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Zum Welttierschutztag

Die Seele dieser Erde

Neben dem Klimawandel ist das Artensterben die größte Bedrohung für das Leben auf der Erde. Experten schätzen, dass in den kommenden Jahrzehnten rund eine Million Arten aussterben werden. Zum Welttierschutztag am 4. Oktober, dem Gedenktag des heiligen Franziskus, des Patrons der Tiere, erläutert der Zoologe und Pfarrer Rainer Hagencord, wie ein ökologischer Kollaps noch verhindert werden kann und welche Rolle die Papst-Enzyklika „Laudato si“ dabei spielt.

Herr Pfarrer Hagencord, Sie sind Theologe und Zoologe und beschäftigen sich seit Jahren mit dem Artensterben. Was passiert da gerade auf unserem Planeten?

Dramatischer geht es nicht. Bereits vor zehn Jahren gab es Prognosen, dass wir im Jahr 2020 wahrscheinlich ein Viertel oder ein Drittel aller Arten, Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen verloren haben. Und genau da stehen wir jetzt. Dramatisch ist die Situation, weil die ganze Welt des Lebendigen bekanntlich miteinander so vernetzt ist, dass mit dem Verlust einzelner Arten ganze Ökosysteme auf unserem schönen Planeten gefährdet sind.

Was bedeutet das für die Menschheit?

Wir Menschen können nur überleben, wenn möglichst viele andere Arten auch leben und sich ausbreiten. Doch es geht nicht nur um uns. Papst Franziskus macht sich für eine Theologie stark, die vom Eigenwert der anderen Kreaturen spricht. Er sagt in seiner Enzyklika „Laudato si“: „Unseretwegen können bereits tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht.“ Der Papst macht deutlich, dass sich in jedem Geschöpf die göttliche Wirklichkeit zeigt. Das heißt: Mit dem Verlust der Arten, mit ihrer Ausrottung, bringen wir Gott zum Schweigen.

Das Aussterben welcher Arten bedrückt Sie besonders?

Wenn ich beispielsweise im schönen Münsterland an den Feldern vorbeifahre und bemerke, hier waren doch im letzten Jahr noch die Goldammer und der Kiebitz, dann geht mir ein Stich ins Herz. Das passiert aber auch, wenn ich mich mit dem Insektensterben beschäftige, den vielen Bienen, Libellen und Schmetterlingsarten, die bereits fehlen. Wenn ich dann noch in der Zeitung lese, welche Arten in den Korallenriffen und Regenwäldern vernichtet werden, wird mir angst und bange. Aber ich bemerke auch Zorn und Traurigkeit. Ich glaube, dass wir uns an einer Stelle befinden, an der das Ganze nicht mehr reversibel ist.

Haben Sie eine Idee, warum viele Menschen das Artensterben achselzuckend hinnehmen?

Das macht mich manchmal fast sprachlos. Wir haben spätestens seit „Fridays for Future“ große Bewegungen, die darauf hinweisen, dass dieses Artensterben unsere Grundlagen zerstört. Zugleich beobachte ich aber auch eine Naturentfremdung. Vielen Menschen fehlt inzwischen die Erfahrung, in der Natur unterwegs zu sein und sich inmitten anderer Geschöpfe zu spüren. Wir erleben aktuell die Auswanderung einer ganzen Generation aus der natürlichen Mitwelt in die virtuelle Welt. Viele Menschen nehmen gar nicht mehr wahr, was alles um sie herum schon fehlt.

Wie ließe sich das ändern?

Durch eine erfahrungsorientierte Bildung. Wir sollten Kindern wieder mehr Naturerfahrungen ermöglichen. Wenn Sie mal mit Kindern auf einer Wiese unterwegs sind, wächst bei vielen auch die Lust und die Leidenschaft, mehr zu erfahren und die Tiere zu schützen. Auf eine Katastrophenpädagogik setze ich dagegen nicht. Aus meinen Lehrveranstaltungen weiß ich, dass Bilder von Schlachthöfen oder gerodeten Regenwäldern eher in eine Passivität oder Abgrenzung führen. Natürlich muss auch politisch einiges passieren. Die industrielle Landwirtschaft ist eine der größten Ursachen für den Artenschwund.

Inwiefern?

Durch einen immer größeren Druck, möglichst viele Lebensmittel für immer weniger Geld zu produzieren, hat die Profitmaximierung in die industrielle Landwirtschaft Einzug gehalten. Den Preis zahlen die nachfolgenden Generationen, die Artenvielfalt, der Boden und das Grundwasser.

Sie haben eben „Laudato si“ angesprochen. Haben Sie den Eindruck, dass die Botschaft dieser Enzyklika angekommen ist?

Ich erlebe in der Kirche Deutschlands fast ein Verschweigen. So findet der groß angekündigte Prozess des Synodalen Wegs statt, ohne auch nur einen Schwenk auf die ökologische Frage zu unternehmen. Dabei ist „Laudato si“ das theologische Lehrbuch zur Krise. Es sollte oberste Priorität haben in einer Kirche, die sich auf den Weg macht, Menschen guten Willens anzusprechen und eine politisch relevante Theologie zu vermitteln. Aber das erlebe ich hier nicht.

Und anderswo?

