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125. Geburtstag von Carl Orff

Ehefrau Liselotte: Ein Leben in der "Sonne des Genies"

Vor 125 Jahren, am 10. Juli 1895, wurde der Komponist, Theatermann und Musikpädagoge Carl Orff in München geboren. bekannt ist er vor allem durch seine Neukomposition der "Carmina Burana". Der gebürtige Münchner lebte von 1955 bis zu seinem Tod 1982 im Dießener Ortsteil St. Georgen in einer Villa mit Blick auf den Ammersee und die Andechser Klosterkirche, in der er bestattet wurde. 

Das heutige „Orff-Anwesen“ war ihm bis zu seinem Tod Heimat, Arbeitsplatz und Treffpunkt für Orff-Mitarbeiter und Orffianer aus aller Welt. Noch heute steht das Wohnhaus in seiner ursprünglichen Form, verbunden durch eine Loggia mit dem Arbeitshaus, das immer noch so eingerichtet ist, als wäre der Künstler zuhause. Das weltweit einzige Carl-Orff-Museum, das sich im Ortszentrum von Diessen befindet und eine Darstellung der facettenreichen Persönlichkeit Orff ist, zieht jedoch mittelfristig um: In Verbindung mit Orffs Arbeitshaus entsteht ein Neubau, der viel Raum für zeitgenössische museumsdidaktische Arbeit bietet und ein neues Zentrum für Orffs gewaltiges Wirken sein wird.

Erinnerungen an Orff – Begegnung mit Ehefrau Liselotte

Ein runder Geburtstag bietet stets dem Andenken Raum und verbindet mit persönlichen Erlebnissen. In Diessen ist Carl Orff dank seiner vierten Ehefrau Liselotte Orff, geborene Schmitz (1930 bis 2012), noch vielen Ammerseern ein Begriff, und die Künstlerpersönlichkeit noch greifbar.  

So empfinde ich es noch heute in Erinnerung an den fünften Todestag von Orff, als mich meine Redaktion zum Interview zu Liselotte Orff beordert hatte. Die Redaktion hat mich für dieses Gespräch ausgewählt, weil ich Orff mehrmals persönlich begegnet bin und in meiner sozialpädagogischen Phase Lust auf das Orff’sche Schulwerk bekommen hatte. Dennoch – oder gerade deshalb –  war ich inmitten des Lebensumfeldes von Carl Orff befangen und wusste anfangs nicht wirklich, wie ich der liebenswürdigen, aber sehr bestimmten, ja resoluten Frau des großen Komponisten und Theatermanns, des Humanisten und Pädagogen relativ entspannt gegenüber treten konnte, damit ich meine Interview-Ziele erreiche.

Liselotte Orff (1930 bis 2012) schälte bei unserer ersten Begegnung mit Bedacht Äpfel aus ihrem großen Obstgarten, und ordnete die Schnitze sorgsam Reihe für Reihe auf dem Teigbett an. „Meinen Apfelkuchen, den hat der Orff geliebt“, sagte sie. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte, ob es denn sehr schwierig war, das Leben mit dem exzentrischen Künstler zu teilen und nun unter den Augen der musikalisch gebildeten Weltöffentlichkeit das Erbe Orffs zu bewahren und zu verwalten. 

In dem Augenblick wusste ich nicht, was ich falsch gemacht hatte, denn die Augen der im Verhältnis zu mir kleinen Frau, sind dunkel und streng geworden: „Sie haben wohl nicht kapiert, dass ich in der Sonne des Genies leben durfte“, ballerte sie eine Wortsalve über den Tisch. "Im Übrigen lebe ich Tag für Tag für den Nachlass von Orff." – Bis dahin ist mir nur noch aufgefallen, dass sie nie von Carl sprach, sondern immer nur vom Orff. Inzwischen zog ein verführerischer Kuchenduft durch die Küche und Frau Orff, die vierte, bat mich in den Blauen Salon, wo bereits für den 16-Uhr-Tee gedeckt war. 

