Der Hüter des heiligen Wassers (Mittwoch, 18. März 2020 16:50:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Nablus im Westjordanland

Der Hüter des heiligen Wassers

Das Evangelium des dritten Fastensonntags berichtet, wie Jesus und seine Jünger in eine Stadt in Samarien kamen, „die Sychar hieß“ (Joh 4,5). Der dortige Jakobsbrunnen, an dem Christus mit einer Samariterin ins Gespräch kam, wird noch heute in Ehren gehalten. Ein alter griechisch-orthodoxer Priester kümmert sich aufopferungsvoll um den Ort. 

Für Juden, Christen und Muslime liegt die Bedeutung des Jakobsbrunnens in seiner alten Verbindung zum Patriarchen Jakob, dem Sohn Isaaks und Enkel Abrahams. Nach einer Auseinandersetzung mit seinem Bruder Esau verbrachte Jakob 20 Jahre mit seinem Verwandten Laban. Vor der Stadt Sichem in Kanaan schlug er sein Lager auf. Das Land, auf dem er sein Zelt aufgeschlagen hatte, kaufte er. Er errichtete einen Altar und nannte ihn El-Elohe-Israel (Gen 33,18-20).

Das Lukasevangelium erzählt von einem samaritanischen Dorf, das sich weigert, Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem zu empfangen (Lk 9,51-55). Zwei seiner Jünger wollen gleich Feuer vom Himmel auf das Dorf bringen. Jesus weist sie schroff zurück und lässt sich auf seinem Weg durch Samarien in Richtung Jerusalem nicht abhalten. 

Ein kulturelles Tabu

Da er müde ist, setzt er sich an den Brunnen. Eine Frau, die um die Mittagszeit zum Wasserschöpfen kommt, bittet er um einen Trunk. Verwundert fragt sie ihn, warum ein Jude mit einer Samariterin überhaupt sprechen will. Damit bricht Jesus ein kulturelles Tabu, sowohl im Hinblick auf die Religion als auch auf das Geschlecht. Er bietet der Frau sogar „lebendiges Wasser“ an. 

Das verwirrt die Frau und sie fragt: „Woher kannst du dieses lebendige Wasser bekommen? Bist du größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab und selbst davon trank, wie auch seine Söhne und seine Herden?“ Jesu Antwort ist ein klares Ja: Jakob hat seine Kinder  mit physischem Wasser in einem trockenen Land versorgt. Jesus aber versorgt mit „lebendigem Wasser“ in einem spirituellen Ödland. 

Jesu Botschaft gilt für alle, einschließlich der „Ausgestoßenen“, zu denen die Frau mit ihrer unmoralischen Vergangenheit zählt. Ohne Umschweife gibt sich Jesus ihr als der lebensspendende Messias zu erkennen. Die Frau glaubt an ihn. Sie eilt in ihre Stadt zurück und erzählt den anderen, wie dieser Fremde sie durchschaut hat. Die Menschen kommen zum Brunnen, um sich selbst davon zu überzeugen.

„Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte“, schließt das Evangelium des dritten Fastensonntags. „Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt“ (Joh 4,41-42). Die Tradition der orthodoxen Kirchen bezeichnet jene namenlose Frau als Photina (die Erleuchtete). Sie wird als Heilige verehrt und soll im Jahr 66 unter Kaiser Nero in Rom das Martyrium erlitten haben. 

Schon frühe Pilgerberichte sprechen von der christlichen Verehrung des Jakobsbrunnens. Der Palästinaforscher Edward Robinson besuchte die Stätte Mitte des 19. Jahrhunderts und beschrieb die „Überreste der alten Kirche“, die sich südwestlich über dem Brunnen befand, als eine „formlose Masse von Ruinen, unter denen sich noch Fragmente grauer Granitsäulen befinden“.

Die örtlichen Christen verehren die Stätte jedoch auch ohne Kirche. 1860 wurde das Gelände vom griechisch-orthodoxen Patriarchat gekauft. Die ersten Ausgrabungen begannen 1893 mit dem Ziel, die Kirche wieder aufzubauen. Das Unternehmen wurde durch die kommunistische Oktoberrevolution von 1917 vereitelt: Die russische Finanzierung endete. 

