Das Wort ist in der Tat so ungewöhnlich, dass das Korrekturprogramm eines normalen Computers es bis heute als Fehler markiert. Was damals wie eine Bombe einschlug, heißt „Entweltlichung“. 

Es trifft den Kern dessen, was christliche Existenz ausmacht: sowohl die Bewegung Gottes auf die Welt hin, wie wir sie an Weihnachten feiern, als auch die Distanzierung von der Welt, weil die Nachfolge Christi sich nicht so sehr an den Wegweisern der Welt orientieren soll, sondern sich am Gebet Jesu für seine Jünger ausrichtet: „Wir sind zwar in der Welt, aber nicht von der Welt.“ (vgl. Joh 17, 15f) Um es klar zu stellen: Entweltlichung ist nie Flucht aus der Welt. Die Kirche darf sich nicht aus der Weltverantwortung stehlen, sie darf sich nicht drücken vor der Welt. „Die Kirche taucht ein in die Hinwendung des Erlösers zu den Menschen. Sie ist, wo sie wahrhaft sie selber ist, immer in Bewegung, muss sich fortwährend in den Dienst der Sendung stellen, die sie vom Herrn empfangen hat. Und deshalb muss sie sich immer neu den Sorgen der Welt öffnen, zu der sie ja selber gehört, sich ihnen ausliefern, um den heiligen Tausch, der mit der Menschwerdung begonnen hat, weiterzuführen und gegenwärtig zu machen.“ 

Wenige Stunden, bevor wir über die Schwelle von 2022 ins neue Jahr 2023 treten, lade ich Sie ein, mit mir ein paar Gedanken zu teilen, die uns helfen, das alte Jahr zu verabschieden und zugleich das neue anzugehen. Denn die Fragen und Herausforderungen nimmt uns der Jahreswechsel nicht ab. 

Und so nützt es, ein Wort aus einer gewissen Distanz heraus neu zu lesen und besser zu verstehen. Wenn wir von der Entweltlichung der Kirche sprechen, dann ist damit weder eine weltfremde noch eine weltvergessene Kirche gemeint. Im Gegenteil: Unser Ziel muss sein, als Salz und Sauerteig in die Welt hinein zu wirken. Das bedeutet: Die Bereitschaft, sich zu distanzieren, ist Voraussetzung dafür, sich profiliert zu engagieren. Das Wort, das Paulus an die Römer schrieb, ist also aktueller denn je: „Gleicht euch nicht dieser Welt an!“ (Röm 12,2) Martin Luther übersetzt plastisch: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“ Das Gegenteil von Entweltlichung ist Verweltlichung. Wo Kirche und Welt ineinander aufgehen, machen sie sich verzichtbar. Wenn die Welt von der Kirche dominiert wird, besteht die Gefahr des Gottesstaates, der Theokratie. Und diese Gefahr besteht bei uns nicht. Und wenn die Kirche von der Welt verschluckt wird, ist sie stromlinienförmig; auf Dauer macht sie sich überflüssig. Sie hat ausgedient. Kirche = Welt; Welt = Kirche: Diese Gleichung geht nicht auf. Ergebnis: eine Kirche ohne Profil und ohne Kraft. 

Liebe Schwestern, liebe Brüder: Kehren wir zum hohepriesterlichen Gebet Jesu zurück: Die Jünger „sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17,16). Zwei evangelische Theologen geben Schützenhilfe. Da ist zunächst Rudolf Bultmann, der das Gebet so auslegt: „Zum Wesen der Kirche gehört eben dieses: innerhalb der Welt eschatologische, entweltlichte Gemeinde zu sein. Sie darf sich durch den Hass der Welt nicht verführen lassen, ihrem Wesen untreu zu werden; sie darf sich nicht für die Weltgeschichte mit Beschlag belegen lassen.1 

Hinzu gesellt sich der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, der davor warnt, die Kirchen in Westeuropa könnten sich selbst säkularisieren: „Sie haben den Säkularisierungsprozess in einem Prozesse der Selbstsäkularisierung aufgenommen. Die moralischen Forderungen der Religion wurden zum dominierenden Thema; die transmoralischen Gehalte der Religion, die Begegnung mit dem Heiligen, die Erfahrung der Transzendenz traten in den Hintergrund.“ Es sei nötig, einen Gegenakzent zu setzen. Bischof Huber fordert die Kirchen auf, ihre besondere religiöse Kompetenz entschiedener zu artikulieren. Es geht um das „Kerngeschäft“ des Glaubens: „Strukturelle Reformen müssen sich nämlich aus einer erneuerten Auftragsgewissheit ergeben; verselbständigte Strukturdebatten dagegen laufen ins Leere.“2 