Liselotte – die Wahrerin der Orff-Schätze

Mit einem Mal trat Liselotte weich auf und nahezu sanft durchseelt. War es die Aura in dem feinen Salon oder die Freude, über ihren Orff zu sprechen. Ich habe es nie rausgekriegt. Und sie berichtete über sich, ihre ersten Begegnungen mit dem 35 Jahre älteren Mann, der mit berühmten Frauen verheiratet war – und sie, als seine ehemalige Sekretärin nun die Wahrerin der Schätze ist, sprich die Nachlassverwalterin seines großen einzigartigen Musikwerks, seines Archivs, seines Lebens bis hin zum Frühwerk für die musikalische Pädagogik, die sie, Liselotte, mit großer Leidenschaft im In- und Ausland an Lehrerinnen und Lehrer weitergab: das Orff’sche Instrumentarium.

Während dessen ruhte ihr Blick immer wieder auf dem Fenster, das den Blick freigab auf das Ammersee-Südufer, das heute als Vogelfreistätte Ammersee-Süd unendlich viele Vogelarten und Kleinlebewesen beheimatet, aber auch Pflanzengemeinschaften vor dem Aussterben schützt. Orff, sinnierte sie laut, hat die Birkenallee geliebt und den Blick nach Andechs. Das war auch Teil seiner Kraftquellen, seiner Spiritualität und seiner von ihm so geförderten bairischen Sprachgewalt, die in seinen Werken immer wieder eine unnachahmliche Faszination ausstrahlt. „Du kannst dir nicht vorstellen“ – ganz automatisch ging sie ins lässige Du über – „wie glücklich wir waren, wenn wir in klaren, nur von Sternen beleuchteten Nächten über die Birkenallee heimwärts nach Diessen gefahren sind.“ 

Vom "Humus der Seele"

Im nächsten Schritt durfte ich Orffs Arbeitszimmer besuchen im Anbau an das Haupthaus. Ein Ort, in dem überbordende Kreativität den Besucher einhüllte in Schriftwerke, Noten, alten Handschriften, Literatur – und wo sich überall Orff’sches Instrumentarium wie eine Perlenkette aufreihte. „Das musikdramatische Schaffen von Orff zu verbreiten ist mir wichtig. Aber sein Schulwerk ist mein Lebensthema.“ Das hat Liselotte im Laufe ihres Witwendaseins in 40 Ländern der Erde verankert, „ … die frühpädagogische Bewegungserziehung nach Orff mit Musik, Wort, Bewegung und Spiel weckt Seelenkräfte“ sagte sie. „Das ist der Humus der Seele, jener Humus, ohne den wir einer seelischen Versteppung entgegen gehen.“

Liselotte Orff und ich sind bis zu ihrer Krankheit und dem schnellen Tod Freundinnen gewesen. Am meisten liebte sie es, wenn wir in der Nähe ihrer Heimat beim Musikanten-Wirtshaus Hirzinger zum bairisch Tanzen gingen. Selbst als sie ein operiertes Knie hatte und ich zu „normler“ Zeit nach Hause an den Ammersee fahren wollte, hat sie am Ende des Tanzbodens noch den besten Tänzer im Saal aufgefordert und die Musi spielte erneut auf und die Lisl tanzte … Heimgefahren sind wir erst am nächsten Morgen.           

Beate Bentele.

Wer mehr wissen möchte, besucht das Carl Orff Museum, Hofmark 3, 86911 Diessen am Ammersee, Tel: 8807.91981

Gegenwärtig entsteht ein neues Museum auf dem Orff’schen Grundstück am Ziegelstadel in Diessen, in Fortsetzung von Carl Orffs Arbeitshaus. Es ist großzügig geplant, um Orffs Leben und Wirken museumsdidaktisch erstklassig darzustellen.

10.07.2020 - Bayern , Deutschland , Musik