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Alt-Landeshauptmann von Südtirol im Interview

Brückenpfeiler zwischen Nord und Süd

Luis Durnwalder war von 1989 bis 2014 Landeshauptmann von Südtirol. Im Exklusiv-Interview spricht der 79-Jährige über seine Heimat, ihre Autonomie und die Brückenfunktion Südtirols.

Herr Alt-Landeshauptmann, wie würden Sie Südtirol beschreiben?

Südtirol ist eine autonome Grenzre­gion in Italien mitten in den Bergen, Almen und Wiesen, aber auch Obst- und Weinanlagen. Es ist ein Land mit Geschichte, in dem mit Deutschen, Ladinern und Italienern drei Volksgruppen zusammenleben. Es ist aber auch ein Bindeglied zwischen Norden und Süden und vor allem zwischen dem deutschen und italienischen Sprach- und Kulturraum.

Wie definieren Sie den emotional besetzten Begriff „Heimat“?

Für mich ist Heimat jener Ort, in dem ich mich in meinen verschiedenen Altersperioden wohl und angenommen fühle und wo ich mich mit der Natur und den Menschen im Einklang finde.

100 Jahre gehört Ihr Heimatland nun zu Italien.

Man muss in jeder Situation das Beste daraus machen. Durch unsere Autonomie können wir eine eigene Wirtschafts-, Kultur- und Sozialpolitik für unser Land gestalten. Dadurch waren wir imstande, aus einer sehr armen Region in den 1960er Jahren ein relativ wohlhabendes Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 43 000 Euro pro Einwohner und einen hohen Lebensstandard zu schaffen. Südtirol ist heute die reichste Region Italien und gehört zu den 20 wohlhabendsten Regionen Europas.

Wie viel Tirol steckt noch in Südtirol?

Obwohl wir schon seit 100 Jahren von Österreich und vom restlichen Tirol abgetrennt sind, werden die „Tiroler Werte“ wie Bodenständigkeit, Heimatverbundenheit, Tradition, Geschichtsbewusstsein, Fleiß, Ehrenamt für uns und unsere Gäste gelebt und gepflegt. So gesehen unterscheidet sich der „südliche Teil Tirols“ auch heute noch kaum von dem bei Österreich verbliebenen Teil Tirols.

Was zeichnet einen typischen Südtiroler Charakter aus?

Der Südtiroler ist fleißig, sparsam und verlässlich und weiß, dass im Leben nie etwas geschenkt wird. Er ist ein froher, lustiger, geselliger, heimatverbundener und dankbarer Familienmensch, der gerne in den verschiedenen ehrenamtlichen Verbänden und Vereinen mitarbeitet. Der Südtiroler ist oft etwas schüchtern, da ja vor allem die ältere Generation viele Jahrzehnte unter dem Faschismus sehr gelitten hat.

Die mögliche doppelte (österreichische) Staatsbürgerschaft für Ihre Landsleute ist wieder in der Schublade der Wiener Außenpolitik verschwunden. Sind Sie verbittert?

Wir haben kein Recht, darauf zu pochen, das uns Österreich die zweite Staatsbürgerschaft gewährt. Nachdem aber Italien den im Ausland lebenden Italienern die italienische Staatsbürgerschaft gewährt hat, wäre es sicher eine schöne Geste, wenn auch Österreich das Gleiche gegenüber den Südtirolern tun würde. Die diesbezügliche Entscheidung liegt aber ganz bei Österreich. Vielleicht kann dieses Problem bei passender Gelegenheit wieder aus der Schublade herausgeholt werden. Vielleicht kommt in der Zwischenzeit sogar die europäische Staatsbürgerschaft.

Welche Meilensteine in der Südtiroler Geschichte sind heute noch von entscheidender Tragweite?

Es gibt viele Ereignisse, die für die Südtiroler Geschichte von größter Bedeutung sind: Abtrennung vom Vaterland Österreich, Assimilierungsversuche während der Zeit des italienischen Faschismus 1922 bis 1938, Option und Nationalsozialismus 1939 bis 1945, Pariser Vertrag und Erstes Autonomiestatut 1946/48, Aufmarsch in Sigmundskron 1957, Sprengungen in den 1960er Jahren, „Paket“ und Zweites Autonomiestatut 1969/72, Streitbeendigungserklärung 1992 und die Gründung der Europaregion Tirol wenige Jahre später.

Silvius Magnago, Ihr Vorgänger als Landeshauptmann, galt als Diplomat. Sie werden als Pragmatiker bezeichnet. Was ist Ihr Nachfolger Arno Kompatscher?

Silvius Magnago hat mit seinen Mitstreitern die Autonomie durch zähe Verhandlungen mit Rom nach Südtirol gebracht. Ich habe diese darin enthaltenen 137 Zuständigkeiten in die Tat umsetzen, sichtbar und spürbar machen können. Kompatscher muss nun diese neue Autonomie weiterentwickeln und an die jeweilige Zeit anpassen.

Was gilt es anzupassen?

Unser Autonomiestatut gewährt dem Land Südtirol eine autonome Gesetzgebung und Verwaltung. Die Umstände und Voraussetzungen werden sich in Zukunft häufig ändern, sodass wir immer wieder neue Anpassungen und zusätzliche Kompetenzen verlangen werden. Daher reden wir heute von einer „dynamischen Autonomie“.

Was erwidern Sie jenen, die meinen, der Proporz bei der Stellenwahl, die einsprachige Schule und die Zweisprachigkeitsprüfung seien „Schnee von gestern“?

Wir sind durch die neue Autonomie keine Mehrheit in Italien geworden. Wir können als Minderheit in diesem Staat nur überleben, wenn wir wachsam bleiben und unsere Rechte im europäischen Sinn verteidigen und ausbauen. Dazu gehören vor allem Schule, Sprache, Wirtschaft, Proporz, Ehrenamt. Wenn wir diese Grundpfeiler unseres Minderheitenschutzes aufgeben, haben wir unsere Waffen gegen die nationalistischen und zentralistischen Kräfte in Italien verloren.

Ihr liebstes Plätzchen in Südtirol…

… ist natürlich mein Heimatort Pfalzen im Pustertal, wo ich die Ehre hatte, als damals jüngster Bürgermeister Südtirols am Aufbau der Gemeinde mitzuarbeiten.

Gibt es ein klassisches Sprichwort in Südtirol, das man auch auf andere Regionen der Welt übertragen kann?

Jeder Mensch besteht aus Kopf, Herz und zwei Händen. Nicht jammern, sondern mit Liebe, Herz und Begeisterung an sich und dem eigenen Land arbeiten.

Wo sehen Sie Südtirol in 100 Jahren?

Das ist sehr schwer vorauszusehen. Es hängt wesentlich von der Entwicklung Europas ab. Ich hoffe aber, dass auch in 100 Jahren Südtirol eine blühende, wohlhabende Grenzregion sein wird, in der man noch die humanistischen Werte lebt, in der verschiedene Volksgruppen in Frieden miteinander leben können und in der Grenzen nicht trennen, sondern verbinden.

Interview: Andreas Raffeiner

09.07.2020 - Deutschland , Italien , Politik