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Gedenktag am 13. Juni

„Geht zu Antonius!“

Hier also war es. Hier wurde einer der weltweit namhaftesten Heiligen geboren. Zehn Stufen haben hinab in die Krypta der Kirche Santo António geführt. Nun endet der Weg in den niedrigen, kalkweißen Gewölben vor einem Gitter. Dahinter öffnet sich ein winziger Raum mit einem Altar. Laut Überlieferung erblickte dort an einem 15. August, dem Tag Mariä Himmelfahrt, ein gewisser Fernando Martins de Bulhões das Licht der Welt. Bekannt geworden ist er als heiliger Antonius, auch Antonius von Padua. Die Portugiesen nennen ihn Santo António. Unterschiedliche Quellen geben sein Geburtsjahr mit 1190, 1191 oder 1195 an.

Die Kirche Santo António liegt nahe dem Dom in Lissabons weit verästelter Altstadt. Bereits am Zugang weist ein Pfeil zur Krypta. Kühl und schummrig geht es unten nicht zu. Die Tiefe ist gut ausgeleuchtet, andächtige Stille eher die Ausnahme. Gedämpft dringt das Glockengebimmel vorbeiratternder Straßenbahnen hinein. Ständig herrscht ein Kommen und Gehen.

Gaben und Gebete 

Je nach Zulauf ist die Luft bleischwer. Gläubige nähern und bekreuzigen sich, legen Blumen oder andere Gaben nieder – das können sogar Olivenölflaschen sein. Einer Sitte entspricht es, Geldstücke durch das Absperrgitter auf den winzigen Altar zu werfen. Im Ideal-fall landen die Münzen zu Füßen einer kleinen Skulptur des Antonius oder daneben vor einer verglasten Nische mit einem Silberreliquiar, das ein Knochenfragment des Heiligen enthält.

Die Bank vor dem Gitter ist eine besondere. Hier ließ sich Papst Johannes Paul II. am 12. Mai 1982 nieder „und betete inständig zum hl. Antonius“, hält eine Tafel auch auf Deutsch in Erinnerung. Diese denkwürdige Szene ist an der Treppe zur Krypta auf einem Bild aus Azulejos festgehalten, den für Portugal typischen Schmuckkacheln.

Der Chronik zufolge entstand die Kirche Santo António über dem Elternhaus des Heiligen, nachdem die Stadtverwaltung das Anwesen erworben hatte. Auf den schlichten Erstbau folgte an der Schwelle zur Neuzeit ein Gotteshaus im verschwenderischen Stil der Manuelinik, ausstaffiert „mit herrlichen Altären und Kunstwerken“, wie eine Schrift zur Kirche verbürgt. 

Am Allerheiligentag 1755 kam es zur Tragödie. Ein Erd- und Seebeben legte Lissabon in Trümmer. Von der Kirche Santo António blieben einzig die Krypta und eine Statue des Heiligen „wie durch ein Wunder“ verschont, heißt es. Der Wiederaufbau von 1767 bis 1787 brachte die heutige Kirche hervor, für die Spenden aus dem ganzen Land flossen. 

Barock ist der dominante Stil der Kirche. Elektrische Kerzen zucken vor einem Gemälde des Antonius. Zettel für Gebetsanliegen sind ausgelegt – sie können ausgefüllt in eine Box gelegt werden. Ein Bildnis des Heiligen, der das gekrönte Jesuskind mit seinem linken Arm umfasst, zieht den Blick im Hochaltar auf sich. Von der Decke des Altarraums hängen zwei silberne Leuchter, vorne an der Seite steht eine Skulptur des Heiligen Herzens Jesu. Mit Miniskulpturen und Kachelbildern von Antonius ist der Souvenirshop der Kirche bestens bestückt: Zu moderaten Preisen nimmt man den Heiligen gern mit nach Hause.

Streng und nüchtern wirkt die Kirchenfassade. Auf dem Vorplatz erhebt sich ein Bronzedenkmal für Antonius, an den sich das Jesuskind schmiegt. Ab hier sind es wenige Schritte zum Museum Santo António, das nach der coronabedingten Schließung wieder geöffnet hat. Exponate und Schautafeln veranschaulichen das Leben des Heiligen, der einer Familie niederen Adels entstammte und bis zum Alter von 20 Jahren in Lissabon lebte. 

