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Proteste in Hongkong

Ein Abkommen für Chinas Kirche

Die Gespräche zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik China drehen sich momentan um den Umgang Pekings mit der Demokratie­bewegung in Hongkong. Bis vor kurzem war vor allem die Frage der Anerkennung Taiwans als unabhängiger Staat ein Stolperstein im Dialog zwischen beiden Seiten. Nun hat die Entwicklung in der ehemaligen britischen Kolonie neue Schwierigkeiten in den vatikanisch-chinesischen Beziehungen ausgelöst.

Mit dem Ende des sogenannten vorläufigen Abkommens zwischen der Volksrepublik und dem Heiligen Stuhl müssen diese jetzt offen angesprochen werden. Wenige Wochen, bevor das Rahmenabkommen ausläuft, zeigt man sich in China jedoch zuversichtlich, dass eine weitere Übereinkunft zustandekommen werde. Das zumindest ist die Haltung, die die chinesische Parteizeitung „Global Times“ vor wenigen Wochen publik machte. Dabei betont die Regierung in Peking, es sei der Wille des Vatikans, das vorläufige Abkommen weiterzuführen.

Mehr noch: Der Beitrag geht davon aus, dass die katholische Seite nun auf eine „dauerhafte Abmachung“ dränge. In diesem Sinn wird der stellvertretende Vorsitzende der Chinesischen Bischofskonferenz zitiert, Bischof Zhan Silu von Mindong. Er war einer der sieben Bischöfe, die Papst Franziskus im Herbst 2018 – nach Abschluss des vorläufigen Abkommens – nachträglich anerkannte.

Chinas katholische Christen sind zum einen in der vom Staat kontrollierten „Patriotischen Vereinigung“ organisiert, die in der Vergangenheit Bischöfe ernannte, ohne die Zustimmung aus Rom einzuholen. Daneben existiert die Untergrund­kirche, die von den Behörden verfolgt wird. Dem Vatikan geht es darum, alle Katholiken im Land zu schützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihren Glauben zu leben. Um dies zu erreichen, nehmen der Papst und seine Vermittler das Risiko in Kauf, dass die Haltung des Vatikans von Kritikern in Frage gestellt wird.

Das vorläufige Abkommen wurde im September 2018 für eine Dauer von zwei Jahren geschlossen. Der genaue Inhalt des Vertrags wurde nicht öffentlich bekannt. Der Vatikan teilte damals jedoch mit, es gehe vor allem um die Ernennung von Bischöfen sowie die Regelung von Diözesangrenzen. 

Umstritten ist vor allem die „Befugnis“, die der Heilige Stuhl dem chinesischen Staat gewähre und so das Engagement der Gläubigen der Untergrundkirche gefährde, sagen Kritiker des Abkommens. Im Vatikan selbst überwiegt die Haltung, man habe keine andere Wahl, wenn man den Katholizismus in China nicht existenziell gefährden und den Dialog mit der Führung des Landes nicht vollends aufgeben wolle.

Bedenken werden in Rom seit einigen Monaten aber vor allem angesichts des chinesischen Umgangs mit den Protesten in Hongkong – und damit in Verbindung stehenden Gläubigen – laut. So sorgte vor kurzem die Verhaftung des Hongkonger Multimillionärs und Förderers der Kirche Jimmy Lai für Proteste von Seiten der einheimischen Katholiken. Lai wird eine Zusammenarbeit mit „ausländischen Kräften“ vorgeworfen.

„Ein Land, zwei Systeme?“

Einige von ihnen fürchten, Persönlichkeiten der katholischen Kirche könnten die nächsten Opfer des neuen chinesischen Sicherheitsgesetzes sein. Lais Verhaftung geschah auf Grundlage des neuen Gesetzes zur nationalen Sicherheit, das am 30. Juni in Kraft trat und das bis dahin geltende politische Modell „Ein Land, zwei Systeme“ de facto beendete. Nach diesem Gesetz soll Lai zu lebenslanger Haft verurteilt werden.

Der katholische Medienmogul gehört zu den glühenden Verfechtern der bisher gewohnten Freiheiten kirchlicher Persönlichkeiten in Hongkong. Einige von ihnen kritisierten zuletzt das neue Gesetz öffentlich, zum Beispiel Kardinal Joseph Zen, der emeritierte Bischof von Hongkong. Er gilt nicht nur als hartnäckiger Gegner des Pekinger Regimes, sondern verurteilte auch die vatikanisch-chinesische Vereinbarung mit scharfen Worten. 

Dem Kardinal soll Lai 20 Millio­nen US-Dollar gespendet haben, um damit die Untergrundkirche zu unterstützen. Einem Zeitungsbericht zufolge sind die meisten dieser Mittel zur Stärkung der pro-demokratischen Bewegung in Hongkong verwendet worden. Kardinal Zen erklärte wiederholt, er sei bereit, verhaftet zu werden.

Sein Nachfolger als Bischof von Hongkong, Kardinal John Tong, bezog zum neuen Sicherheitsgesetz nicht explizit Stellung. In der Wochenzeitung der Diözese äußerte er jedoch, er glaube nicht, dass das Gesetz die Religionsfreiheit bedrohe. Zen kommentierte das mit der Vermutung, sein Nachfolger habe diese Erklärung abgegeben, um die chinesischen Behörden zu besänftigen. Die Äußerung gebe nicht Tongs ursprüngliche Position wieder.

Auch das „Schweigen“ von Papst Franziskus in Bezug auf das Vorgehen Pekings in der ehemaligen britischen Kolonie kritisierte Zen wiederholt. Noch ist unklar, welche Haltung der Papst in dem Konflikt einnehmen wird. Sicher ist, dass  jede kritische Position des Vatikans das Risiko in sich birgt, dass der Druck auf die chinesischen Katholiken wächst und ein neues, endgültiges Abkommen in weite Ferne rückt.

Mario Galgano

28.08.2020 - China , Religionsfreiheit , Vatikan