Heute liegt der Jakobsbrunnen in der palästinensischen Stadt Nablus. Wer ihn sucht, findet sich vor einer hochgeschlossenen und mit Graffiti versehenen Mauer wieder. Drückt man auf die Klingel, öffnet sich eine schwere Tür, und der Besucher betritt eine farbenfrohe griechisch-orthodoxe Kirche mit reich verzierten Gemälden und Ikonen, Skulpturen, Glasmalereien und Mosaiken an den Wänden und im Deckengewölbe.

Der weißbärtige Archimandrit, Abuna Ioustinos, ist seit 1980 treibende Kraft hinter all dem. In der Tat hat er fast alles selbst geschaffen. Dank seines Wiederaufbauprojekts steht heute ein 2007 fertiggestelltes Gotteshaus über dem Jakobusbrunnen. Als Basilika ist sie der Zeit der Kreuzfahrer nachempfunden. Der Brunnen befindet sich in der Krypta, einige Meter unter dem Bodenniveau. 

Ein Mauerwerk umgibt seine Öffnung. Darauf steht eine Metallrolle mit einer Seilspule, um das Wasser zu erreichen. Ein Schacht,  der durch den Fels gehauen wurde, führt hinab zur Quelle. Die Tiefe des Brunnens beträgt einer Messung aus dem Jahr 1935 zufolge 41 Meter. Aus einem Metallbecher nehmen die Pilger einen Schluck von dem köstlichen Nass, das ihnen als heilig gilt. Es ist das gleiche, kristallklare Wasser, von dem Jesus und die Samariterin getrunken haben.

Von Deutschen besetzt

Vater Ioustinos ist nicht nur Erbauer der Kirche, sondern auch Wächter des Brunnens. Er wurde 1941 auf der griechischen Insel Ikaria geboren. „Als ich jung war, war mein Zuhause von den Deutschen und den Italienern besetzt. Es gab nicht viele gute Momente, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere“, erzählt er. „Mein Vater war ein angesehener Ingenieur auf unserer Insel.“ Die Familie träumte davon, dass er in seine Fußstapfen treten würde.

Es kam anders: „Ich studierte Gold- und Silberschmiedekunst. Dann entschloss ich mich, Priester zu werden.“ Als seine Familie davon erfuhr, sprach sie sechs Jahre lang nicht mehr mit ihm. „Was sollte ich tun? Ich konnte nur meinem Herzen folgen. Und das schlug für das Heilige Land.“ 1960 kam Ioustinos nach Palästina. „Damals kontrollierte Jordanien noch das Westjordanland.“ 

Nach griechisch-orthodoxer Tradition „schreibt“ der Priester Ikonen: von Jesus und Maria, von Heiligen und Engeln. „Ich kann nicht einfach machen, was ich will“, sagt er. „Michelangelo hat Kunst gemacht. Ich schreibe Ikonen, die einen Dialog zwischen den Menschen auf der Erde und den Bewohnern des Himmels vermitteln sollen. Das ist mein Leben.“ An einer Außenwand der Kirche stellt ein Mosaik ihn selbst dar, daneben ein einfacher Sarkophag, den er für sich als letzte Ruhestätte gebaut hat.

Seit Israel das Westjordanland im Juni 1967 im Sechstagekrieg besetzte, ist der Jakobsbrunnen ein Ort der Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden. Im November 1979 bezeichnete eine radikale zionistische Gruppe den ganzen Komplex als heilige Stätte des Judentums und forderte – vergeblich – die Entfernung aller Ikonen und Kreuze.

Eine Woche später warf Asher Raby, ein psychisch kranker 37-Jähriger aus Tel Aviv, eine Handgranate in die Krypta der Kirche. Sie richtete erheblichen Schaden an. Der damalige Hüter des Brunnens, Archimandrit Philoumenos, floh vor der Explosion und dem Feuer, das die Granate ausgelöst hatte. Raby verfolgte ihn und schlug mehrfach mit einer Axt auf ihn ein, bis er starb. 

