Heiligtum am Titicacasee (Donnerstag, 30. Januar 2020 17:04:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Boliviens Copacabana

Heiligtum am Titicacasee

Jesus ist mein Hirte“ prangt auf dem Heckfenster des Busses, der seine Menschenfracht durchs  Hochland rumpelt. Das Ziel: Copacabana, ein paar Fahrstunden entfernt von der Metropole La Paz. Copacabana? Wer den Namen mit einem Traumstrand Brasiliens und goldbraunen Traumkörpern assoziiert, liegt weit daneben. Das bolivianische Copacabana ist ein Städtchen, das sich klimatisch und geografisch in einer anderen Dimension bewegt. 

Oft ist es eisig kalt, hier auf einer Höhe von 3800 Metern an den Ufern des Titicacasees. Das Wasser schimmert in einer Mischung aus Tief-, Grün-, Ultramarin- und Indigoblau. Doch die Ströme der Ankömmlinge fließen nicht nur aufs Seeufer zu, sondern mitten hinein ins urbane Herz, aus dem sich ein gewaltiger, leuchtheller Komplex erhebt: das Marienheiligtum der Virgen de la Candelaria, Mariä Lichtmess. 

Der Ruf als wichtigstes Wallfahrtsziel des südamerikanischen Landes gründet sich auf ein wundertätiges Madonnenbildnis, das Francisco Tito Yupanqui 1582 aus Agavenholz schnitzte. Der Künstler Yupanqui – und das ist bis heute immens wichtig für die Identifikation im indigen geprägten Bolivien – war selbst ein Indio und sogar ein Abkömmling der Inka. 

Durch die Dominikaner fand er zum christlichen Glauben, zum Blick auf die aus Europa stammende Kunst und zu einem Marienbildnis aus der Dominikanerkirche in Potosí, das er zum Vorbild für seines nahm. Gegenüber dem Hauptzugang ins Heiligtum von Copacabana ist er als übermannsgroßes Bronzebildnis zugegen, erhaben und elegant, gekleidet wie ein Ehrenmann, trägt allerdings Sandalen. Liebevoll hält er die Skulptur Mariens mit dem Kind in der Hand. 

Das Bildwerk im Innern des Sanktuariums erlebte seine Thronerhebung an Mariä Lichtmess 1583 und ist seither nie von dort wegbewegt worden – aus Furcht, dies könne eine große Überflutung des Titicacasees nach sich ziehen. So erzählt es eine Infotafel, die von der Vermischung von Glaube und Aberglaube kündet. Die größten Pilgerzuläufe verzeichnet Copacabana alljährlich zu Mariä Lichtmess am 2. Februar und zu Maria Schnee am 5. August. 

Ein Fest des Glaubens

Auch wer an einem beliebigen Sonntag kommt, erlebt, wie die Bolivianer ihr Alltagsfest des Glaubens feiern. Dann sind zwischen früh morgens und abends zahlreiche Messen angesetzt, bei denen sich die Kirchenbänke bis zum letzten Platz füllen können, Großfamilien mit Kind und Kegel anrücken, Keyboards zum dezibelstarken Einsatz kommen, bei Liedern munter geklatscht und das „Gloria Halleluja“ mit größter Inbrunst geschmettert wird. 

Die Unruhe, die ständig herrscht, gehört dazu und stört hier niemanden. Mal kreischt ein Baby, mal klingelt ein Handy. Während der Messe, selbst während der Predigt, gehen Gläubige nach vorne bis nahe an den Altar und legen Blumengaben nieder. Und doch gibt es Regeln. Schilder mahnen nicht nur überall striktes Fotografierverbot im langgestreckten, farbdurchtränkten Innenraum des Gotteshauses an, sondern warnen bei Zuwiderhandlung vor der Beschlagnahme der Kamera. 

Waren es einstmals die Augustiner, sind es seit Ende des 19. Jahrhunderts die Franziskaner, die sich als Wächter des Sanktuariums verstehen und um die Pilgermessen kümmern. Da vor Ort lediglich fünf leben, bekommen sie gelegentlich Hilfe von ihren Brüdern. So wie von Pfarrer Marcelo Garrón, der bei Bedarf aus La Paz anreist und mit Begeisterung seine Messen hält. 