Große Enttäuschung

Fernando Martins de Bulhões besuchte die bischöfliche Schule an der Kathedrale, erhielt eine humanistische Bildung und war Chorknabe. Als junger Erwachsener bat er seinen Vater um Erlaubnis, ins Kloster des heiligen Vinzenz einzutreten. Er wollte sein Leben als Ordensmann bei den Augustiner-Chorherrn beginnen. „Für den Vater war das eine große Enttäuschung“, liest man in einer Biografie, „denn er hatte andere Pläne für seinen Sohn. Er verweigerte ihm sogar die Einwilligung, aber umsonst, denn sein Sohn, obwohl gehorsam und feinfühlig, zeigte bei dieser Gelegenheit seinen starken Willen und seine bewundernswerte Ausdauer. Es gelang ihm schließlich, seine Eltern zu überzeugen, dass sie ihn dem göttlichen Ruf folgen ließen.“ 

In der Stadt Coimbra begann er ein theologisches und kirchenrechtliches -Studium und empfing die Priesterweihe. Inspiriert vom Evangelisierungseifer von fünf Franziskanern, die er persönlich traf und die später in Marokko ihr Martyrium erlitten, wechselte Fernando Martins de Bulhões 1220 zu diesem Orden. Im Kloster Santo António dos Olivais nahm er den Namen des Patrons Antonius an. Das Vorhaben einer eigenen Mission in Nord-afrika scheiterte an einer Krankheit. Bei der Rückkehr nach Portugal geriet sein Schiff in einen Sturm und landete in Italien – eine glückliche Vorsehung des Schicksals, denn dort begegnete er Franz von Assisi. 

Antonius wurde Lehrer des Franziskanerordens und Prediger in Ober-italien und Südfrankreich. Bis heute ist er, führt eine Museumstafel nicht frei von Stolz an, „der einzige portugiesische Kirchenlehrer“. Verehrung genießt er überdies als Pa-tron der Armen und der verlorenen Dinge, der Eheleute und Liebenden, der Bäcker und Reisenden.

Etwas überraschend verbreitet eine Infotafel im Museum, dass historische Beschreibungen Antonius als „klein, dunkelhäutig und korpulent“ skizzierten. In Vitrinen sind Heiligenskulpturen ausgestellt: aus Bronze, Rosenholz, Ton, Porzellan. Weniger stilvoll sind zweckentfremdete Werbeaufdrucke von Antonius auf alten Lottoscheinen und Etiketten von Portweinflaschen. 

Auch Legenden kommen im Museum nicht zu kurz. Einmal hörten ihm bei einer Predigt lediglich Fische zu. Bei anderer Gelegenheit erweckte er einen Ermordeten zum Leben, der den Namen des Täters nannte – im Grunde die Idealform der Verbrechensermittlung. Fälschlicherweise war Antonius’ Vater des Tötungsdelikts angeklagt worden.

Als Beschützer verehrt

Nach dem Museumsbesuch führt der Bummel zum benachbarten Dom, wo Antonius getauft wurde. Dort gibt es zwar keine Kapelle für ihn, dafür ein herrliches Buntglasfenster. Im Altstadtviertel Alfama, einem Irrgarten aus Gässchen und Treppen, ist der Heilige auf Kachelbildern zugegen: besonders schön in der Rua de São Miguel über den Hausnummern 70 und 81. Die Bewohner verehren ihn als Beschützer.

Antonius verstarb am 13. Juni 1231 in Arcella, einem Stadtteil von Padua. Sein Todes- ist bis heute Gedenktag, auch in seiner Heimatstadt Lissabon. Dort erstreckt sich das Patronatsfest gewöhnlich über den ganzen Monat Juni. Samt Konzerten, Straßenpartys, Sardinengrillen und der traditionellen Prozession. 

„Das fällt nun leider alles aus“, sagt Miguel Gonzaga von der Fremdenverkehrszentrale. Schuld trägt – wie sollte es anders sein – die Corona-Pandemie. Gleichwohl geht Gonzaga davon aus, dass die Lissabonner, so wie immer, Fassaden und Gassen dekorieren. Unter Gläubigen dürfte der Zuspruch in Corona-Zeiten vielleicht sogar stärker sein als sonst. 

Treffend ist ein Antoniusgebet, in dem es heißt: „Wenn ihr Wunder wollt, / geht zum heiligen Antonius. / Auf seine Fürbitte hin / flieht die Pest, der Irrtum und der Tod. / Der Schwache wird stark, / der Kranke wird gesund.“

Andreas Drouve