Wo die Kirchen wehrhaft sind (Mittwoch, 05. Juni 2019 09:21:00) / Im Blickpunkt / Katholische Sonntagszeitung

Sehenswertes Siebenbürgen

Wo die Kirchen wehrhaft sind

Der Besuch von Papst Franziskus in Rumänien hat ein Land ins Bewusstsein gerückt, bei dem viele Menschen an Korruption, Diktatur oder den Grafen Dracula denken. Dabei hat das Land, das seit 2007 zur EU gehört, neben einer spannenden Vergangenheit eine Vielzahl landschaftlicher und kultureller Reize zu bieten. 

Gerade der nördliche Teil des romanischsprachigen Landes, Transsilvanien, kann beeindrucken: mit dunklen Wäldern, sehenswerten Kirchenburgen und den bis zu 2400 Meter hohen Karpaten. In der weitgehend ungestörten Natur leben Bären, Wölfe und Luchse. 40 Prozent der in Europa ansässigen Bären sollen in Rumänien zu Hause sein.

Transsilvanien (zu Deutsch: Siebenbürgen) bildet das geografische Herz des 20 Millionen Einwohner zählenden Landes. Von den ehemals rund 800 000 Deutschen sind nach Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg, kommunistischer Unterdrückung und Auswanderung nach 1989 keine 40 000 geblieben. Doch überall finden sich ihre Spuren. Einige der alten Städte, wo teils aufwändig restaurierte Fassaden an einladenden Plätzen glänzen, sind als Weltkultur­erbe ausgezeichnet.

Viele Nationen vereint

Nach wie vor vereint Rumänien viele Nationen unter seinem Dach. Ebenso bunt ist die Palette der Religionen. Die größte unter ihnen ist die Orthodoxe Kirche mit ihren schmucken Gotteshäusern, gefolgt von Katholiken und Protestanten. Muslime werden nur rund 65 000 gezählt. Katholische Gläubige gibt es etwa zehn Mal so viele.

Dass es im heutigen Staatsgebiet von Rumänien nicht immer friedlich zuging, beweisen die meist gut erhaltenen Kirchenburgen, die vor Jahrhunderten als wehrhafte Befestigungen gegen mancherlei Invasoren errichtet wurden – hauptsächlich, um der weitverbreiteten Angst vor den herannahenden Türken und Tataren Herr zu werden. 

Der Bevölkerung dienten die Kirchenburgen als sicherer Zufluchtsort. Samt ihrer Habe und ihrem Vieh bezogen die Fliehenden die Befestigungen um ihre Kirche herum – häufig für Wochen. Man spricht gern von Wohnwaben, die einem Bienenstock ähneln. Gottesdienste und Schulunterricht wurden hier abgehalten. Ganze Ortschaften konnten auf diese Weise vor der Ausrottung bewahrt werden. 

Sobald die raubenden und plündernden Invasoren abgezogen waren, kehrte man in sein Dorf zurück. Von einigen Anlagen wird berichtet, dass es geheime unterirdische Gänge zurück in die Ortschaft gegeben habe. Man habe so die Wasserversorgung sicherstellen können, wenn der Brunnen in der Wehrburg ausgetrocknet war.

Eine der besterhaltenen Kirchenburgen ist die im siebenbürgischen Birthälm (Biertan), ein spätgotisches Exemplar. Im Inneren der Kirche ist einer der größten noch erhaltenen Flügelaltäre zu bewundern. Der noch heute hübsche kleine Ort war nicht nur ein bemerkenswerter Marktflecken, sondern ab 1572 auch Bischofssitz der Protestanten. 

Im 16. Jahrhundert lebten in Birthälm 5000 Menschen. Ihre Zahl reduzierte sich durch Pestepidemien und Türkeneinfälle stark. Der Aufstieg zur erhöht gelegenen Kirchenburg erfolgt über einen überdachten Wehrgang. Der Bau der spätgotischen Hallenkirche begann 1492 an der Stelle eines früheren Gotteshauses. 

Die Befestigungsanlage besteht aus drei Mauerringen sowie mehreren Türmen und Basteien. Eine besondere Sehenswürdigkeit in diesem Ensemble stellt die Tür zur Sakristei dar: Ihr raffiniertes Schloss mit 13 Riegeln wird durch die Drehung eines einzigen Schlüssels in Gang gesetzt. Diese höchst raffinierte Technik wurde bereits auf der Pariser Weltausstellung 1900 bewundert. 

Sehr zur Heiterkeit der Touristen trägt in Birthälm die Tatsache bei, dass es in dem uralten Gemäuer ein Scheidungszimmer zu besichtigen gibt, eine Art Gefängnis für zerstrittene Eheleute. Die schlichte Zelle ist mit nur einem Tisch, einem Stuhl und einem Bett ausgestattet. 

Hier saßen Paare ein, deren Beziehung so zerrüttet war, dass sie sich zur Scheidung entschlossen hatten. 14 Tage mussten sie in dem engen Raum ausharren und über ihre Beziehung nachdenken. Es heißt, die transsilvanische Paartherapie habe bis auf eine Ausnahme alle gefährdeten Ehen gerettet! Renate Reitzig