„1982 kehrte der Wahnsinnsknabe zurück“, erinnert sich Vater Ioustinos. „Er attackierte eine unserer Nonnen mit einem Beil und verletzte sie schwer.“ Dann habe er das Weite gesucht. „Bald darauf kletterte er mit einer Leiter über unsere Mauer und kam mit Handgranaten und seiner Mordaxt in der Hand auf mich zugerannt. Ich wehrte mich und brach ihm ein Bein. Endlich wurde er verhaftet.“

Nach dem Angriff stand es schlecht um den Jakobsbrunnen. Die Kirche war monatelang geschlossen. Die Schlüssel wurden nach Jerusalem gebracht. „Ich wollte nicht Wächter sein, da ich befürchtete, es könnte mir das Gleiche wie meinem Mitbruder passieren“, sagt Ioustinos. „Eines Nachts sah ich in einem Traum, wie ich die Kirche wieder aufbaute und viele Jahre dort als Wächter diente.“

Also ging er nach Jerusalem, holte die Schlüssel und begann sein Projekt, das er als Auftrag begriff. „Zunächst bat ich bei den jüdischen Behörden um eine Genehmigung zum Wiederaufbau der Basilika.“ Der Antrag wurde abgelehnt. Jahre vergingen. „Als die Palästinenser 1993 die Kontrolle über Nablus übernahmen, erhielt ich vom damaligen Präsidenten der Autonomiebehörde, Yassir Arafat, die lang ersehnte Genehmigung.“

Arafat bot sogar Geld an, damit Ioustinos die Kosten decken konnte. Doch der weigerte sich: „Ich lehnte die Finanzierung ab, um die Unabhängigkeit des Jakobsbrunnens zu bewahren.“ Der Priester wollte auf diese Weise vermeiden, dass der Brunnen noch einmal zum Streitfall zwischen den Weltanschauungen würde. „Weil dieser Ort mit drei Religionen verbunden ist: mit Juden, Christen und Muslimen.“

Während der Zweiten Intifada, dem großen Palästinenseraufstand Mitte der 2000er Jahre, verhängten die Israelis Ausgangssperren und Schließungen – auch in Nablus. „Wir haben sehr stark darunter gelitten“, kritisiert der Archimandrit. „Ich saß in meiner Kirche fest und konnte sie für viele Monate nicht verlassen. So habe ich die meiste Zeit damit verbracht, das Gotteshaus mit Ikonen auszumalen.“

Gleichzeitig betete er zu Gott und erflehte Schutz für die heilige Stätte – offenbar mit Erfolg: „Ein israelischer Panzer schoss auf unser Tor, zerstörte es aber nicht. Man  warf fünf Bomben auf unser Gelände, aber keine von ihnen ging los. Ich bin dankbar, dass wir unter der Aufsicht des Himmlischen Vaters und der Heiligen standen.“

Ioustinos spricht Arabisch

Dass ein griechisch-orthodoxer Priester, der unter Palästinensern lebt, Arabisch spricht, kommt selten vor. Abouna Ioustinos ist einer von ihnen. Er beherrscht die Sprache seiner Umgebung. „Ich habe nie willentlich Arabisch gelernt“, gesteht er. Aber: „Die Leute haben es mir durch meine jahrzehntelange Arbeit in der Region beigebracht.“

2009 wurde Ioustinos’ Vorgänger, der 1979 getötete Philoumenos, von der Heiligen Synode des Patriarchats von Jerusalem als Märtyrer heiliggesprochen. „Als wir seinen Körper exhumierten, war er noch intakt, obwohl er seit fast 30 Jahren tot war“, erinnert sich der Priester.  „Sein Blut, das wir in einem Kelch aufbewahren, verbreitet einen ganz besonderen, angenehmen Duft.“

Für den 79 Jahre alten Ioustinos ist das Bestätigung und Ansporn zugleich. „Ich bin immer noch hier und werde mich auch weiterhin um diesen Brunnen und die Gemeinde kümmern – solange Gott mir die Erlaubnis dazu gewährt.“

Karl-Heinz Fleckenstein

18.03.2020 - Ausland , Glaube , Historisches