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Kirche im Nationalpark Schwarzwald

Gottes Schöpfung näherkommen

Deutschlands zweitjüngster Na­tio­nalpark liegt im Nordschwarzwald. Rund 10 000 Hektar stehen hier seit 2014 unter Schutz. Kirche und Glaube sind mit Wegkreuzen, Kapellen und Kirchen vertreten – und mit „himmlischen“ Wanderwegen.

Die bequeme Bank am Wegesrand kommt gerade recht. Vor dem Auge des Wanderers liegt der Buhlbachsee, der eine unbeschreibliche Ruhe ausstrahlt. Er ist ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit. Man erfreut sich an ein paar sich tummelnden kleinen Entchen und anderen Wasservögeln. Beim Blick in den See sieht man nicht nur die Moorbirken vom gegenüberliegenden Ufer, sondern auch sich selbst wie in einem Spiegel.

Zunächst ist das Bild etwas verzerrt. Je ruhiger man wird, desto klarer sieht man sich selbst im Wasser. Gedanken schießen durch den Kopf: Vielleicht schaut Gott auf mich und sieht mich als sein menschliches Abbild? Die Stille tut gut. Gut tun aber auch meditative Gedanken auf dieser rund sieben Kilometer langen Wandertour, die sich östlich des Schliffkopf-Höhenzugs auf der Gemarkung Baiersbronn befindet. 

„In himmlischer Ruhe“ heißt der Rundkurs, der vom Ökumenischen Netzwerk Kirche im Nationalpark Schwarzwald entwickelt wurde. Zusammengeschlossen haben sich dazu vor sieben Jahren die Erzdiözese Freiburg, die Evangelische Landeskirche in Baden, die Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Wer hier unterwegs ist, darf Abstand vom Alltag gewinnen und Gottes Schöpfung ganz bewusst ein wenig näherkommen. 

Hunger nach Orientierung

„Viele unserer Gäste freuen sich nicht nur an der Natur, sie haben auch Hunger nach Orientierung“, sagt Helga Klär. Die Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit Achertal ist auf Seiten der Erzdiözese Freiburg erste Ansprechpartnerin des Netzwerks, das als Partner des Natio­nalparks die bestehenden Angebote und Veranstaltungen für Besucher mit Interesse an christlichen Inhalten ergänzt. 

Start der Wanderung ist am Parkplatz „Zuflucht“ auf knapp 1000 Metern Höhe. „Ankommen. Zurücklassen, was war. Noch nicht an das Morgen denken. Gott um den richtigen Weg bitten“: Konstantin Schindhelm, evangelischer Diakon und Waldpädagoge, hat den Wanderern Impulse mit auf den Weg gegeben, die man an verschiedenen Eckpunkten auf sich wirken lassen kann. 

Es geht über steinige Pfade durch den Wald, dann auf Kieswegen über eine lichte Fläche. Ein keiner Abstecher zum Aussichtspunkt Rossstein? Es lohnt sich. „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir“ – Psalm 42 als Gebetsimpuls, zu dem bei der Überquerung des Spaltbächle eingeladen wird. 

Auch der Frage nach den Durststrecken im eigenen Leben kann nachgespürt werden. Es läuft gut – auch wegen der leicht abschüssigen Strecke. Der Bach plätschert und gluckert vor sich hin. Jetzt die Wasserflasche anzusetzen und sich einen kräftigen Schluck des kühlen und kristallklaren Wassers zu gönnen – das ist für die Wanderer die richtige Idee.

Ethik der Zurückhaltung

„Das Grundanliegen des Nationalparks, die Prozesse in der Natur zu schützen, deckt sich mit den Grundanliegen unseres biblischen Glaubens“, sind sich Helga Klär und Konstantin Schindhelm einig. Der Natur das Ruder zu überlassen, die „Ethik der Zurückhaltung“ – dieses Konzept werde hier konsequent verfolgt. Anders gesagt: Auf etwa 10 000 Hektar Fläche zwischen Baden-Baden und Freudenstadt wird der Wald seit 2014 sich selbst überlassen und darf ganz bewusst ein wenig wilder werden. 

Vom seltenen Dreizehenspecht bis zum weniger geliebten Borkenkäfer ist hier Platz für alle. Der Wanderfalke, der schnellste Vogel der Welt, ist in Deutschlands zweitjüngstem Nationalpark ebenso zu Hause wie die kleinste Eule Europas, der Sperlingskauz. Bäume, die in bewirtschafteten Wäldern oft nur ein Drittel ihres natürlichen Alters erreichen, dürfen hier mehrere hundert Jahre alt werden. Auf scheinbar totem Holz sprießt oft neues Leben. 

Grandiose Aussichten

Bei der Wanderung bleibt es himmlisch. Und ruhig. Dann ist die Bushaltestelle am Parkplatz Zuflucht und damit der Ausgangpunkt der Tour wieder erreicht. Zeit für eine Mittagspause. Der Wandertag ist aber noch lange nicht zu Ende. Am Nachmittag wartet ein weiterer Weg durch Gottes Schöpfung. Etwas kürzer, etwas weniger anstrengend, aber genauso schön. 

„Dem Himmel nahe“ heißt es auf knapp fünf Kilometern rund um den 1055 Meter hohen Gipfel des Schliffkopfs. Es warten grandiose Aussichten ins Rheintal bis über die Grenze nach Frankreich und im Süden bis zum Kaiserstuhl. Eine letzte ausgiebige Rast dann am höchsten Punkt. Auf dem Querbalken des Gipfelkreuzes steht ein Satz, der dem Wanderer an diesem herrlichen Erlebnistag so richtig aus dem Herzen spricht: „Nur Gott ist über uns.“

Brigitte Geiselhart

22.10.2021 - Deutschland , Natur , Spiritualität