In Lateinamerika lösen Bischöfe wie Erwin Kräutler mit der Enzyklika unter dem Arm gerade Bewegungen aus. Sie stellen sich auf die Seite der Indigenen und inszenieren Proteste gegen Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Ausgerechnet in den Ländern, die durch unseren Lebensstil und den kapitalistischen Raubbau am Rand einer Katastrophe stehen, macht sich die Kirche auf den Weg, die Agenda der Enzyklika umzusetzen. Bei uns wird sie weiter nahezu verschwiegen. Auch weil die Kirche die Ökosysteme, Tiere, Pflanzen in den letzten Jahrhunderten in ihrer Verkündigung vernachlässigt hat, stehen wir vor einer ökologischen Katastrophe.

Was kann die Kirche in Deutschland tun?

Bildungsarbeit und nochmals Bildungsarbeit. Außerdem besitzt die Kirche etliche Grundstücke und Ländereien. Hier sollte nur nachhaltige Landwirtschaft betrieben werden. Überdies befinden sich viele Kantinen in kirchlicher Trägerschaft. Hier könnte man flächendeckend Verträge mit den Landwirten abschließen, die ökologisch arbeiten – und dafür sorgen, dass nur noch Fleisch, wenn überhaupt, von Erzeugern bezogen wird, die auf eine nachhaltige Tierhaltung umgestellt haben. In den Gemeinden könnten wir eine Lebenskultur entwickeln, die nicht nur die Seele der Einzelnen stark macht, sondern die Seele dieser Erde in den Blick nimmt.

In der Bibel steht „Macht Euch die Erde untertan.“ Wie muss man diese Aussage vor dem Hintergrund des Artensterbens verstehen?

Papst Franziskus hat dazu ein wunderbares Wortspiel in die Welt gesetzt. Es heißt nicht, „macht euch die Erde untertan“, sondern „macht euch der Erde Untertan“. Aus dem Akkusativ hat er einen Dativ gemacht. Der Papst revidiert in seiner Enzyklika eine völlig falsch verstandene Interpretation dieses Herrschaftsauftrags. Er betont, dass wir eben nicht Herrscher über diese Erde sind, sondern Gärtner.

Die Menschen sind also aufgerufen, die Schöpfung bewahren. Was bedeutet es dann theologisch, dass wir dabei sind, sie zu zerstören?

Das ist ein Sakrileg. Der Theologe Jürgen Moltmann hat bereits in den 1990er Jahren geschrieben, dass wir Menschen überall dort, wo wir Lebensräume zerstören und Tiere vernichten, ein Sakrileg begehen. Die Natur ist nicht nur Ressource oder schöne Kulisse, sondern ein Ort der Gotteserfahrung: ein Ort, in dem Gott in jeder Kreatur Fleisch annimmt und in jedem Augenblick in seinem Geist alles verbindet.

Sie haben mal gesagt, der Mensch als Krone der Schöpfung sei ein Missverständnis. Können Sie das erläutern?

Ich kann das an der jetzigen Pandemie festmachen. Corona deckt auf, wie wir mit dem Planeten umgehen. Und schon jetzt ist klar, dass das nächste Virus kommen wird. Es ist nur offen, wann. Die Frage ist zudem, ob das neue Virus noch einmal so gnädig sein wird wie Corona – oder ob es die Menschheit vernichtet. Was mit der Erde ohne uns Menschen passiert, wurde ja bereits beim Lockdown in Ansätzen deutlich: Die Tiere kommen zurück, die Luft wird sauberer. Die Erde braucht uns nicht. Der Begriff der Krone der Schöpfung ist nicht nur missverständlich, sondern findet sich auch biblisch nicht.

Nein?

Nein. Die Genesis kulminiert im Sabbat. Der siebte Tag ist die Krone der Schöpfung. Der Mensch wird mit den Tieren des Feldes am sechsten Tag geschaffen. Die Welt ist folglich nicht für uns da. Unsere Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, diese Welt mit möglichst vielen Geschöpfen zu erhalten.

Was sollten wir Christen tun, damit es nicht zum Äußersten kommt?

Das fängt schon bei der Ernährung an. Ich finde, die vegetarische Lebensform ist jetzt angemessen. Ich lebe seit gut zehn Jahren vegetarisch und stelle fest: Wir können in diesen Breiten wunderbar ohne Fleisch leben. 

60 Prozent der Ernten weltweit gehen in die Erzeugung von Fleisch. Die erhöhte Fleischproduktion macht die Böden und das Klima kaputt. Und es vernichtet die Artenvielfalt.

Und abseits der Ernährung?

Wir sollten unser gesamtes Reiseverhalten überdenken und uns fragen: Muss ich jetzt schon wieder in den Flieger nach Mallorca einsteigen? Außerdem halte ich eine neue Dimension der Spiritua­lität für wesentlich. Ist die Natur ein Ort für mich, in dem ich mich beheimatet fühle? Vermittle ich das auch meinen Kindern? Gehe ich da mit gutem Beispiel voran? Ich bemerke bei mir selbst: Meine Spiritualität verändert sich, wenn ich die Natur als Ort als Gotteserfahrung würdige.

Haben Sie noch Hoffnung für unsere Erde?

Wenn ich Hoffnung von Optimismus abgrenze, dann sage ich Ja. Optimistisch bin ich allerdings nicht. Wissenschaftler sagen, dass wir diese Erde in zehn Jahren nicht wiedererkennen werden. Und ich sehe keine Bereitschaft in der Mehrheitsgesellschaft und in der Politik dafür, einen grundlegend anderen Lebensstil zu etablieren. Die Hoffnung aber lasse ich mir trotzdem nicht nehmen.

Interview: Andreas Kaiser

02.10.2020 - Kirche , Klimawandel , Umwelt