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Zum „Tag des Kusses“ am 6. Juli

Lippenkontakte durch die Jahrhunderte

Küsse drücken Liebe, Freundschaft und Zuneigung aus. Tausende Küsse verteilt der Mensch im Laufe seines Lebens, die meisten auf Wangen und Mund. Auf das durchschnittliche Menschenleben hochgerechnet kommen einige Wochen der „Knutscherei“ zusammen, haben Wissenschaftler ermittelt. Das war nicht immer so, zeigt ein Blick in die Geschichte. 

„Gib mir 1000 Küsse, darauf 100, dann 1000 weitere, ein zweites 100, dann in einem fort 1000 weitere und darauf 100“, schrieb der antike römische Dichter Catull einst an seine Geliebte. Mit seinem Gedicht, einem Feuerwerk antiker Sinnesfreude, setzte er dem Kuss, der neben Händedruck und Umarmung beliebtesten Form der Liebesbezeugung, eines der ersten kulturellen Denkmäler. 

„Der Kuss ist genau betrachtet ein metaphorischer Knoten, der zwei Körper und zwei Seelen über die Lippen verbindet“, sagt Marcel Danesi, Professor an der Universität Toronto. Der italienisch-kanadische Sprachwissenschaftler ist einer von vielen, die sich weltweit der Erforschung des Kusses verschrieben haben. Philematologie heißt ihr Fachgebiet, das die sozialen, physiologischen und kulturellen Aspekte des Küssens untersucht. 

Als „das Aufdrücken der Lippen auf irgend einen Gegenstand als Zeichen der Freundschaft, Achtung und Liebe“, definiert Meyers Conversations-Lexikon den Kuss Ende des 19. Jahrhunderts. Für Wikipedia, das Nachschlagewerk der Internet-Ära, ist der Kuss ganz nüchtern „ein oraler Körperkontakt mit einer Person oder einem Gegenstand“, der je nach Intensität bis zu 34 Gesichtsmuskeln bewege sowie Nerven und Stoffwechsel anrege.

Die unterschiedlichsten Formen des Kusses definierte der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer (1791 bis 1872): „Auf die Hände küsst die Achtung, Freundschaft auf die offene Stirn, auf die Wange Wohlgefallen, sel’ge Liebe auf den Mund, aufs geschlossene Aug die Sehnsucht, in die hohle Hand Verlangen, Arm und Nacken die Begierde, überall sonst hin Raserei.“ Moderator Robert Lemke (1913 bis 1989) urteilte frech: „Ein Kuss ist eine Anfrage im ersten Stock, ob das Parterre frei ist.“

Die küssende Berührung der Lippen oder Wangen war den Bewohnern Afrikas, Amerikas, Ozeaniens und Australiens jahrhundertelang ebenso unbekannt wie vielen Asia­ten noch heute. Hindus etwa ist der Lippenkuss zumindest in der Öffentlichkeit streng untersagt. In China, Japan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Malaysia oder Indonesien gehört das Küssen in den Intimbereich. Hier landet, wer sich öffentlich küsst, unter Umständen im Gefängnis. 

Sonntags Kussverbot

In manchem US-Bundesstaat ist die Kusszeit reglementiert: in Iowa auf maximal fünf Minuten, in Maryland gar nur auf Sekunden. In Connecticut und Michigan herrscht sonntags ein generelles Kussverbot. In Wisconsin sind Küsse in Eisenbahnzügen verboten, in Florida Küsse auf die weibliche Brust. Filme mit küssenden Paaren stehen noch immer auf dem Index einiger Staaten. 

In der Bibel sind Küsse selten erwähnt. Der erste findet sich im Alten Testament zwischen zwei Männern: zwischen Isaak und seinem Sohn Jakob (Gen 27,26–27). Der zweite biblische Kuss, als sich Josef über seinen toten Vater Jakob wirft (Gen 50,1), markiert die Liebe der Kinder zu ihren Eltern und den Abschied von einem Toten – ein Brauch, der im frühen Christentum noch verbreitet war, als man glaubte, so die Seele des Verstorbenen aufnehmen zu können. 578 stellte die Synode von Auxerre dies unter Strafe.

