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Welttag der Suizidprävention

Die Frage nach dem „Warum?“

Jedes Jahr zählt man in Deutschland etwa 10 000 Selbsttötungen. Damit sterben hierzulande mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen. Weit mehr als 100 000 Menschen pro Jahr erleiden den Verlust eines nahestehenden Menschen durch Selbsttötung. An die Opfer erinnert der Welttag der Suizidprävention am 10. September.

Welcher Zugreisende kennt diese Ansage nicht: „Wegen eines Personenschadens …“ Statistisch gesehen sind November und März die Monate mit den meisten Selbstmorden. Menschen werfen sich vor Züge, Angehörige grübeln monate- oder sogar jahrelang nach dem Warum. Doch da ist auch die andere Seite: die Zugführer. Auch sie werden zu Opfern.

„Wahrscheinlich bin ich anders, weil ich schon mit drei Selbstmorden konfrontiert wurde“, sagt Lokführer Lukas H. „Ich habe mich abgegrenzt, rede nicht wie die Kollegen nur über den Job. Ich mache meine Arbeit, aber sobald sie zu Ende ist, denke ich nicht mehr daran. In mir hat sich etwas gebildet, eine Mauer, die Schock, Schmerz oder Wut nicht mehr zulässt.“

Phänomen Schienensuizid

„Schienensuizid“ nennt sich das Phänomen, das H. gleich dreimal erlebt hat. Alles begann im Jahr 1998. An einem frühen Morgen. Lukas H. hat gerade seinen Dienst im Führerhaus begonnen. Seit 1992 ist er Lokführer, lebt in einer nordbayerischen Kleinstadt und hat innerhalb Deutschlands schon alle Zugtypen gefahren. An diesem Tag lenkt er einen Güterzug.

Kurz vor Heilbronn sieht er etwas Graues, das sich im Gleisbett bewegt. Er kann es nicht zuordnen, gibt den Warnpfiff, bremst ab. Der Zug nähert sich unaufhörlich dem helldunklen Etwas. Lukas H. erkennt einen mittelgroßen Hund. Er pfeift erneut. Das Tier sieht ihn an, bewegt sich nicht. „Das ging mir sehr nahe, aber ich habe es verdrängt“, sagt der Mittsechziger rückblickend. 

Zwei Wochen später wieder die gleiche Tour. „Es geschah nur etwa fünf Kilometer von der Stelle entfernt“, erinnert er sich. „Wieder etwas Graues, das sich im Gleis befand. Natürlich dachte ich an einen Hund.“ Sein Vorgehen ist dasselbe: Bremsen, den Pfiff geben, das Gleis im Auge behalten. „Je näher ich kam, umso größer wurde die Gestalt. Plötzlich wusste ich, dass es kein Hund war. Dann stand der Schatten auf, mit dem Rücken zu mir.“ 

Kurz vor dem Aufprall drehte sich der Selbstmörder um. „Er blickte mich direkt an! Das war schlimm.“ H. sucht nach einer Erklärung. „Das machen sie alle, das ist normal. Auge in Auge.“ Möchte nicht jeder wissen, was einen Moment vor dem Tod passiert? „Sie blicken dich an, als letzte Instinkthandlung.“ Und dann sei da dieses Geräusch gewesen, das er nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Das Geräusch, als der Zug den Körper erfasste.

Kein schlimmer Traum

Beim ersten Suizid glaubte Lukas H. an einen schlimmen Traum. Nach der Bremsung lief er zurück und sah nach. Den Notruf hatte er schon betätigt. „Ich bin nur noch zurück ins Führerhaus und blieb dort sitzen, bis die Rettungskräfte kamen. Ich war allein und dachte nach.“ Eine Stunde dauerte es, bis sich jemand um ihn kümmerte. Dann kam die Ablöse. Er selbst wurde für einige Wochen krankgeschrieben. 