„Eure Aufgabe für diese Woche ist es, über Gott zu reden“, appelliert der Endvierziger am Ende an die Gläubigen, „redet immer und überall über Gott. Entfernt euch nicht vom Herrn.“ Nach seinen Abschlussworten der Messe bilden sich Menschentrauben vor dem Altar, damit sie Garróns Segnung, begleitet von Weihwasserspritzern aus einem Kupfertopf, so nah wie möglich erlangen.

Später, zwischen zwei Messen, findet Garrón Zeit für ein Gespräch. Die Frage, was das Magische an diesem Platz sei, erstaunt ihn. „Da ist nichts Magisches, auch wenn das manche so sehen mögen“, entgegnet er. „Innerhalb des Glaubens ist das keine Magie. Es ist einfach dieser Glaube, die Jungfrau Maria, die alles anzieht.“ 

Die Menschen kämen, „um zu sich selbst und Frieden in ihren Herzen zu finden, sich zu besinnen, sich zu stärken“. Copacabana gebe den Menschen Hoffnung, lasse sie die Liebe Gottes und der heiligen Jungfrau Maria spüren. An Sonntagen wie diesen bleibt es für Pfarrer Garrón nicht bei den Messen. Bei den Beichten steht er anderweitig im Dauereinsatz. „Das kann vier bis fünf Stunden dauern“, sagt er.

Für Gläubige führt der Weg auch in die Kerzenkapelle, die ein Sträßchen vom Kern des Heiligtumsbereichs trennt. Es ist ein stimmungsvoller Platz. Der Glaube vereint die Menschen wie ein unsichtbares Band. Das Innere gleicht einer Grotte. Gemurmel steigt zu den Gewölben auf, gelegentlich verirrt sich ein Straßenhund hinein. 

Hier hält man an riesigen Kerzenbecken inne oder vor einem Marienbildnis hinter Glas. Die Wände sind mit Gedenktafeln überzogen, aber auch mit Filzschreiberbotschaften. „Heilige Jungfrau, schütze uns vor allem Bösen“, steht zu lesen. Oder: „Danke, Mütterchen, dass wir zu deinen Füßen sein durften, beschütze unsere Familie.“

Segen und Weihwasser

Draußen nimmt die Unruhe aufs Neue zu. Kerzenverkäuferinnen versuchen, lautstark auf sich aufmerksam zu machen und die Konkurrenz auszustechen. Und auf dem Platz vor dem Sanktuarium findet mehrmals pro Jahr eine Fahrzeugsegnung statt. Auch dort sind die Franziskaner mit Segensformeln und Weihwasser gefordert: an den Reihen festlich geschmückter Autos mit geöffneten Motorhauben. 

Und bei Sonderwünschen. „Das Autoinnere und die Autoschlüssel auch“, ist dann zu hören, gefolgt von: „Und noch ein Gruppenfoto bitte, Padre.“ Dann kommt der weltliche Teil, bei dem die Autobesitzer das Vehikel rundum mit Schaumwein bespritzen und Blütenblätter verstreuen.

Der Aufstieg auf den Kalvarienberg, den Cerro Calvario, steht als krönender Abschluss in Copacabana – und fordert die Kräfte so richtig heraus. Im Zeitlupentempo bewegt man sich auf die sauerstoffarme 4000-Meter-Marke zu, vorbei an Kreuzwegstationen und Eukalyptusriesen, über unförmigen Steinbelag. Im Normalfall würde der Aufstieg vielleicht eine Viertelstunde dauern, aber in diesen Höhenlagen gilt es, mindestens das Doppelte zu veranschlagen. 

Ideal ist es, die Ankunft kurz vor Sonnenuntergang einzuplanen. Unterwegs hämmert der Puls, pocht das Blut in den Schläfen, brennt die Luft in den Lungen. Der Körper funktioniert nicht wie gewohnt. Das Endstück ab einem Denkmal für das heilige Herz Jesu steigert noch einmal die Gnadenlosigkeit der Strecke, denn der Weg führt über ex-trem hohe Stufen. 

Lohn der Strapazen sind traumhafte Gipfelblicke auf den Ort, das von Ziegelbauten regelrecht eingekesselte Heiligtum, die mit Dutzenden Booten punktierte Bucht von Copacabana. Hier oben auf dem Berg flackern Kerzen gespenstisch in Felsnischen. Dann versinkt die orangene Kugel über den Weiten des Titicacasees.

Andreas Drouve