Als dritte Gewährsfrau für diese Gedanken präsentiere ich die Schriftstellerin Nora Bossong: Thomas-Mann-Preisträgerin, bekennende Katholikin und – wie sie es nennt – protestantisch sozialisiert.3 Mit 39, weil sie es versäumt hatte, ging sie erst zur Erstkommunion. Auf die Frage, was sie am Ordensleben interessiert, antwortet sie: „Die Entweltlichung. Das ist etwas, was mir als Schriftstellerin durchaus nahegeht, dieser Wunsch nach  Rückzug. (...) Die Welt ist ja nicht immer ein besonders erfreulicher Ort. (...) Entweltlichung wäre darum vielleicht die Möglichkeit, dass im Glauben durch den zeitweiligen Rückzug ins Geistige der Irrsinn aushaltbarer wird, dass man zur Hoffnung zurückfindet.“ Diese abstrakt anmutenden Gedanken werden konkret, wenn Nora Bossong auf die Eucharistie zu sprechen kommt: „Mir gibt die Messe Halt, weil sie alles Alltägliche in Relation setzt. Sie baut eine Distanz zum Hier und Jetzt auf, aus der ich meine weltlichen Angelegenheiten präziser betrachten kann.“ Gegenüber kirchlichen Reformprojekten wie Zölibat, Frauenordination oder Sexualmoral ist die Schriftstellerin eher zurückhaltend. Mit Blick auf die Zukunft der Kirche sei sie „hin- und hergerissen“ und habe dabei – eigener Einschätzung nach – „konservative, aber auch reformerische Anteile“. Klar ist ihr, was sie nicht will: eine Kirche, die „verweltlicht“ ist und sich der Welt gleichmacht: „Die Kirche darf in keinem Fall so werden, wie man es in Berlin- Mitte angemessen fände.“ Soll die Kirche Zukunft haben, wird das nicht funktionieren als religiöser Supermarkt. 

Vielmehr sollten wir ernst nehmen, was die Kirche – vor allem ihr Gottesdienst – sein soll: theatrum sacrum, heiliges Theater. An diesem Gedanken habe ich mich im vergangenen Jahr festgehalten, als mich die innerkirchlichen Debatten mit ihrer verständlichen, aber teilweise auch übersteigerten Emotionalität belastet und genervt haben. Unsere Diskussionen, Streitgespräche und Intrigen haben inzwischen einen Stil angenommen, der vergiftet und selbstzerstörerisch ist. Wie viele Tischtücher sind womöglich schon zerrissen, wieviel Porzellan wurde auch auf der menschlichen Ebene zerschlagen? Mir ist klar, dass unser Umgang mit dem Themenfeld Missbrauch nicht nur Drama oder Tragödie ist; das wäre eine Verharmlosung. Das ist kein Theater, sondern harte Realität, der wir uns ehrlich stellen müssen. Aufklärung, Aufarbeitung und Vorbeugung: Pflichtprogramm kirchlichen Handelns. Aber die Debatten, die sich mittlerweile vom Thema des Missbrauchs hin zum Ringen nach einer zukunftsträchtigen Reform der Kirche verlagert haben, machen mir große Sorge. Denn die Konflikte, die wir derzeit austragen, gehen tief. Sie drohen zu Grabenkämpfen zu werden, die in einen innerkirchlichen Stellungskrieg münden können, der langwierig ist, lähmt und nichts löst: Theater ohne Ende, Streit ohne Maß und Mitte, pauschale Verurteilungen nach Holzschnittmanier. Der Theologe Tomáš Halík bringt es auf den Punkt: In den derzeitigen religiösen Kämpfen sitze der Gegner gar nicht mehr draußen oder in der Nachbarkirche, sondern neben einem in der eigenen Kirchenbank.4 Innerkirchliche Zerfleischung hilft uns aber nicht weiter, liebe Schwestern und Brüder! 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass das theatrum sacrum in ein theatrum absurdum umgekippt ist: vom heiligen Theater ins absurde Theater. Das absurde Theater, das sich seit etwa 1950 herausgebildet hat, gilt als Reaktion auf eine sinnentleerte Welt, die den Menschen zwar in Freiheit lässt, aber auch in Angst und Vereinsamung. Das absurde Theater hält dagegen, dass jeder Mensch sein Schicksal selbst bestimmt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. 