„Damals war die Bahn noch nicht so organisiert wie heute mit den Notfallmanagern.“ Nach dem ersten Selbstmord, dessen Zeuge er wider Willen wurde, konnte Lukas H. nicht mehr abschalten. „Erst der Hund, dann die Person, das war einfach zu viel.“ Monatelang fuhr er mit der Angst, „so etwas könnte wieder passieren“, sagt er. „Manche Kollegen packen es überhaupt nicht mehr.“ 

Mit Schock in die Klinik

Sieben Jahre ging für Lukas H. alles gut. Dann, 2005, der Nächste: Er stand mitten in den Gleisen. „Ich dachte nur, hoffentlich komme ich an ihm vorbei.“ Natürlich war das ein frommer Wunsch. H. kam mit einem Schock ins Krankenhaus. Traumatisiert, sagt er, sei er heute nicht. Die Albträume hörten irgendwann auf. Und wenn da trotzdem mal was war, würde er nicht mit Kollegen drüber reden. Auch eine therapeutische Behandlung hat er nie in Anspruch genommen.

Dann, erneut sieben Jahre später, wieder bei Heilbronn: „Es war wie im Film. Diesmal ein junger Mann, der über eine Brücke lief.“ H. reduzierte die Geschwindigkeit durch Vollbremsung. Da er nun langsamer fuhr, veränderte sich sein Blickwinkel und er musste alles mit ansehen. „Man selbst ist einfach nur starr.“ Dann denkt er an die plötzliche Leere, die er damals fühlte und an den ersten Gedanken, dass es sich um eine Puppe handeln könnte. Und an dieses schreckliche Geräusch. 

Danach wurde der Lokführer selbst in den Krankenwagen gehievt. Er sagt, dass sich seit dem ersten entsetzlichen Erlebnis 1998 viel getan habe. Die Bahn kümmere sich heute durch Experten gezielt um die Betroffenen. 

Lokführer ist Lukas H. noch immer. In wenigen Wochen beginnt sein Ruhestand. Diese Zeit will er noch hinter sich bringen. Aber die Uhr tickt: Denn er weiß, dass wieder mehr als sieben Jahre vergangen sind seit dem letzten Zwischenfall.

Sabine Ludwig

Information

Hilfe bekommen Menschen mit Suizidgedanken zum Beispiel bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de. Ansprechpartner kann auch die Telefonseelsorge sein: 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 (kostenfrei) sowie im Internet unter www.telefonseelsorge.de. Was Angehörige und Freunde tun können, lesen Sie bei der Deutschen Depressionshilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/rat-fuer-angehoerige 

Dokumentation:

Die Deutsche Bahn (DB) äußert sich wie folgt zu Schienensui­ziden: 

Bemessen an den rund 20 000 Lokführern bei der DB und einer jährlichen Rate von etwa 700 Fällen in Deutschland erleben Lokführer statistisch gesehen alle 20 Jahre einen Schienensuizid (in einem 45-jährigen Berufsleben etwa zweimal).

Die DB nimmt ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern, die während ihrer Tätigkeit traumatischen Ereignissen ausgesetzt sein können, sehr ernst. Im Mittelpunkt steht ein umfassendes Betreuungsprogramm zur Vermeidung posttraumatischer Belastungsstörungen. Es entspricht dem Stand der Traumapsychologie und wird konzernweit angewendet.

Die Prävention – die gedankliche Auseinandersetzung mit den Folgen eines möglichen traumatischen Ereignisses – ist sowohl Teil der Ausbildung als auch des Fortbildungsunterrichts. Triebfahrzeugführer und Zugbegleiter werden durch ein Team von Psychologen geschult, wie sie mit belastenden Ereignissen umgehen können.

Betroffene Mitarbeiter werden vor Ort unmittelbar von einem Notfallmanager bzw. durch Personal für die psychologische Erste Hilfe professionell betreut. Lokführer werden bei Personenunfällen ausnahmslos von einem Kollegen abgelöst und nach Hause begleitet. Und bleiben solange außer Dienst, bis die aus dem Ereignis resultierenden Belastungsreaktionen bei ihnen abgeklungen sind. 

Bei den ersten Fahrten nach dem Wiedereintritt in den Dienst hat der Lokführer die Möglichkeit, sich von einem Gruppenführer, einer Vertrauensperson oder einem Psychologen begleiten zu lassen.

10.09.2020 - Beratung , Deutschland , Suizid