Auch familiäre Wiedersehensfreude – etwa bei den Treffen zwischen Moses und seinem älteren Bruder Aaron (Ex 4,27) oder mit Schwiegervater Jitro (Ex 18,7) – zeigt sich in der Bibel im Kuss. Innigste Freundschaft markieren die Küsse zwischen dem Hirtenjungen David und Königssohn Jonathan
(1 Sam 20,41–42). 

Im Neuen Testament erzählt Evangelist Lukas von einer Frau, die Jesus weinend die Füße küsst (Lk 7,38) und von der mit einem Kuss besiegelten Aussöhnung zwischen einem Vater und seinem Sohn (Lk 15,20). Am bekanntesten aber wurde der Kuss, mit dem der Apostel Judas Jesus verriet und so den Weg für Christi Kreuzestod freimachte. Seitdem steht der Judaskuss für geheuchelte Freundschaft.

In der Kirche war es lange Zeit üblich, den bischöflichen Ring zu küssen, wenn man seinem Oberhirten begegnete. Orale Verehrung fanden auch Reliquien, die es in fast jedem Gotteshaus gab. Hand- und Fußküsse bestimmten lange das Zeremoniell bei Hofe. Und Papst Johannes Paul II. küsste bei seinen Reisen in jedem Land, das er betrat, erst einmal den Boden.

Einige Forscher glauben, Küssen sei ein rein kultureller Ausdruck, der sich in höheren Gesellschaftsschichten etabliert habe und zur Markierung des Status diente. Die Art des Kusses – sei es auf Fuß, Knie, Hand, Rücken, Wange oder Mund – habe schon immer soziale Standesunterschiede verraten und Hierar­chien verdeutlicht. In Persien­
und Ägypten etwa würdigte man Höhergestellte, indem man ihre Fü­ße küsste. 

Der Handkuss, noch heute bei gesellschaftlichen Ereignissen wie dem Wiener Opernball öffentlich praktiziert, entsprang im Mittelalter dem Küssen des Siegelrings der Adligen und Geistlichen. Im 17. und 18. Jahrhundert galt es schließlich als besondere Gunst, die Hand des Herrschers gereicht zu bekommen, welche selbstverständlich nicht wie heute geschüttelt, sondern geküsst wurde.

Nur der Mundkuss, wie er unter Priestern und frühen Christen üblich war, zeugte von einer Gleichrangigkeit der Partner. So war der „osculum pacis“, der Friedenskuss, zentrales Ritual frühchristlicher Agapefeiern – getreu den Worten des Apostels Paulus, der in seinen Briefen an die Thessalonicher oder die Korinther den Kuss zum Zeichen der Einheit immer wieder angemahnt hatte. In den orthodoxen Ostkirchen ist dieser Friedenskuss bis heute üblich. In der katholischen Kirche wurde er im Laufe der Zeit auf Kleriker beschränkt. 

Im Mittelalter wurde der Lippenkuss, wie ihn der Hofkaplan des französischen Königs Philipp II.,
Andreas Capellanus, Ende des zwölften Jahrhunderts in seinem Liebesratgeber „De amore“ beschrieb, zunächst in Adelskreisen zum Zeichen tiefer menschlicher Zuneigung. Für ihn war die reine Liebe „der Kuss und die Umarmung und ein maßvoller Kontakt mit der nackten geliebten Person“.

