Wenn die Armee Klöster stürmt (Freitag, 28. Juni 2019 08:50:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Eritreas Christen im Visier des Regimes

Wenn die Armee Klöster stürmt

Beten verboten? Ja – mit wenigen Ausnahmen. In Eri­trea herrscht offiziell zwar Religionsfreiheit, allerdings nur solange man sich an die strengen Spielregeln des Regimes hält. Das hat zu heftigem Streit zwischen der katholischen Kirche und der Regierung geführt. 

Besucher, die in Eritreas Hauptstadt Asmara landen, staunen vor allem über die Bauten im Stil des Art déco, die die italienischen Kolonialherren am Horn von Afrika hinterließen. Asmara ist eine architektonische Zeitkapsel. Hinter den pompösen Kolonialfassaden herrscht jedoch eine andere Realität. 

Wer es wagt, die Führung zu kritisieren oder die Frage nach politischem Wandel in den Raum stellt, wird mundtot gemacht. Folter, außergerichtliche Hinrichtungen und unbefristete Zwangsarbeit sollen zu den Machtmitteln von Präsident Isayas Afewerki gehören. Er regiert das Land seit Erlangung der Unabhängigkeit 1993 autokratisch. 

Kürzlich sorgte das Regime für Schlagzeilen mit seiner Ankündigung, 22 Krankenhäuser im Besitz der katholischen Kirche zu beschlagnahmen. Weil sich die Verantwortlichen geweigert hätten, die Übergabeurkunde zu unterzeichnen, entsandte die Regierung die Armee, um die Kliniken zu räumen. Ärzte und Patienten wurden nach Hause geschickt. Die Einrichtungen bleiben vorübergehend geschlossen. 

„Unvernünftig“ und „unangebracht“ nannten Eritreas Bischöfe den Vorstoß – zumal ihre Kliniken in ländlichen Regionen die einzige Versorgung für Schwangere, Kinder und Verletzte bieten. „Die Regierung hat das Recht, unsere Dienste abzulehnen. Aber die Einrichtungen an sich zu reißen, ist einfach falsch“, kritisiert Erzbischof Menghesteab Tesfamariam. In einem Rechtsstaat wäre dies unmöglich, sagen die Bischöfe. Pikantes Detail der geplanten Verstaatlichung: Einige der Kliniken befinden sich in Klöstern. 

Unklar bleibt, welches Ziel die Regierung mit der Beschlagnahmung verfolgt. Beobachter vermuten jedoch die jüngste politische Mitsprache der katholischen Bischöfe als Beweggrund. Im April hatten die Kirchenführer in einem Hirtenbrief unter anderem zur Gründung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission aufgerufen. Bei der Bildung einer Nation dürfe niemand „ignoriert, an den Rand gedrängt oder ausgelassen werden“.

Es war nicht das erste Mal, dass Geistliche das Regime in Asmara kritisierten. Im vergangenen Oktober beschrieb der eritreische Pfarrer Mussie Zerai, der für seine Arbeit mit Mittelmeer-Migranten bekannt wurde, in einem offenen Brief das Leben in einer „Diktatur, die alle Arten von Freiheit unterdrückt“: die Justiz niedergehalten, das Volk militarisiert und zu Sklaven gemacht. 

Mit diesem vernichtenden Urteil ist der Pfarrer nicht allein. Neben Aktivisten prangern auch die Vereinten Nationen die Unterdrückung von Medien und Opposition an. Regelmäßig entlädt das Regime seinen Zorn auch auf Religionsgruppen. Nur etwa vier Prozent der 4,5 Millionen Einwohner Eritreas sind Katholiken. Doch immerhin zählt die Minderheit zu den vier offiziell anerkannten Religionen – neben der Eritreisch-orthodoxen und Evangelisch-lutherischen Kirche sowie dem sunnitischen Islam. 

Was es heißt, vom Staat nicht anerkannt zu werden, mussten Christen einer Freikirche feststellen: Im Mai stürmten Sicherheitskräfte die Gottesdienste der der Pfingstbewegung angehörenden Gemeinde und nahmen mehr als 170 Gläubige fest. Mitte Juni sollen laut den Vereinten Nationen auch fünf orthodoxe Priester festgenommen worden sein. Angeblich hatten sie die staatliche Intervention in Kirchenangelegenheiten angeprangert. 

Agenten des Westens?

Für die Organisation „Open Doors“, die sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt, war das keine Überraschung. Sie beobachtet schon länger mit Sorge Afewerkis strenge Durchsetzung von Religions­gesetzen: „Die Regierung hat Christen verhaftet, angegriffen und getötet, weil sie sie als ‚Agenten des Westens‘ und damit als eine Bedrohung für den Staat und die Regierung ansieht.“

Eritrea ist im Aufbruch. Voriges Jahr öffnete das Regime die Grenzen und schloss in einem historischen Abkommen Frieden mit dem früheren Erzfeind, dem Nachbarland Äthiopien. Im November fielen die UN-Sanktionen. Während die diplomatischen Beziehungen auftauen, hat sich aber offenbar an der Menschenrechtssituation in dem Wüstenstaat wenig geändert. 

Vergangene Woche kritisierte die UN-Sonderbotschafterin für Menschenrechte in Eritrea, Daniela Kravetz, die Verfolgung von religiösen Gruppen. „Diese Aktionen zeigen, dass die Menschenrechtssitua­tion in Eritrea unverändert ist – trotz einer Besserung des regionalen Klimas in punc­to Frieden und Sicherheit“, sagte die UN-Expertin. 

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ (HRW) wurden selbst 2018, im Jahr des vermeintlichen politischen Frühlings in Eritrea, zahlreiche Regimegegner verhaftet – unter ihnen Angehörige von nicht offiziell anerkannten Konfessionen. „Der Preis für ihre Entlassung besteht üblicherweise darin, ihrer Religion abzuschwören“, heißt es von HRW.

Markus Schönherr