Es gibt keine Normen, die für alle bindend sind: Widersprüche allenthalten, absurd. Auch die Sprache verkümmert und verroht. Kommt uns das nicht bekannt vor? 

Ist es nicht absurd, wenn einerseits die Sakramentalität der Kirche insgesamt sowie der Sinn der sieben Sakramente im Besonderen bezweifelt und andererseits der Zugang zu den Weiheämtern für alle gefordert wird? 

Ist es nicht absurd, wenn ernsthaft behauptet wird, die Kirche müsse zuerst ganz untergehen, ehe man überhaupt daran denken kann, sie geistlich zu erneuern? 

Ist es nicht absurd zu meinen, dass wir alles durchleuchten könnten, was mit Missbrauch zu tun hat, ehe wir uns daranmachen, nach geeigneten Wegen zu suchen, den Menschen das Evangelium glaubwürdig anzubieten? 

Ist es nicht absurd, uns so zu zerstreiten, dass wir uns nicht mehr in die Augen schauen können, und gleichzeitig davon zu träumen, als Minderheit gemeinsam mit einer Stimme in die Gesellschaft hineinzusprechen, „damit die Welt glaube“? 

Ist es nicht absurd, die Vollmacht der Leitung immer mehr aufzusplittern und zugleich, wenn etwas nicht klappt, die Verantwortung auf die Kleriker zu schieben, auf Bischöfe und Priester, die damit zu Zielscheiben und Sündenböcken werden? 

Ist es nicht absurd, uns finanziell und personell weiterhin in Einrichtungen zu engagieren, deren katholische Identität verloren zu gehen droht? 

Wenn ich das alles bedenke, frage ich mich: Wo sind wir gelandet? Wo wollen wir hin auf unserem Weg ins neue Jahr als Kirche in Deutschland? Sind wir in „Absurdistan“? 

 

Veränderung gelingt nur, wenn sie sich paart mit einem Weg der Versöhnung. Für Thomas Söding sind die beiden Vorgänge verklammert in der Umkehr: „Umkehr meint eine Kehrtwende des Lebens: weg von der Fixierung auf die Vergangenheit, hin zur Orientierung an der Zukunft; weg von der Fixierung auf 

das Böse, hin zur Orientierung am Guten; weg von der Fixierung aufs Gehabte, hin zur Orientierung am Verheißenen. (...) Umkehr ist immer eine persönliche Entscheidung und eine persönliche Konsequenz; aber Umkehr ist auch die Bewegung einer ganzen Gemeinschaft, die ihre Sünden loswerden will.“5 

Der Synodale Weg begann mit dem Schock über die schweren Verletzungen, die kirchliche Verantwortungsträger ihnen anvertrauten Menschen zugefügt hatten. Gemeinsam sind wir vor drei Jahren in Frankfurt gestartet mit dem Ziel: Nie wieder! Seitdem gab es auch unter uns Verwerfungen und Verwundungen. Doch synodale Kirche geht nur, wenn wir einander verzeihen, wenn unser Verhalten getragen ist von Wohlwollen und Respekt. Sonst ist es mit unserer Stimmung wie mit der Weihnachtsbeleuchtung: Ich schalte sie ein und schalte sie ab – je nach Bedarf. - Wir sind in einer „synodía“, in einer Reisegesellschaft. Wohin die Reise geht – in Deutschland und in der Welt, das hängt auch davon ab, wie groß unsere Versöhnungsbereitschaft ist. Deshalb habe ich mir fürs neue Jahr das als Vorsatz gefasst, was der Apostel Paulus einst den Korinthern empfahl: „Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott (und untereinander) versöhnen!“ (2 Kor 5,20) – Amen. 

Anmerkungen

1 Das Evangelium nach Johannes (KEK II), Tübingen 1941/1986, 389. 

2 Kirche in der Zeitenwende, Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche, Gütersloh 1998, 9-10, 31, 39.

3 Nora Bossung geb. 1982 in Bremen. Verschiedene Interviews, bes. in Herder-Korrespondenz 7/2019, 16-18 und im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai 2022. 

4 Die Zeit der leeren Kirchen, Freiburg 2021.

5 Umkehr der Kirche. Wegweiser im Neuen Testament, Freiburg 2014, 7f. 

09.01.2023 - Bistum Augsburg , Predigt