Symbol der Befreiung

Wie weit verbreitet öffentliche Küsse am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit waren, beobachtete 1499 Erasmus von Rotterdam (1466 bis 1536). „Wenn du einmal gespürt hast, wie süß und duftend diese Küsse sind“, schrieb er nach einer seiner Reisen durch Europa, „wünschst du dir, das ganze Jahr ein Reisender zu sein.“ Spätestens mit William Shake­speares „Romeo und Julia“ wurden Küsse zum Symbol der Befreiung aus gesellschaftlichen Fesseln. 

Maler wie Tizian (1488/90 bis 1576) oder Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) hielten das neue Lebensgefühl auf Leinwand fest. Vincenzo Bellini und Giuseppe Verdi fassten die romantische Liebe in Noten, schufen mit „Norma“ (1831) und „Il Trovatore“ (1853) populäre Werke, in denen sich die Lippen der Liebenden vereinten. 

Den endgültigen Siegeszug oraler Kontakte brachte der Film. Schon der erste Streifen aus den Studios von Thomas Alva Edison zeigte 1896 ein küssendes Paar in Nahaufnahme. „The Kiss“ hieß das nur 30 Sekunden lange Werk. Auch wenn die beiden Profi-Schauspieler damals schon im Rentenalter waren, gefiel ihr Treiben dem Publikum. Ein Kritiker meinte dagegen, dass das „Spektakel, wie sie sich lang und breit gegenseitig die Lippen abgrasen“, kaum auszuhalten sei.

Auch einer der ersten Tonfilme, 1926 unter dem Titel „Don Juan“ gedreht, war ganz dem Kuss gewidmet. 127 Küsse gab es zu sehen, so dass die deutschen Behörden den US-Streifen nach kurzer Laufzeit wegen „Gefährdung der sittlichen und geistlichen Entwicklung und Überreizung der Phantasie der Jugendlichen“ verboten. 1930 kam es zum ersten gleichgeschlechtlichen Kuss im Kino, als Marlene Dietrich in „Herzen in Flammen“ eine andere Frau küsste. 1935 verboten die Nazis den Film.

In Amerika hatten die Zensoren schon ein Jahr vorher „exzessives und lustvolles Küssen, lustvolle Umarmungen“ und andere Berührungspraktiken von der Leinwand verbannt sowie Kinoküsse auf wenige Sekunden beschränkt. Trotzdem gelang einem Filmkuss 1939 weltweite Beachtung: In der fast vierstündigen Hollywoodschnulze „Vom Winde verweht“ zeigten sich Clark Gable und Vivian Leigh als Traumpaar.

Auf den ersten großen Zungenkuss der Leinwandgeschichte musste die Welt bis 1962 warten: „Fieber im Blut“ vereinte Natalie Wood und Warren Beatty, der so sein Kino­debüt feierte. Der sexuellen Revolution der Hippie-Ära entsprang 1963 der Experimentalfilm „Kiss“, ein in Schwarzweiß gedrehter Stummfilm von Andy Warhol, der ausschließlich Paare beim Küssen zeigte.  

Musikalisch brachte Elvis Presleys Hit „Kiss Me Quick“ die Lust am Küssen zum Ausdruck. Lange Zeit dominierte das Lied Europas Hitparaden. „Küss mich schnell“, sang der „King of Rock ’n’ Roll“ 1961. „Halte mich fest und lass mich nie gehen, denn morgen kann so unsicher sein. Liebe kann fliegen und verletzen. Küss mich schnell, weil ich dich liebe.“ 

Romantischer war da 1962 der New Yorker Brian Hyland. Er beklagt in „Sealed with a Kiss“ (Versiegelt mit einem Kuss) die Trennung von seiner Liebsten und malt sich die bevorstehende Tristesse aus, die einen Sommer lang dauern und erst im September enden wird. Er verspricht, ihr seine Liebe täglich in Form eines Briefes zu übermitteln, versiegelt mit einem Kuss. Dies zeigt: Ein Kuss kann auch und gerade ein Zeichen andauernder, beständiger Liebe sein. 

Günter Schenk

06.07.2019 - Historisches , Magazin