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Wie es ist, mit einem todkranken Kind zu leben

Mama, wann holt Jesus mich ab?

Mit einem Lächeln auf den Lippen und ein wenig aufgeregt sitzt Ingrid Krist auf ihrem Sofa. Sie schaut zuversichtlich in die Zukunft und strahlt Lebensfreude aus. Und doch liegt in ihrem Blick auch Traurigkeit und Schwermut. Neun Jahre ist es her, dass sie ihre Tochter verloren hat – nein, dass sie sie „gehen lassen musste“, wie Krist selbst sagt. Denn verloren hat sie sie nicht. Jeden Tag ist Katharina in den Gedanken ihrer Eltern.

„Viele denken, dass die Zeit, als Katharina immer schwächer wurde und wir sie schließlich gehen lassen mussten, die schwerste Zeit in unserem Leben war“, erzählt die Augsburgerin. Doch dabei sei die Zeit danach – auch jetzt noch – viel schwerer gewesen. Plötzlich war der Lebensmittelpunkt verschwunden und das Haus wirkte leer. Ingrid Krist und ihr Ehemann Thomas mussten wieder ganz neu nach einem Sinn im Leben suchen.

Kraft gibt Ingrid Krist der Glaube. „Ich habe gemerkt: Gott hat irgendetwas mit mir vor.“ Zweifel, ob Gott existiert, habe sie in der ganzen Zeit nie gehabt. „Und ob es Gott gibt. Nur so macht das Ganze Sinn“, ist die 46-Jährige überzeugt. Jeder bekomme im Leben ein Kreuz zu tragen, jeder müsse ein gewisses Schicksal durchstehen, um Jesus nachzufolgen. Ihres sei es, ihre Tochter in ihrer Krankheit zu begleiten und mitzuerleben, wie Gott sie schon mit knapp sechs Jahren zu sich geholt hat – und jetzt so sinnvoll wie möglich weiterzuleben.

Ihren Glauben haben die Krists auch an ihre Tochter weitergegeben. Als Katharina schwächer wurde, hat sie ihre Eltern mehrmals nach dem Himmel gefragt. Wenn Ingrid Krist daran zurückdenkt, merkt man, dass es ihr nach wie vor sehr nahegeht. Und doch machten diese Gespräche die Mutter froh: „Ich finde es so toll, wie sie selber eine Beziehung zu Jesus aufgebaut hat.“ Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sich Ka­tharina wenige Tage vor ihrem Tod wünschte, von Jesus abgeholt und in den Himmel gebracht zu werden.  

Katharina ist im Januar 2004 in Augsburg auf die Welt gekommen. Schon wenige Wochen nach der Geburt wiesen die ersten Anzeichen auf einen Gendefekt hin. Erst im Laufe der Jahre, nach vielen Krankenhausaufenthalten und Untersuchungen, wurde das ganze Ausmaß ersichtlich – auch wenn die genaue Krankheit nie wirklich diagnostiziert werden konnte. Wohl aufgrund einer genetischen Stoffwechselerkrankung versteifte sich Katharinas Bindegewebe. Nicht nur die Haut, sondern auch die Organe wurden immer fester. Die starke Beeinträchtigung der Herz-Lungen-Leistung und die ex­trem verlangsamte Verdauung führten schließlich zum Tod. 

Neue Lebensaufgabe

Mutter Ingrid stand die ganze Zeit über an Katharinas Seite. Ohne die Unterstützung durch Ehemann Thomas und die Helfer des Bunten Kreises hätte sie dies wohl nicht durchgestanden. Aufgrund der vielen Klinikaufenthalte und Untersuchungen hat sich die gelernte Industriekauffrau ein Expertenwissen angeeignet. Ein Jahr nach Katharinas Tod fing sie an, dieses Wissen neu einzusetzen: Sie begann eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. 

Krist weiß, wie sich eine Mutter fühlt, deren Kind krank ist, die hilflos mitansehen muss, wie es leidet, die darauf wartet, eine Diagnose zu erhalten. Sie kann sich gut auf die Bedürfnisse der kranken Kinder und ihrer Eltern einstellen. Und doch ist die Aufgabe nicht immer ganz leicht: „Vor allem, wenn die Fälle dem von Katharina ähneln, berühren sie mich sehr.“

Nach Katharinas Tod war Ingrid auf Kur im Allgäu. Dort kam im Gespräch mit einem anderen Kurgast erstmals die Idee auf, die Erlebnisse mit Katharina in einem Buch zu verarbeiten. Es folgten intensive Wochen der Recherche. Jeder Arztbericht, alle Klinikakten und Notizen wurden durchforstet, zusammengefasst und zum Buch „Gott gibt die Nüsse, aber er macht sie nicht auf“ verarbeitet – mit vielen Fotos von Katharina und persönlichen Anmerkungen der Autorin. 

„Ich hoffe, dass ich weitergeben kann, dass so ein Schicksal, wenn man es annimmt, das Leben bereichern kann“, erklärt Krist die Idee hinter dem Buch. Ihre Erfahrungen sollen anderen, die Familien in ähnlichen Situationen begleiten, helfen zu verstehen, wie sich die Eltern fühlen und wie man sie unterstützen kann: als Pfleger, Hospizbegleiter oder einfach als Familienangehörige und Freunde.

Unverständlich ist für die Krists, dass Eltern ihre Kinder abtreiben, wenn die Gefahr einer Behinderung  besteht. „Katharina hatte ein erfülltes Leben. Und sie hat mir so viel dagelassen, mir ein so viel tieferes Leben gezeigt“, sagt Ingrid Krist. Anfangs war sie neidisch auf „gesunde“ Familien, aber nach und nach reifte in ihr die Erkenntnis: „Ich würde meine Tochter nie eintauschen wollen.“

Romana Kröling

Buchinformation

GOTT GIBT DIE NÜSSE, ABER ER MACHT SIE NICHT AUF

Ingrid Krist

ISBN: 978-3-95551-099-2

Preis: 23 Euro (davon zwei Euro Spende für den Bunten Kreis)

11.06.2018 - Bistum Augsburg , Gesundheit , Pflege